Geoffrey Winthrop-Young nähert sich Kittlers Denken über ein Gedicht von Goethe (Wandrers Nachtlied), das sich wie ein roter Faden im ganzen Buch im Denken Kittlers erahnen lässt und daher, wie ich finde, einen sehr klug gewählten Einstieg darstellt.
Auch der Exkurs zu Schillers Don Carlos, zu dem Kittler sich die Akten der Karlsschule zukommen ließ, auf die Schiller gegangen war, um herauszufinden, wie diese Schule konzipiert war, welche Pflichten die Schüler hatten und welches Wissen (welche Werte) ihnen vermittelt werden sollte - um anhand dieser "Programmiervorschrift" Don Carlos interpretieren zu können - stellt ein exzellentes Beispiel für Kittlers technisch/ technologisches Denken dar.
Winthrop-Young spart auch nicht an den notwendigen kritischen Bemerkungen und Einordnungen, wenn es beispielsweise um Kittlers Heidegger-Liebe, seinen in Bezug auf Frauen teils abwertenden Ton in Aufschreibesysteme 1800/1900 oder um seine Kriegsfaszination geht.
Was mir vielleicht ein bisschen gefehlt hat, waren die Kuriositäten, die Kittler auch immer mal produziert hat: Winthrop-Young erwähnt zum Beispiel in seinem Ausblick zu Griechenland die legendäre Videoaufnahme nicht, die von einer Griechenland-Expedition existiert, bei der Kittler eine Opernsängerin an das Ufer stellte, wo angeblich einst die Sirenen in der Odyssee gesungen hatten, wohl um herauszufinden, was es mit dieser Szene auf sich haben könnte. Eine verpasste Gelegenheit für einen amüsanten Kapitelexkurs!
Bei der Fülle an Informationen, die in einem so kurzen Einführungsbuch verarbeitet werden müssen, sei dies aber verziehen und ich vergebe trotzdem fünf Sterne.