Beunruhigend prophetisch
So jedenfalls erscheint mir Janusz A. Zajdels Roman Limes inferior aus dem Jahre 1982, nachdem ich ihn jetzt mal wieder gelesen habe. Auch wenn mir Zajdels Erzählstil mit seiner schnörkellosen Nüchternheit und seiner Neigung, die Maxime des don’t tell, but show eher zu mißachten, nicht besonders zusagt, so muß ich doch vor dem Scharfsinn, mit dem er die alptraumhafte Welt von Argoland entwirft, den Hut ziehen, zumal vieles von dem, was er hier in seine Welt einbaut, mittlerweile längst Wirklichkeit geworden ist.
Argoland, das ist ein riesenhafter urbaner Komplex, dessen Bewohner, angeblich nach ihrer Intelligenz, in sieben verschiedene Klassen eingeteilt sind, von denen die Nuller die Geschicke des Gemeinwesens leiten. Aufgrund der Automatisierung ist es immer schwieriger geworden, eine Arbeit zu bekommen, denn ein Großteil der Menschen wird schlichtweg nicht mehr gebraucht, um die Versorgung der Bevölkerung, den Umlauf der Waren und das Funktionieren der Administration sicherzustellen. Diesen Menschen wird allerdings eine Grundversorgung zugestanden, die in roten Punkten ausgezahlt wird, für die man sich bestimmte Güter beschaffen kann. Ab einer bestimmten Klasse kann man sich auch grüne Punkte durch eigenes Verdienst erwerben, für die es dann wieder höherwertige Waren gibt, und am Kopf der Währungshierarchie stehen die gelben Punkte, die man allerdings nur in den Ämtern und Besoldungsgruppen der höheren Klassen erwerben kann. Für letztere kann man sich Luxusartikel leisten. Die Bürger haben Zugang zu ihren Punktekonten über einen sogenannten Schlüssel, der auch alle Identitätsdaten und weitere lebenswichtige Informationen über den jeweiligen Besitzer speichert. Bargeld gibt es nicht mehr – denn das wäre ja viel zu gefährlich, könnte doch jemand ausgeraubt werden oder mit seiner Barschaft illegale Geschäfte betreiben. Das Leben der Menschen spielt sich ferner nur innerhalb des eigenen urbanen Komplexes ab, in dem Platz zum Luxusgut geworden ist, hat man doch der Zersiedelung Einhalt geboten, weil die wertvollen Flächen für die Ernährung einer mehr und mehr wachsenden Bevölkerung benötigt werden. Reisen sind unnötig geworden, und zudem sehr teuer, denn jede andere Megalopolis auf der Erde gleicht im Grunde Argoland, so daß kein Anlaß mehr besteht, den Ort zu wechseln und den Horizont zu erweitern. In dieser Welt ist es dem Lebenskünstler Sneer bislang recht gut gegangen, denn obgleich er in Wahrheit ein Nuller ist, ist es ihm immer gut gelungen, offiziell in der Klasse eines Vierers zu leben, was ihn vom Zwang befreit, einer geregelten Arbeit nachzugehen, die nur verhältnismäßig karg entlohnt wird, berücksichtigt man den zeitlichen Aufwand, den sie verursacht. Sneer ist nämlich der Auffassung, daß es das Wertvollste im Leben ist, Zeit für sich selbst und seine Gedanken, aber auch für alltägliche Vergnügungen zu haben, und da er ein sehr intelligenter Junge ist, hat er eine viel einträglichere Verdienstquelle, nämlich das sogenannte Liften, das darin besteht, Menschen, die mit ihrer Klasse und den damit verbundenen Aufstiegsmöglichkeiten unzufrieden sind, in den staatlichen Tests eine höhere Klasse zu verschaffen, wofür er jedesmal vom Gelifteten eine satte Summe Gelber auf sein Konto überwiesen bekommt. Irgendwann wird ihm klar, daß solche Transaktionen eigentlich leicht nachzuverfolgen wären in einem Staat, in dem alles über den Schlüssel läuft und jede Bewegung von Punkten unauslöschliche Spuren hinterläßt, und er beginnt sich zu fragen, warum in diesem Staat bestimmten Formen der Kriminalität und des Betruges kein Einhalt geboten wird. Doch ehe er sich’s versieht, muß er miterleben, wie es ist, wenn einem der Schlüssel mit einem Male gesperrt wird und man nicht einmal mehr die Möglichkeit hat, sich etwas zu essen zu verschaffen, und auch wenn sich dieses Mißverständnis anscheinend wie von selbst aufklärt, ist dies erst der Anfang von Sneers Abschied von der Routine, denn mit einem Male bekommt er die Möglichkeit, hinter die Kulissen von Argoland zu schauen.
Auch wenn Zajdel mit Limes inferior wohl hauptsächlich eine Parabel auf das Leben in seinem Heimatland Polen unter der Knute des Sowjetsozialismus im Sinn hatte, bleibt es doch beunruhigend, wie viele Parallelen es zwischen der Gesellschaft in Argoland und der modernen Welt gibt. In mehr und mehr Ländern ist es mittlerweile üblich geworden, alles, selbst kleinste Beträge, nur noch über Karte zu bezahlen, und als ob man sich so nicht schon gläsern genug machen würde, trägt beinahe jeder heute sein gesamtes Leben auf dem Smartphone mit sich herum. Das Gefühl der Bedrohung durch die Corona-Pandemie wurde dazu genutzt, um die Menschen daran zu gewöhnen, sich ihren „Impfstatus“ auf das „Handy“ zu laden, was erst der Anfang auf dem Weg zum gläsernen Patienten und zu zentralen „Impfregistern“ sein dürfte, aber auch schon vorher haben sich viele Menschen daran gewöhnt, überall ihre digitalen Fingerabdrücke zu hinterlassen, weil sie ihr Smartphone ja immer dabei haben. Ja selbst die Monadisierung des Menschen ist im Zuge von Corona noch einen Schritt weitergekommen, galt es doch während der ersten „Lockdowns“ als Zeichen von Bürgersinn, möglichst keine echten Kontakte mehr zu pflegen, sondern diese allenfalls in den digitalen Raum zu verlagern, wo sie ja ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Es gibt aber auch noch andere Entwicklungen, die Zajdel in seinem Buch schon in den 80er Jahren erkannt hat, wie beispielsweise die zunehmende Verflachung von Bildungsstandards oder die Schwierigkeiten, angesichts weitgehender Automatisierung noch die Zeit und das Leben der meisten Menschen zu füllen, und es ist faszinierend zu lesen, wie er diese in seiner alptraumhaften Gesellschaft von Argoland zu einem bedrohlichen Ganzen verflicht.
Erzähltechnisch allerdings bleibt er weit hinter seinem Vermögen als Weltenbildner zurück, denn die Drahtzieher hinter der argoländischen Gesellschaft sind bei ihm mysteriöse Außerirdische – er meinte damit freilich den sowjetischen Nachbarn –, und, was noch unbefriedigender ist, am Ende löst sich die Story in einer schwer zu greifenden ex machina Wolke auf. Erzählerisch ist der Roman damit für mich unbefriedigend, doch als Anstoß zum kritischen Nachdenken über unsere eigene Gesellschaft ist er unschätzbar.