Liebes Tagebuch,
im Roman NUR DIE ZEIT ZUM FEIND von Michael Bishop geht es um eine Zeitreise zur Wiege der Menschheit ins sog. "pleistozäne Afrika" vor Millionen Jahren.
Zu den Hintergünden: Vor etwa 8 Millionen Jahren spaltete sich die Entwicklungslinie des Menschen von der der heutigen Menschenaffen ab. Vor etwa 2,5 Millionen Jahren entwickelten sich aus den Australopithecinen erste Vertreter der Gattung Homo: der "Homo habilis" und der "Homo rudolfensis", erstere Gattung wird im Roman eine Rolle spielen. Diese Vormenschen besaßen ein höheres Gehirnvolumen von etwa 700 Kubikzentimetern, einen vollständig aufrechten Gang und sie konnten Steingeräte herstellen – eine entscheidende Innovation in der Humanevolution.
Zum Buch: Dies ist also eine Geschichte über einen schwarzen Amerikaner namens "John" alias "Joshua Kampa". Er reist etwa zwei Millionen Jahre in der Zeit zurück, an einen Ort mizt einem See in Ostafrika. Dort freundet er sich mit einem Stamm von Hominiden an, primitiven Vorfahren der modernen Menschheit ("Homo habilis"), und „heiratet“ schließlich eines der "Weibchen" bzw. Frauen: Helena. Sie stirbt bei der Geburt, und Joshua bringt seine Tochter zurück in seine eigene Zeit, in die späten 1980er Jahre.
NUR DIE ZEIT ZUM FEIND scheint eine große Geschichte einer "Liebe über die Äonen hinweg" zu sein, wäre da nicht der antiromantische Ton des Romans. Denn der Plot wird auf eine seltsam distanzierte, fragende und trocken-humorvolle Weise erzählt. Die paläoanthropologischen Details sind hervorragend ausgearbeitet, die afrikanischen Landschaften wunderschön beschrieben, und doch wirkt das Buch irgendwie kühl und auf Distanz gehalten.
Michael Bishops Prosastil ist ein guter, die Inhalte scheinen genau recherchiert und er salzt alles mit absichtlich platzierten kleinen Witzen. Dieses Buch ist das Werk eines talentierten und ernsthaften Schriftstellers, aber manchmal ist es schwer, zu erkennen, worauf er hinaus will.
Einerseits erzählt uns unser Held John in Ich-Perspektive sehr nah und eindrücklich seine Reise durch die Vorzeit, sein Erleben, Fühlen und Bangen in dieser doch recht harten Welt, es geht hier insbesondere um seine Abenteuer und seine Beziehung zu der Gruppe von "Homo Habilis"; auch um seine (durchaus kritisch zu sehende) Liebes-/Sexualbeziehung zu einer weiblichen Hominidin.
Anderserseits erfahren wir aus der personalen Erzählperspektive einen oft nüchternen Abriss von Johns Kindheit und Erwachsenendaseins im 20. Jahrhundert, hier haben wir vorwiegend Elemente einer Charakterstudie: Die Kapitel in der dritten Person erzählen Johns Leben, von seiner unehelichen Geburt in der Nähe eines amerikanischen Luftwaffenstützpunkts in Spanien bis zu dem Moment, als er als von der Regierung geförderter Anthropologe Zeitreisen unternimmt, um die Geheimnisse der menschlichen Herkunft zu entschlüsseln. Der größte Teil dieses Handlungsstrangs ist zwangsläufig keine Science-Fiction: Es handelt sich eher um eine geradlinige und realistische Erzählung über ein modernes Leben der 80er, die stellenweise sogar einfühlsam erzählt wird. John hat ein angespanntes Verhältnis zu seinen Pflegeeltern; er träumt in halluzinatorischen Details vom prähistorischen Afrika; diese Träume sind das Tor für die Zeitreise.
Diese Mischung aus Paläontologie, Psychologie und Mystizismus mag einige SF-Leser irritieren, vor allem diejenigen, die ihre Science Fiction gerne rational fundiert haben und ihre Zeitmaschinen als echte "ölige Vehikel" (und nicht als Traumkutschen) sehen wollen. Auch mich irritierte die "Realitätsverschiebung" in der Tat. Ich frage: "Wie kann John ein sehr greifbares Himinidenkind aus der Vergangenheit zurückbringen, wenn die vorzeitliche Welt, die er besucht hat, nur eine Projektion seines eigenen Geistes ist?"
Fazit: Der Roman besticht durch wunderbare Schilderungen und Abenteuer der Vorzeit sowie seine Charakterzeichnung des Helden und seinen abwechslungsreichen Aufbau, bspw. durch stetige Wechsel der Erzählperspektiven, und verzichtet auf einen technischen Erklärungsversuch der Zeitreise.
Das Buch hat mir insgesamt recht gut gefallen, es ist abwechslungsreich und stellenweise richtig humorvoll geschrieben.