Die Einleitung von Thorsten Sträter weiß zu gefallen. Motive wurden angestimmt, die später von Wichtigkeit sind. Antisemitismus, das Los der Unterschicht, Feuer und Wasser/Dampf. Ein Magier/Illusionist gelangt in eine Welt in der die Technik ihm wunderbar vorkommt wie der Welt seine Taschenspielertricks. Die Kohlegewinnung als Voraussetzung der Dampfkraft wird thematisiert, den Preis für die Entwicklung (die Zeche) müssen die Kumpel mit ihrer Gesundheit zahlen. Die erste ("Saubere Arbeit" von Charlotte Engmann) ist nett, illustriert die Idee, dass die Erhöhung der Produktivität durch Dampfkraftmaschinisierung Bildung und gesellschaftliche Weiterentwicklung ermöglicht. Leider nicht für alle, wie das Ende zeigt. Gerd Scherms Geschichte mit dem Titel „Der Rosenbaum-Golem“ ist die abgerundetste, auch wenn ich hier den Eindruck habe, dass sie etwas länger sein könnte. Sie gefiel mir weniger durch die eher holzschnittartige Darstellung der Charaktere, als durch die Idee des Dampfkraftroboter-Golems. Der war letztendlich zu erfolgreich, weshalb das Ende mir einleuchtet. Allerdings wird dadurch auch ein Teil des Potentials verschenkt. Die zweite („In Begleitung“ von Oliver Hohlstein) ist auch etwas kurz. Sie ruft die Wirkmächtigkeit der kinematographischen Illusion ins Gedächtnis, die um die Jahrhundertwende als neues Medium viel stärker als heute war. Die Geschichte ist etwas überkonstruiert, doch nicht unoriginell und spannend. Das überraschende Ende kommt viel zu schnell und zu unvorbereitet. Das Detail mit der Brennnadel für die "Bettini Plattenkamera" finde ich als Entsprechung der heutigen Digital-Kameras recht putzig. Der Puppenspieler in der gleichnamigen Geschichte von Felix Woitkowski ist ein sympathischer Verlierer der Entwicklung, die in dieser Welt eingesetzt hat. Er ist geschickt mit Querverweisen in die Welt eingebaut, doch letztendlich bietet diese Geschichte aus dem SF-Blickwinkel nicht viel, weil Steampunk-Elemente allenfalls im Hintergrund auftauchen. Die Geschichten aus Berlin bilden ein interessantes Geflecht, für sich selbst sind sie etwas wenig.
Ein anderer Schauplatz ist Wien. Die Idee von einem dampfbetriebenen Teilchenbeschleuniger im Wien um 1900 als Steampunk-Setting finde ich gelungen. Eine spannende Geschichte legt da Andreas Gruber mit „Die Weltmaschine“ vor. Nur dass der Mörder zum Träger von Informationen wird, die er eigentlich gar nicht braucht, erscheint mir letztendlich zu konstruiert. Der versierte Leser weiß in etwa, wohin der Hase läuft. Den Logik-Fallen des Themas entkommt Andreas Gruber jedoch auch nicht ganz. "Die Sache mit Valentin" vermag anzurühren. Der Straßenjunge Valentin ist verschwunden und seine Freunde suchen ihn. Auch Valentin ist ein "Opfer", aber die Geschichte fügt zur Besonderheit der gemeinsam geschaffenen Welt kaum etwas hinzu. Sie könnte auch im realen Wien um die Jahrhundertwende spielen. Bei „Die neue Eiszeit" von Nina Horvath lässt der Titel hoffen, dass hier die Folgen der umfassenden Verwendung von Dampfkraft, wie Industrieschnee und dreckige Luft sichtbar werden, aber die "neue Eiszeit" ist nur eine Behauptung der neu entstandenen Umweltbewegung - und die Zukunft der Liebe zwischen einem Aktivisten und der Tochter des Kraftwerksbesitzers. Die Enttäuschung der Erwartungen auch der Protagonisten an die Technik ist auch für den Leser eine Enttäuschung, aber es entspricht viel mehr der Realität, den Erfahrungen mit Zukunftstechnologien heute. Die Fahrt mit dem Dampftaxi durch die Stadt in Stefan Cernohubys Geschichte "Das Dampftaxi" rundet den Wien-Teil ab, aber es entsteht zu wenig Spannung. Ganz nett die Pointe, aber eben eine zu „gemütliche“ Geschichte.
In Hamburg ist die mächtige Gräfin von Paapen die Gegenspielerin der Dampfkraftlufschiffer. Sie selbst tritt in den Geschichten selten in Erscheinung, aber ihre Familie und ihre Helfer sind Akteure in diesen Geschichten. Den Anfang macht eine Geschichte, in der eine exotische Pflanze helfen soll, einen Hamburger Ratsherren zu erpressen. Ein raffinierter Plan, der aber nicht aufgeht. Diese Geschichte von Sylke Brandt ist für den Band selbst fast schon exotisch, weil sie die Einführung einer exotischen Pflanze und einer neuen Technologie wagt. Schwächer ist die Geschichte um den jungen Dampfautorennfreund, der auch in die Machenschaften der gräflichen Familie eingespannt werden soll. ("Kesselchen" von Philip Bobrowski) "Die Luft der Freiheit" von Chris Schlicht: Ein wackerer Luftschiffingenieur will beweisen, dass Luftschiffe eine echte Alternative zur Gewässerschifffahrt sind, doch diese Konkurrenz schläft nicht und ist auch nicht zimperlich. Ein junge Erbin will ihn die Gelegenheit geben. Der Rahmen der Geschichte ist reizvoll, doch sie selbst ist schon sehr konventionell und ziemlich vorhersehbar. Man kommt sich als Leser vor wie in einer Nacherzählung eines Hollywoodfilms. Nur dass für die Traumfabrik ein echter Steampunk-Film ein Novum wäre.
Es geht weiter mit München, zur Zeit des Oktoberfestes. Die neue Welt bringt auch neue Typen von Schurken wie Spring Heeled Jack hervor, einem dampfbetriebenen Unhold, der es auf den Industriellensohn Frank Cunningham abgesehen hat. Der mittellose Arbeiter Bruno soll den Fabrikantensohn vor im beschützen, nachdem er es einmal geschafft hat, ihn zu vertreiben. Doch Cunningham ist nicht ganz ehrlich. Eine spannende Geschichte ist "Minimale Chance" von Christian Wozonig, die nur den Eindruck erweckt, dass sie sie sich zu sehr auf die Handlung konzentriert. Es wird noch krimineller. Eine Anarchistengruppe plant in Damian Wolfes Geschichte „Raketen und Revoluzzer“ einen Anschlag, und die technisch beschlagene Subproletarierin Lotti soll ihnen helfen. Auch diese Geschichte ist recht spannend geworden. Ein Brand in einer Bewirtungsstube auf dem Oktoberfest ruft die Polizei in "Der Automaten-Imbiss" von Marco Ansing auf den Plan. Sie stellen fast, dass auch in der Gastronomie die neue Mechanisierung ihre Freunde und Feinde hat. Gut gelungen ist das Ermittler-Gespann. Mit kleinen Details versteht es Ansing zu verfremden und ein bisschen Ironie hatte auch Platz. "Trambahnritzenreinigungsweiberl" von Simone Edelberg widmet sich mal wieder den Verlierern. Die Schienenschmiererinnen der noch pferdebetriebenen Straßenbahn streiken, weil sie ihre Arbeitsplätze bedroht sehen, Aber der Streik geht böse aus, auch weil die Frauen alleine stehen.
Ein interessanter und ambitionierter Versuch, die Möglichkeiten des Steampunk als Geschichtenreservoir und Medium für Gedanken zur industriellen Entwicklung auszuloten. Sympathisch, dass dies oft von unten, aus der Sicht der kleinen Leute, betrachtet wird. Nicht immer können die Geschichten als Steampunk, als SF-Geschichten für sich bestehen, das ist schade. Die Zusammenarbeit so scheint es, hat eher die Phantasie eingeengt statt beflügelt. Das hängt auch mit der Selbstbeschränkung zusammen, sie sich laut Nina Horvath sich die Geschichtenweber auferlegt haben. Jeder hat an seiner Geschichte gearbeitet, aber weniger an der größeren Farbigkeit und Detailliertheit des Gesamtentwurfs. Biederes Erzählerhandwerk statt souveräner Umgang mit der neuen Subgenre Steampunk. Die meisten Autoren befanden sich wohl noch in der Anwärm- oder Annäherungsphase. Ein zweiter Versuch würde sich unter Umständen lohnen. Das Titelbild gefällt mir in der farblichen Gestaltung recht gut. Nur das rote "Punk" mit dem Ausrufezeichen finde ich zu grell, wirkt wie ein Label. Wenn man sich auch von dem konventionellen Gedanken Abstand nimmt, dass ein Cover auf einem SF-Titel etwas Konkretes darstellen soll, dann ist es auch in motivischer Hinsicht gelungen, weil es dadurch Plattheiten und Klischees vermeidet.
Das macht hier für jeden Autor circa 10 bis 20 Seiten Platz um ihre Aussage und ihre Vorstellung des deutsch-sprachigen Szenerien zu platzieren. Das ist wirklich nicht viel um mit ihren Alternativen zu überzeugen. Die zwei schönsten Titel in dieser Anthologie sind: „Kesselchen“ und „Das Trambahnritzenreinigungsweiberl“. Meine Favoriten vom Inhalt her sind aber: „Exotische Intrigen“ und der „Prolog".
Wobei das echt schwer ist, sich auf EINE festzulegen in diesem Fall, da sie miteinander verknüpft sind und zusammen hängen! Das ist schon ein beachtliches Stück Leistung. Sehr schade aber, dass es am Ende nur ein Nachwort und keine ausklingende Geschichte gab. Ich hätte Erik gern noch einmal gesehen um das ganze Buch in einen Umschlag zu fassen. Wie schon im Zwischenstopp erwähnt, hätte es sich auch einfach angeboten ihn überall mal auftauchen zu lassen, aber ich hab’ ihn leider nicht gesehen - wenn er denn da war. Zum Cover möchte ich sagen, es sieht im Internet wesentlich ansprechender aus als in der gedruckten Ausgabe. Ich finde der Titel geht unter, ebenso wie die kleinen Bildchen in den Ecken. Zu herausstechend ist das ‚Kreuz‘ mitsamt der ‚Rundung‘ in der Mitte.
Klar ist aber eins: In Deutschland gibt es viele wundervolle Ecken um im Steampunk-Bereich anzusetzen! Das sollte wirklich mal mehr genutzt werden! London kann ja jeder *zwinker*. Und hier ist alles dabei: Ermittler, Luftschiffe, Zeitsprünge, Tüftler und Dampf. So wie es sich gehört! Mal haargenau aus der Historie gemopst oder angelehnt, mal ihrer Zeit voraus gegriffen oder mit ein bisschen Weiterentwicklung gemixt. Ein Hoch auf die Phantasie! Die Autoren haben hier alle zusammen eine sehr gute Leistung abgeliefert. Da in einer Sammlung aber nicht alles immer den Geschmack trifft: