Von einer -afenbande, die auszog, um das Fürchten zu lernen
Ganz oben, im hohen Norden, hausen die Normannen, ein kriegerisches Volk, welches Calva aus den Schädeln seiner erschlagenen Feinde trinkt, das aber auch die Weisheit der schwarzgefiederten Odinsraben Hugin und Munin in sich vereint. Eines jedoch kennen die Normannen nicht, nämlich die Angst, die ja bekanntlich Flügel verleiht. Die Schmach dieses Unwissens wollen die Nordmänner indes nicht auf sich sitzen lassen, und so bricht eine Rotte unter ihrem Häuptling Maulaf – die Gallier werden sich später weidlich über die komischen Namen der Normannen lustig machen – auf, um zu erfahren, was Angst eigentlich sei. Dabei verschlägt es sie ausgerechnet an die Gestade Armoricas, wo das unbeugsame Dorf der Gallier liegt, die immer noch den Römern trotzen. Dort wiederum gibt es einen unbequemen Gast, den jungen Halbstarken Grautvornix, ein Neffe Majestix‘, der aus Lutetia aufs Land geschickt wurde, damit aus ihm ein rechter Mann geschmiedet werde. Man kann sich schon denken, daß diese beiden Handlungsstränge flugs miteinander verknüpft werden zu einem der klassischen Asterix-und-Obelix-Abenteuer, in dem es wieder einmal zu einem wörtlich zu nehmenden Zusammenprall zweier Kulturen kommt.
Erneut zeigen sich Goscinny und Uderzo von einer etwas konservativen Seite, denn der Jüngling Grautvornix stößt mit seinen Großstadtsitten so manchem Gallier vor den Kopf und entpuppt sich zunächst einmal als ein echter Waschlappen, dem die Furcht vor den Normannen in die Glieder fährt, was ihn wiederum gerade für die ungebetenen Gäste interessant macht, denken sie doch, von niemand anderem als ihm das Fürchten lernen zu können. Nur dumm, daß da irgendwie ein Freiflug von der Klippe inbegriffen zu sein scheint, denn schließlich geht es ja auch darum, das Fliegen zu erlernen – eine etwas kindische Prämisse, die aber der insgesamt guten Story keinen Abbruch tut, denn nicht nur die Gallier haben ihre liebe Not mit dem halbstarken Grautvornix, der mit einem in Mailand gebauten weißroten Rennwagen (!) ins Dorf einfährt und dort gleich neue Tänze einführt, sondern auch eine römische Patrouille leidet unter einem jungen Grünschnabel, dem hochgeschossenen Gutzufus, der noch lernen muß, daß er mit seiner Dienstbeflissenheit bei unseren unerschrockenen Galliern an der falschen Adresse ist. Außerdem spielt wieder einmal Troubadix eine tragende Rolle, wird er doch genau in dem Augenblick von Grautvornix ermuntert, dem „barbarischen“ Dorf den Rücken zu kehren und im fernen, aber modernen Lutetia seine Sangeskunst darzubieten, wenn er im Dorf am dringendsten gebraucht wird. Nur so viel sei gesagt: Am Ende des Abenteuers darf er sogar mit seinen Freunden gemeinsam tafeln, während seine Nemesis Automatix mit Petersilie in den Ohren gefesselt am Baumhaus baumelt – aber warum das so ist, das muß der geneigte Leser selbst herausfinden.
Wo wir gerade bei Automatix sind: Dies ist zwar nicht das erste Album, in dem der Schmied auftritt, aber gleichwohl das erste, in dem er ein für allemal in seine graphische – das ist jetzt nicht normannisch gemeint – Form gegossen wurde, nämlich als blonder, ledergeschürzten, hünenhafter Hammerträger.
Mein Lieblingspanel findet sich auf Seite 19, wo die Normannen ihr Opfer Grautvornix durch einen Keulenschlag außer Gefecht gesetzt haben und sich folgender Wortwechsel zuträgt: „Hoffentlich hast du ihn nicht allzu sehr beschädigt, sonst dient er uns nicht einmal mehr als Geschirr.“ – „Ja, wenn er zu stark eins auf den Deckel gekriegt hat, kann man nicht mehr mit ihm anstoßen.“
Zum Abschluß noch ein konservatives Wort meinerseits zu dem neuen Cover: Ihm gegenüber gebe ich dem alten Cover auf ganzer Linie den Vorzug, denn das Bild, auf dem wir Grautvornix sahen, der einem sich erwartungsvoll die Hände reibenden Obelix und einem nachdenklichen Asterix am Strand ein am Horizont erscheinendes Drachenschiff zeigte, wirkt doch bedrohlicher und somit stimmungsvolle als das neue, etwas wuselige Titelbild.