Claude Vigée: Bischweiler oder Der große Lebold (1998)
An einem Sommertag, lange vor dem Krieg von 1914, beschlossen meine Großmutter Coralie, ihr Mann Jules und ihre Tochter Thérèse auf einem Spaziergang durch die Wälder von Gries und Marienthal, am Waldrand im Grünen zu essen, im blühenden Gastgarten der Unterhütte. Sie bestellten ein herzhaftes Gericht mit gekochtem Schinken und Schnittlauchquark. Also eine doppelte und überaus schwerwiegende Übertretung der mosaischen Vorschrift, die sowohl den Verzehr von Schweinefleisch als auch die unreine Mischung von Fleisch- und Milchgerichten verbietet.
Wie sie da sitzen und Früchte ihrer Sünde genießen, kreuzt ein Trupp ultrafrommer
Hagenauer Juden auf, nahe Verwandte der Familie, in Begleitung etlicher Honoratioren ihrer großen israelitischen Gemeinde. Coralie, über den allzu sichtbaren Anblick der rosa Schinkenscheiben auf ihrem Teller beschämt, wirft schnell eine Leinenserviette mit rot gesticktem Rand darüber, um sie neugierigen Blicken zu entziehen, bis sich die frumme Hawenauer aus dem Wirtsgarten in die Gaststube verzogen haben, wo man kühler bei seinem braunen Bier sitzt, das frisch vom Eichenfaß gezapft wird.
Bald geht das Roggenbrot auf dem Tisch meiner Großeltern aus, und meine Tante
Thérèse, damals noch ein junges Mädchen, wird von ihrer Mutter ins Haus geschickt,
um ein Viertel Weißbrot zu holen. Thérèse entdeckt in einem dunklen Winkel des
Schankraums unsere frommen Nachbarn und Glaubensbrüder gemütlich vereint um
eine Platte mit rohem Schinken und dazu noch ordentlich fettem Räucherspeck. Als
sie ihrer Fanilie, die einsam im Garten tafelt, erzählt, was sie eben gesehen hat, ist die
Wut meiner Großmutter Coralie groß. Haben doch die Hagenauer Tartuffes sie erst in
Verlegenheit gebracht und dann noch hereingelegt. „Esoo e Jesu Jiddeband”, so eine
Bande jüdischer Jesuiten, ruft sie und verschluckt sich am letzten Bissen Schinken.