So hatten sich das die Retter an Bord der Armorica nicht vorgestellt: Statt sich evakuieren zu lassen, fordern die Schiffbrüchigen der Vilm van der Oosterbrijk, dass ihr Planet als unabhängige Welt anerkannt wird. Damit lösen sie eine diplomatische Krise aus, denn der wenig attraktive Regenplanet weckt unerklärbare Begehrlichkeiten: beim Flottenkommando auf Atibon Legba, der Goldenen Bruderschaft, den Päpsten von Vatikan, bei Versicherungskonzernen und Journalisten. Die Vilmer, deren ganzer Reichtum aus einer riesigen Schutthalde besteht, scheinen all dem hilflos ausgeliefert. Aber sie bringen ihre Widersacher immer wieder ins Grübeln, nicht zuletzt über die Frage, ob Vilmer überhaupt noch Menschen sind ...
Die ersten Sätze Hatte das alles nicht mit She Tsi begonnen, dem kleinen stillen Chinesen? (Band 1. Der Regenplanet) Eine Runde von Kapitänen saß beisammen, an einem geräumigen Sechsertisch, von dessen Sitzplätzen einer sorgsam freigehalten wurde. (Band 2. Die Eingeborenen)
Inhalt
Nachdem das riesige Raumschiff aus unbekannten Gründen auf einen Planeten abgestürzt ist, auf dem es andauernd regnet, müssen sich die Überlebenden irgendwie arrangieren. Ihre Versuche, um Hilfe zu rufen, scheitern (zunächst scheint es so …) Aus den Resten des „Weltenkreuzers“, die wie ein Gebirge aus Schrott auf der Oberfläche liegen, holen sie alles irgendwie Verwertbare heraus … sie versuchen, sich an das miese Wetter zu gewöhnen, was nicht allen gelingt. Sie errichten Siedlungen und finden es irgendwann überflüssig, auf Rettung zu hoffen. Der Planet Vilm mit seiner eigenartigen Fauna und Flora wird allmählich zu ihrer Heimat … für die Kinder der Gestrandeten ist er es von Anfang an. Sie kennen nichts anderes und schliessen Kontakt zu einer einheimischen Lebensform. Sie werden zu etwas, das nicht mehr ganz menschlich ist …
Ein Weltraumlotse, der nicht mehr lange zu leben hat, entdeckt schliesslich den jahrzehntealten Hilferuf. Als auf Vilm endlich Rettungstruppen eintreffen, will sich aber kaum jemand retten lassen … Die Vilmer müssen sich politisch gegen die Fremdbestimmung durchsetzen und tun es auf durchaus schlitzohrige Weise. Sie treten selbstbewußt als neues Volk in einem Kosmos voller seltsamer Völker auf, die alle mal Menschen waren, sich aber auf seltsame Art entwickelt haben. Die Vilmer empfangen Touristen und behandeln sie so, wie sie es verdienen … und am Ende begreifen sie, dass sie mit genau jenen Leuten Bündnisse geschlossen haben, die seinerzeit den Absturz verursachten. Politik, zähneknirschend ertragen.
Fazit
Die beiden Bücher bilden gemeinsam einen Roman, der aus selbstständigen Erzählungen bzw. Kapiteln zusammengesetzt ist. Keine Hauptpersonen, keine durchgehenden Handlungsstränge. Der Planet selbst ist der Protagonist der beiden Bücher … und all die Erzählungen sind auf vielfache Weise miteinander verbunden. Es macht Spass, die Querverbindungen zu entdecken – wenn etwa ein ganz düsteres Kapitel, in dem Schiffbrüchige mit einem schrottreifen Fluggerät aufsteigen, um einen Hilferuf abzusetzen, später aufgegriffen wird, als der Lotse den Ruf wider Erwarten auffängt … und nochmals ganz am Ende, als das Wrack desselben Flugzeugs unter seltsamen Umständen aufgefunden wird. Die Nachricht, die ein Raumfahrer während des Absturzes praktisch im Moment seines Todes absetzt, langt am Ende des Romans doch noch an … Jahrzehnte verspätet.
Die Figuren machen dramatische Entwicklungen durch: Aus der snobistischen Eliza wird eine tapfere Frau, als sie ihren Arm einbüsst, um die Überlebenden zu retten … später eine taffe Eingeborene. Der starrsinnige Knabe Will mausert sich zum Regierungschef. Und die Kinder auf Vilm entwickeln sich zu seltsamen, faszinierenden Wesen, die vertraut und doch fremd wirken. Insgesamt sind die beiden Bücher (unbedingt zusammen lesen) eine Fernsehserie ohne Bilder … die Dinge, die geschehen, haben im Hintergrund alle mehr oder weniger miteinander zu tun … die Bilder dazu macht sich LeserIn selbst … … so man es ertragen kann, auch mal eine ungewohnte, mosaik-ähnliche Erzählstruktur zu entschlüsseln, in der trockene Erklärungen absolute Mangelware sind. Stattdessen malt der Autor starke Bilder… Kopfkino halt. Gesamteindruck
5 Sterne: Spannende, originelle, intelligente Unterhaltung mit Tiefgang und Suchtpotential.
(… die offen bleibenden Rätsel im Hintergrund sind ein geschickter Schachzug, denn LeserIn wie meinereiner denkt noch lange darüber nach, was es mit den Päpstinnen auf sich hat … mit der goldenen Bruderschaft, den Karnesen und dem epsilonischen Raumschiff … der Strahlung, die Leute versteinern lässt … und den Regendrachen.)
… ausgezeichnet mit dem Deutschen Science Fiction Preis 2010 als bester Roman.