Jahrhunderte der Kirchenspaltung, und doch stehen hier die Eine Kirche und der Glaube an sie im Fokus des Interesses. Kontroversen zu führen, ist dabei nicht nur notwendig, sondern auch fruchtbar. Sie können zu einem neuen Blick auf das führen, was miteinander verbindet. Diese Ekklesiologie bringt klassische und moderne evangelische und katholische Positionen miteinander ins Gespräch, um der fortschreitenden Fragmentierung der Kirche entgegenzutreten und neue Perspektiven zu eröffnen. Sie geht von den heute noch verbindlichen reformatorischen Bekenntnisschriften aus, erläutert diese durch Rückbezüge auf Luther und Calvin und sucht durch eingehende Auslegung der ekklesiologischen Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils das gemeinsam Christliche zu finden. Das Gegenüber der Konfessionen wird mit Bereitschaft zur Kontroverse behandelt - aber mit der Absicht, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die wichtigsten modernen Gesprächspartner sind dabei u.a. Karl Barth und Edmund Schlink für die evangelische Perspektive, Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger für die katholische.
In seinem Werk „Ich glaube an die eine Kirche“ legt Sven Grosse eine theologisch dichte und logisch stringente Ekklesiologie vor. Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert: das Wesen der Kirche, das Amt und die Ämter sowie die Gefährdungen der Kirche und deren Überwindung.
Der Inhalt ist intellektuell herausfordernd. Grosse schreibt explizit als lutherischer Theologe, schlägt aber eine beachtliche Brücke zur katholischen Sichtweise. Er entwickelt seine Thesen oft durch eine kurze Definition, die er dann im Dialog mit Klassikern wie Luther und Calvin, aber auch mit dem katholischen Dokument Lumen Gentium entfaltet.
Besonders prägnante Punkte seiner Argumentation sind:
Sakramente und Taufe: Grosse vertritt ein sehr starkes Sakramentsverständnis und plädiert mit Nachdruck für die Kindertaufe. Seine Ausführungen zu diesem Thema sind theologisch tiefgehend und äußerst spannend zu lesen.
Das Amt: Er vertritt ein hohes Amtsverständnis und leitet daraus unter anderem die Ablehnung der Frauenordination ab, da der Amtsträger Christus repräsentiere.
Ökumene: Während er das Papsttum eher negativ bewertet, hebt er das Bischofsamt positiv hervor. Für ihn liegt der Schlüssel zur Überwindung konfessioneller Differenzen darin, den Fokus konsequent auf Christus zu legen.
Freikirchen: Grosse setzt sich kritisch mit freikirchlichen Modellen auseinander. Er plädiert dafür, dass diese sich als „ecclesiolae in ecclesia“ verstehen sollten. In Anlehnung an Troeltsch sieht er in der freikirchlichen Absonderung tendenziell sektenähnliche Strukturen, welche die sichtbare Einheit der Kirche gefährden.
Gefahren und Säkularisierung: Er warnt vor der Verweltlichung und Tyrannei in der Kirche. Interessanterweise zeigt er sich jedoch dankbar für die Säkularisierung, da diese seiner Ansicht nach den Druck erhöht hat, ökumenische Gespräche zu intensivieren und die Einheit zu suchen.
Fazit: Die Lektüre war für mich sehr bereichernd. Grosse klärt wichtige Rückfragen, spart nicht an fundierter Kritik und zwingt dazu, das eigene Kirchenverständnis neu zu durchdenken. Ein tiefgründiges Werk, das wertvolle Impulse für die heutige ökumenische Debatte liefert.