Metafiktion. Heute nicht neu, damals, 1981 - ja wie war es damals? Wenn man viele metafiktionale Texte gelesen hat und keinen zeitlich oder räumlich einordnen kann[1], könnte alles Innovation oder kalter Kaffee sein. Bleibt zumindest die Frage, ob es gute Metafiktion ist. Gut im Sinne von gelungen. Gelungen im Sinne von: "Das sagt mir tatsächlich etwas über das Erzählen, über Fiktion, über das Gewebe, das wir Realität nennen. Fahr' schon mal den Bentley vor!" Ist "Ein Lied von Schein und Sein". Also gute Metafiktion ist es.
Der Schriftsteller schreibt über einen Schriftsteller, der über Figuren schreibt, die er aus Verlegenheit gegenüber einem Schriftsteller erfunden hat. Und da sie jetzt existieren, die Figuren, müssen sie durch eine Handlung geführt werden. Oder sie sind es, die führen. Dabei handelt es sich eigentlich nicht um Figuren des zweiten Schriftstellers, der selbst eine Figur ist, sondern des ersten. Der wahre Schriftsteller zieht wie der Imperator (ich kenn' mir aus mit den "Star Treks") die Strippen im Hintergrund und schickt Erzählmarionetten vor. Klingt komplizierter als es ist.
Nooteboom macht kapitelweise seinen Oberst und seinen Arzt lebendig. Dann seinen Schriftsteller, der vorgibt, mit den Figuren geplagt zu sein. Beides funktioniert sehr gut. Beim Lesen nimmt man Oberst und Arzt für wahr. Der Schriftsteller erinnert daran, dass sie es nicht sind. Und weil er das tut, kommt man grundsätzlich nicht darauf, dass der Schriftsteller es auch nicht ist.
Es sollte ein Pokémon namens Trötöt geben. Ein kleiner Kohlrabi mit einer napalmspuckenden Tröte als Nase. Trötöt könnte auch ein bulgarischer Oberst sein oder im vietnamesischen Dschungel kämpfen.
"Schein und Sein" sind dasselbe, wenn die Möglichkeit Wirklichkeit ist. Und die Schriftsteller verunsichern sich diese Gleichung gegenseitig. Ein Lied vielleicht deshalb, weil Literatur und Musik dieselbe DNS haben. Lyrik, Lyra, Dionysien, der Lokus von Rhodos.
Der Umschlagabbildung (Gino Severini: Les deux pierrots) messe ich keine tiefere Bedeutung bei. Wie Pierrots sehen die beiden Figuren nicht aus. Eher wie Pulcinellas. Das würde passen, weil der Pulcinella eine italienische Figur ist und die ménage à trois von Bulgarien nach Italien reist.
In Goethes "Italienischer Reise" heißt es zum Pulcinella: "Ein Hauptspaß dieser niedrig-komischen Personnage [...] bestand darin, daß er zuweilen auf der Bühne seine Rolle als Schauspieler auf einmal ganz zu vergessen schien." Das ist programmatisch für Nootebooms Text. Also messe ich der Abbildung wohl doch tiefere Bedeutung bei.
Der eine Schriftsteller schreibt nicht, der andere wie am Fließband. Der eine muss schreiben, um das Gefühl zu haben, zu existieren. Der andere schreibt, um die Existenz zu bestätigen, flüchtig wie sie sei. Verschiedene Vorstellungen von Existenz prallen aufeinander: Materielle und immaterielle. Persönlich bin ich bei dem einen Schriftsteller. Eine Figur existiert auch ohne Aggregatszustand. Ich selbst kann trotz aller Körperlichkeit im Nirvana schweben, wenn mir der Sinn für meine Seele fehlt. Solcher Sinn schwindet und wallt auf wie Meerwasser.
Binnenerzählung und Rahmenhandlung bluten ineinander über. Ein humoristisch-plumper Effekt. Der Erzähler meint über den Oberst, dass er allenfalls mit seinem Schöpfer, dem Schriftsteller, über sich selbst reden könnte. Da die Geschichte vor der Zeit ihres Autors spielt, ist das nicht möglich. Ein kabbalistischer Gedanke. Nur ist Zeit hierbei eigentlich kein Faktor. Ebensowenig Raum. Wenn der Schriftsteller sich seinen Kindern zeigen wollte, könnte er das tun, weil sie immaterielle Existenzen fristen. Oder sagen wir metaphysische, weil sie alle physikalischen Grenzen sprengen und das Universum ad absurdum führen.
Laura existiert in der Binnenhandlung oder auch nicht. Für den Arzt existiert sie nicht, sie sei keine "echte" Frau. Für den Oberst mag sie existieren; in erster Linie lässt sie ihn an seiner eigenen Existenz zweifeln. Welche Funktion erfüllt sie damit? Sie ist ein Wetzstein. Der Schriftsteller exerziert an ihr den Einfluss von Schicksal wie Zufall. Die Figuren ihren eigenen Sinn für Fiktionalität. Laura ist keine Figur, sondern ein Prinzip.
Reale Hintergründe werden in der Fiktion normalerweise nicht kenntlich gemacht. Fiktionalisiert werden sie sowieso. Durch die mögliche Unkenntnis der Leser werden sie reine Fiktion. Ich würde behaupten, die Fiktion kann reale Hintergründe gar nicht markieren, weil sie immer im Einvernehmen operiert, eine Wahrheit auszusprechen, die sich nie zugetragen hat. Man müsste also über Nachrichten erfahren, dass sich im Italien des Jahres 1979 dieses und jenes zugetragen hat, um zu überprüfen, ob die Hintergründe der Italienreise der Schriftsteller, nicht des Obersts und des Arztes und seiner Zukünftigen, in Nootebooms Roman real sind, fiktionalisiert oder fiktional. Klingt wieder kompliziert? Der Knoten im Kopf ist eher ein hübsches Schleifchen. The fabric of reality, der dicht gewebte Stoff ist elegant-einfache Dichtung.
Man wird darauf konditioniert, die hingeworfene Prosa ohne reflektor-auktorielle metafiktionelle Erklärungen metafiktionell zu deuten. Guckste:
"Sie verabredeten, am nächsten Nachmittag zu dritt in die Vatikanischen Museen zu gehen, aber der Oberst wußte, dass Ficew sich nicht an die Verabredung halten würde [...]. Ob die beiden anderen das auch wußten, vermochte er nicht zu sagen [...]."
Der Schriftsteller hinter dem Schriftsteller lehnt sich in seinem Stuhl zurück und nickt zufrieden, weil er den Leser zum Schriftsteller gemacht hat. Das ist keine nach Perwoll duftende Erkenntnis, der Leser als Autor wird in jedem Grundkurs Literaturwissenschaft gelehrt. Derart angewandt ist sie trotzdem ein Heureka wert.
Die Figuren begegnen ihrem Schriftsteller. Sicher? Nein, der Schriftsteller begegnet seinen Figuren, jedenfalls wähnt er sich kurz davor, doch Identifikation ist asymptotisch. Die Gerade zu erreichen schafft nur derjenige, der ohne Physik ist. Also der Verrückte, der Schriftsteller oder der Metaphysische. Vater, Sohn, heiliger Geist - der Schriftsteller hier ist alles. Aber dieser Gott erschrickt vor seiner Schöpfung und zwar so sehr, dass er sie lieber vernichtet, statt der Welt ihre Existenz zu verkünden. So endet es, wie Kafka es sich für seine immateriellen Existenzen gewünscht hätte (oder nicht) oder wie Dr. Frankenstein es sich hätte wünschen sollen. Ein Autor tötet sich selbst, um einem anderen Autor zu beweisen, dass diese Art von Selbsttötung möglich ist.
[1] Nooteboom hilft bei der Einordnung: "Das große Welttheater" ("El gran teatro del mundo") von Pedro Calderón de la Barca ist definitiv ziemlich alt.