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Schattengesicht

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Zwei junge Frauen auf der FluchtSo harmlos Milana und Polly auch wirken - irgendetwas stimmt nicht mit ihnen. Etwas Ungreifbares, Rätselhaftes umgibt sie. Warum schrecken die Menschen vor Pollys Stimme zurück? Weshalb ist der Tod ihr ständiger Begleiter? Sicher ist nur, die beiden fliehen vor einem unaussprechlichen Geheimnis.

192 pages, Paperback

First published September 26, 2011

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About the author

Antje Wagner

18 books8 followers
Antje Wagner wurde in Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt) geboren und wuchs in einem kleinen Elbdorf im Fläming auf. Sie studierte deutsche und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften in Potsdam und Manchester. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über Verbindungen im Denken und Schreiben Schillers, Gertrude Steins und Ernst Jandls und deren „aktivierende“ Wirkung auf den Leser. Später arbeitete sie als Kellnerin und als Sprecherin, u.a. fürs Bildungsfernsehen.
Sie schreibt Romane, Erzählungen und Theaterstücke und übersetzt auch aus dem Englischen. Sie lebt und arbeitet in Hildesheim und Potsdam.

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Displaying 1 - 9 of 9 reviews
Profile Image for Buchstabenträumerin.
210 reviews16 followers
April 20, 2018
BLEIB BEI MIR, DACHTE ICH. BLEIB BEI MIR, UND NICHTS WIRD JEMALS SCHIEF GEHEN. (SEITE 104)

Wer auf der Suche nach einem Geheimtipp ist, der sollte unbedingt einen Blick in „Schattengesicht“ von Antje Wagner werfen, denn ich war der Geschichte von der ersten Seite an verfallen. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich übte sie eine enorm starke Sogkraft aus. Auf dem Cover steht „Thriller“, doch es steckt so viel mehr darin.

In „Schattengesicht“ geht es um Mila und Polly, zwei enge Freundinnen, die in einer heruntergekommenen Wohnung zusammen leben. Mila arbeitet als Zimmermädchen in einem Hotel, Polly hingegen verlässt die Wohnung fast nie. Sie scheinen auf der Flucht zu sein, sie verstecken sich. Doch wovor? Das erfährt der Leser nicht. Überhaupt bleibt vieles von der Handlung über weite Strecken hinweg unklar.

Nur eine Sache lässt sich früh erahnen. Doch das macht nichts, denn es geht Antje Wagner, so meine Annahme, nicht darum, ihre Leser möglichst lange im Dunkeln tappen zu lassen. Vielmehr geht es darum, Klarheit über das „Warum?“ zu erlangen, denn hinter jedem Tun von Mila und Polly steht diese Frage, der Antje Wagner sprachlich virtuos nachgeht. Sie nimmt die Empfindungen ihrer Protagonistin auseinander und verpackt sie gleichzeitig wieder in beinahe schmerzhaft schöne Bilder. Schmerzhaft ist ein gutes Stichwort, denn würde ich die Geschichte von Mila und Polly in einem Wort zusammenfassen müssen, wäre es das: schmerzhaft.

ICH DACHTE NIE, DASS MIR ETWAS PASSIEREN KÖNNTE. CARSTEN UND INA VERWECHSELTEN MICH MIT JEMAND ANDEREM. MIR KONNTE NICHTS GESCHEHEN, NUR DIESER TOCHTER, DIE ES NICHT GAB. (SEITE 137)

Anfangs ist es ein nicht wirklich greifbarer Schmerz, der sich durch die Gedanken und Erinnerungen von Mila zieht. Doch er ist vorhanden, er zeigt sich in kurzen Momenten, in Situationen, in denen Mila unsicher und zögerlich ist, in denen sie sich verletzlich fühlt. Später wird der Schmerz sehr real und nimmt dadurch eine neue Dimension ein. Man ahnt, dass man dem Ursprung des Schmerzes auf der Spur ist, dass man ihm mit jeder gelesenen Seite näherkommt und damit auch der Erklärung für all die Ungereimtheiten.

Antje Wagner geht hier brillant subtil vor. Sie streut Andeutungen und reichert ihre Geschichte Stück für Stück weiter an. Dazu trägt in großem Maße bei, dass „Schattengesicht“ rückwärts erzählt wird. So ist es ein logischer Prozess, dass die Hintergründe erst im Verlauf des Lesens aufgedeckt werden, denn sie liegen in der Kindheit von Mila vergraben.

ICH SANK IN DIE ERINNERUNG, IN DAS GEFÜHL EINER FREMDEN EINSAMKEIT, DAS ICH AN JENEM NACHMITTAG IN HALBREICH VERSPÜRT HATTE, UND MEHR ALS ALLES FÜHLTE SICH DIESE ERINNERUNG WIE EIN ZUHAUSE AN. (SEITE 154)

In gleichem Maße, wie Seite für Seite das Verstehen zunimmt, wächst auch das Verständnis für Mila. Zu Beginn wurde ich nämlich nicht recht schlau aus ihr. Sie ist ein eigenwilliger Charakter. Weder Gespräche noch die Handlung trugen dazu bei, sie besser verstehen zu können. Mila ist ein einziges großes Rätsel und es ist ein faszinierender Prozess, sie kennenzulernen. Ebenso Polly. Wer ist sie? Ohne Frage ist sie ein mutiger Dickkopf, der sich für andere einsetzt. Schon früh erlebt man sie in Aktion. Doch was macht sie darüber hinaus aus? Was hat sie alles erlebt? Welche Rolle spielt sie in Milas Kindheit? Fragen über Fragen.

Eines ist klar: „Schattengesicht“ ist eine Geschichte, in der dem Leser Raum geschenkt wird, seinen eigenen Ideen und Vermutungen nachzugehen. Könnte hier nicht ein Zusammenhang bestehen? Was, wenn sich dies oder jenes zugetragen hätte…? Sehr anregend! Noch dazu spielt Antje Wagner teils herrlich bewusst mit den Erwartungen. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Fazit

„Schattengesicht“ von Antje Wagner ist ein Thriller, der mich mit seiner Sprache, seiner Bildgewalt, seiner Charakterentwicklung und seinem Aufbau begeisterte, wie lange kein Buch zuvor. Die Stimmung ist düster, geheimnisvoll, drückend und spannungsgeladen und man wird mit einem Verdacht durch die Geschichte getragen, bis dieser sich erhärtet und alles sich zu einem großen Ganzen fügt. Für mich eine der großartigsten Entdeckungen in diesem Jahr.
Profile Image for Hannah von queerBUCH.
135 reviews43 followers
March 2, 2018
Originalrezension: queerbuch.wordpress.com

Kurzbeschreibung Inhalt

Die erste Szene spielt sich im Gefängnis ab, in dem die 25-jähirge Protagonistin Milana ankommt. Als Insassin, und ohne Polly. In fünf Kapiteln zu fünf Lebensabschnitten entwirrt sich nach und nach, wie es dazu kommen konnte. Seit Kindheitstagen gibt es Mila und Polly nur zusammen. Sie sind auf der Flucht und können nie dorthin zurück, wo sie schon waren. Eine triste, schwerfällige Bedrohung verfolgt sie auf jedem Schritt.

Meine Meinung

Mehr sollte man meiner Meinung nach über den Inhalt vor dem Lesen möglichst nicht wissen. Das klaut einem sonst viel vom Leseerlebnis. Schattengesicht ist ein Buch, das sich zwischen den Kategorien bewegt. Es ist kein Jugendbuch, kein klassischer Erwachsenenroman. Kein Thriller, kein Krimi, keine Liebesgeschichte. Vielmehr ist es ein Augenblinzeln in einen tiefen Abgrund. Ein paar Momentaufnahmen verschiedener Lebensabschnitte – von der Kindheit bis zu den ersten Jahren des Erwachsenenlebens – die sich zu einem wirren Bild bruchstückhafter Hintergründe und Motive zusammensetzen und unweigerlich zu dem Ausgang führen, den man auf der ersten Seite vorgesetzt bekommt.

Mein erster Gedanke bei dieser Rückwärtserzählung war: Spannend. Mein zweiter: Wie soll das denn funktionieren? Aber genau das tut es. Jede Erwähnung hat ihren Sinn und sitzt genau da, wo man sie nicht erwartet, aber braucht. Man wird hellhörig, achtet auf jeden Hinweis und versucht dahinterzukommen, was es mit dem Verbrechen auf sich hat, mit Polly und Mila, mit ihrer ständigen Flucht. Denn obwohl man genau weiß, wie die Geschichte endet, weiß man vom Ende doch rein gar nichts. Die eigentliche Auflösung präsentiert Antje Wagner erst in den letzten drei Zeilen. Bis dahin meint man, etwas zu ahnen, aber eben doch nichts zu wissen, sehnt sich nach der Aufklärung der eigenen Unwissenheit. Auf der letzten Seite angekommen hatte ich das Gefühl, das Buch nicht verstanden zu haben, bis ebendiese letzten drei Zeilen Zugang zu meinem Kopf fanden. Die Worte, die den Leser dazu bringen, jede Szene neu zu durchdenken, bis sie schließlich Sinn ergibt. Die Worte, die den Drang auslösen, das Buch direkt wieder von vorne zu lesen, einen aber doch so ermatten, dass man erstmal zur Ruhe kommen muss.

Schattengesicht ist düster, beengend und unterschwellig sehr traurig. Mit der Zeit versteht man, dass Einsamkeit, Verrat und wiederkehrende Angst dabei die vorherrschenden Themen sind. Trotzdem ist den Worten an sich nicht diese Schwere zu entnehmen. Es ist ein Gefühl, das sich einem ganz heimlich und unterschwellig um den Nacken legt und mit der Zeit immer mehr Gewicht entwickelt, bis man seine Existenz nicht mehr leugnen kann. Je mehr man sich dem Beginn der Geschichte und damit auch der ersten Begegnung zwischen Mila und Polly nähert, desto mehr wird deutlich, wie viel von der Entwicklung des Charakters und des eigenen Lebens durch Ereignisse in der Kindheit vorgeprägt wird.

Es gab einen Punkt in der Geschichte, bei dem ich mir dachte: Ernsthaft? Mädchen, warum tust du das? Du hättest all dem entgehen können. Ich dachte, dass die Autorin diesen Teil ja einfach gelöst hatte und ärgerte mich sogar darüber. Bis ich es zum Schluss endlich verstand. Die unter euch, die das Buch schon gelesen haben, wissen vielleicht, welche Stelle ich meine. Diese eine Stelle machte die Geschichte für mich nur noch in sich geschlossener, weil sie zeigt, dass man am wenigsten sich selbt und seinen eigenen Handlungen entkommen kann. Dass Selbtsmanipulation die vielleicht größte Macht über uns haben kann.

Mit keinem Wort ging es bisher um queere Charaktere. Das spielt in diesem Buch auch eine überaus untergeordnete Rolle, ist aber doch präsent und wichtig für den ein oder anderen Handlungsverlauf. Einigen Hinweisen lässt sich entnehmen, dass sich die Hauptperson(en) eher zu Frauen und weniger zu Männern hingezogen fühlt/en. Gerade dass dieses Thema nur so am Rande einfließt, freut mich sehr für die queere Repräsentation in der Literatur.

Fazit

Schattengesicht* ist ein unbedingt empfehlenswerter Psychothriller, das trifft es wohl am besten. Die Geschichte, die mit so wenigen Worten erzählt wird, geht definitiv an die Substanz und lässt mich auch nach Tagen nicht los. Denn nach Beendigung des Buchs beginnen erst die eigentlichen Gedanken, mit denen man die Welt zwischen den Zeilen zu ergründen versucht. Antje Wagner hat hier ein sprachliches Meisterwerk geschaffen, das einen trotz vieler Andeutungen und Vorahnungen bis zum Schluss im Dunkeln tappen und an sich zweifeln lässt.

Humor: ○○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●●●
Liebe: ●●○○○
Erotik: ○○○○○
Originalität: ●●●●○
Profile Image for Kerstin.
746 reviews24 followers
January 5, 2011
Kurzbeschreibung:
Mila ist sechsundzwanzig und eigentlich Lehrerin. Doch dann begeht ihre Freundin Polly einen Mord für sie und die beiden flüchten vor der Polizei.
Auf ihrer Odyssee geraten Mila und Polly immer wieder an gefährliche Menschen und in lebensbedrohliche Situationen, der Tod scheint sie zu verfolgen. Mit dem wenigen Geld, das Mila mit schlecht bezahlter Schwarzarbeit verdient, halten sie sich über Wasser. Sie leben in Abrisshäusern und brechen oft über Nacht alle Zelte ab, nur um in einer neuen Stadt wieder auf Pollys Fahndungsfotos zu stoßen. Das einzig sichere Versteck und mögliche Endstation ihrer Flucht scheint ein leerstehendes Haus in Schweden zu sein, von dem nur sie beide wissen.
Doch nicht allein das Sterben umgibt die Freundinnen wie eine Aura. Etwas Ungreifbares, Rätselhaftes schwebt über den doch so unterschiedlichen Frauen: Ist wirklich allein ihre Freundschaft der Grund für den Zusammenhalt? Der Blick zurück in die gemeinsame Kindheit lüftet ein dunkles Geheimnis, das Mila und Polly untrennbar, auf beinahe obsessive Art, miteinander verbindet.

Zur Autorin:
Antje Wagner, 1974 in Lutherstadt Wittenberg geboren, schreibt Erzählungen und Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt in Potsdam und arbeitet auch als Sprecherin und als Übersetzerin aus dem Englischen. Ihr Thriller "Unland" (2009) wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem ver.di Literaturpreis. Im Querverlag erschien von ihr zuletzt der Erzählband "Die ärten bist du" (2003). "Schattengesicht" ist ihr erster Kriminalroman.

"Er hat es mit allen gemacht", sagte Polly. Er hatte sie ausgefragt, ihre Stärken und Schwächen, ihre Träume und Ängste gesammelt, sie zusammengefegt wie Dreck, um sie ihnen dann in die Augen zu werfen. Er hatte sie alle blind gemacht, und alle hatten sie ihm vertraut. (Seite 95)

Rezension:
Mehr zum Inhalt von "Schattengesicht", wie ich bereits in der Kurzbeschreibung geschrieben habe, möchte ich nicht verraten, denn das würde einfach zu viel von dieser Geschichte preisgeben. Der Roman erzählt die Geschichte von Milana und Polly, die seit ihrer Kindheit miteinander befreundet sind. In 6 Kapiteln wird rückwärts von der Gegenwart bis hin zu ihrer Kindheit vorwiegend die bisherige Lebensgeschichte von Milana erzählt, von ihrer gemeinsamen Flucht mit Polly in immer wieder neue Städte und den Morden, die sie begehen bis zu ihrem gemeinsamen Kennenlernen an einem Dorfweiher.

Und egal, wo die beiden gemeinsam auftauchen, sobald Polly den Mund aufmacht, schrecken die Leute zurück und/oder werden aggressiv gegen die beiden. Doch warum ist das so? Diese und viele andere Fragen werden Stück für Stück von Antje Wagner beantwortet, aber nicht ohne den Leser gefühlte hundert Male zu täuschen, ihm andere vermeintliche Wege aufzuzeigen und ihn dann doch mit seiner erhofften Antwort im Regen stehen zu lassen.

Trotz oder vielleicht auch wegen seiner nicht übermäßigen Dicke von 188 Seiten schafft es dieser Roman zu fesseln, denn Antje Wagner beschränkt sich wirklich auf das Wesentliche, packt diese ganze unvorstellbare Geschichte in kurze, knappe Abschnitte, besser geht es aus meiner Sicht nicht.

Die Lösung am Ende hatte mich zwar nicht ganz so sehr überrascht, da ich ähnliches bereits im Hinterkopf hatte, doch wirkt alles schlüssig und stimmig in einem angenehm zu lesenden und klaren Schreibstil. Ich würde "Schattengesicht" jedoch nicht als Krimi einstufen, auch wenn mehrere Morde geschehen. Vielmehr handelt es sich meines Erachtens um ein Psychogramm einer Freundschaft, die in eine Art Abhängigkeit führt.

Zur Gestaltung des Buchs: Auf dem Cover wurde eine eingeworfene und kaputte Fensterscheibe in Schwarz-Weiß abgebildet, was sich sehr stimmig und passend in die Geschichte eingliedert.

Fazit: Von außen unauffällig, aber die Füllung überzeugt auf ganzer Linie: "Schattengesicht" muss man gelesen haben!

Wertung: 5 von 5 Punkten
Profile Image for Sasha.
414 reviews79 followers
August 14, 2012
3,5
________________


Wir lernen Mila im Gefängnis kennen – wo sie wegen Mordes einsitzt. Ihre Gedanken kehren dabei zu jemandem namens Polly zurück. Doch wer sind die beiden? Mit der Zeit lernen wir sie kennen: Die junge Mila, die mittlerweile alles auf sich nimmt, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen und Polly, vor der die Menschen zurückschrecken, sobald sie spricht. Doch warum? Es ist nicht das einzige Rätsel, mit dem der Leser konfrontiert wird und der Schlüssel zur Lösung des Ganzen liegt irgendwo in der Vergangenheit …


„Schattengesicht“ erzählt die Geschichte von Mila gewissermaßen rückwärts. Wir lernen sie als Erwachsene im Gefängnis kennen und tauchen dann immer weiter ein in ihre Vergangenheit. Zunächst geht es zwei Monate zurück, dann anderthalb Jahre … bis wir irgendwann in Milas Kindheit ankommen. Ein gemeinsamer Faktor ist immer wieder Polly, mit der Mila schon viele schlimme durchgestanden hat, was nichts daran änderte, dass sie immer zueinander standen.
Dabei steht auch gar nicht so sehr das Verbrechen im Fokus, für das Mila verhaftet wurde, sondern all das, was sonst noch geschehen ist und nicht nur zu den Verbrechen führte, sondern auch zu den Situationen, die diese Verbrechen erst möglich machten.
Mit jeder neuen Schicht wird klar, dass einiges nicht so ist, wie es zunächst scheint – dies ist besonders am Anfang der Fall, wenn noch haufenweise Fragen auftauchen, die sich erst mit der Zeit beantworten lassen. Dadurch ist das Buch besonders zu Beginn wahnsinnig interessant. Da wäre zunächst die Frage nach dem Warum: Warum hat Mila einen Menschen ermordet? Und wer ist Polly? Später bezieht sich diese Frage genauso auf andere Charaktere und vor allem die Reaktion anderer Menschen auf Pollys Stimme gibt Rätsel auf. Anfangs war ich wirklich geradezu hin und weg, weil ich gar nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand. Alles war ein ständiges Stirnrunzeln, Verwirrtsein und Hinterfragen, das schlichtweg Spaß gemacht hat und das ruhig noch länger hätte andauern können. Da macht es auch überhaupt nichts, dass „Schattengesicht“ weniger spannend und vielmehr interessant ist – hier gibt es keine rasanten Jagden oder Fluchten. Antje Wagner präsentiert hier eine ruhige Geschichte, auch wenn Mila gewiss nicht stillsteht und ihr Leben auch ganz sicher kein angenehmes ist. Es wird sich Zeit genommen für die Charaktere, es wird Mila der Platz gegeben, von ihrem Leben zu erzählen, immer weitere Facetten ihres Charakters zu präsentieren. Wer nach so etwas sucht, ist bei „Schattengesicht“ also vollkommen richtig.

Leider lässt das Interesse ein wenig nach, sobald sich herauskristallisiert, was da vor sich geht. Polly ist eines der zentralen Geheimnisse, doch schon nach der Hälfte des Buches hatte ich eine Ahnung, was es mit ihr auf sich hat, die sich nach kurzem Nachdenken und weiteren Seiten nur gefestigt hat – ich war mir sogar sicher, dass es auf gar nichts anderes hinauslaufen kann.
Manch andere Details, die später folgen, sind genauso wenig überraschend, obwohl ich auch sagen muss, dass bei anderen zu Beginn des Buches das komplette Gegenteil der Fall ist – dort haben sie mich geradezu überrumpelt. Hier aber sind wir auch schon bei dem Teil, in dem wir die ganz junge Mila kennenlernen und auch wenn Kinder vieles sehen, sie sehen eben nicht alles, so dass man eben manchmal mehr erfasst als die kindliche Protagonistin.
Von daher ist das gar kein großes Drama, doch die Sache mit Pollys Geheimnis bleibt und letztlich hat es mir sogar ein bisschen das Ende verdorben. Ich hatte nach wie vor meinen Spaß mit dem Buch, dennoch wäre das Ende wesentlich effektiver gewesen, hätte ich nicht so früh erahnen können, worauf das Ganze zusteuert – es wäre dann eingeschlagen wie eine Bombe. So blieb dies aus und ich war vielmehr davon überrumpelt, dass es schon vorbei ist.

Dennoch bietet „Schattengesicht“ ein angenehmes Leseerlebnis, was nicht zuletzt an Antje Wagners Schreibstil liegt. Über viele Passagen hinweg ist er durchaus schlicht, eben leicht zu lesen, nicht zu pompös und auch nicht so knapp, um abgehackt zu wirken. Manchmal aber kann er auch wunderbar beschreibend, fast poetisch werden, was besonders gut hilft, die Atmosphäre heraufzubeschwören, in der sich Mila gerade wiederfindet. Und was macht das Lesen eines Buches schöner, als wenn man quasi direkt dabei ist? So flogen die Seiten geradezu vorbei und ehe ich mich versah, war ich auch schon am Ende angelangt.


Antje Wagner hat mit „Schattengesicht“ einen sehr kurzweiligen und vor allem ruhigen Psychothriller veröffentlicht, der sich mehr auf die Charaktere konzentriert und indem vieles ganz anders ist, als man am Anfang dachte. Leider hält sich dies nur ungefähr bis zur Hälfte, dann werden einige Hauptaspekte des Buches ein wenig vorhersehbar, was dem Ende an Schlagkraft nimmt. Dennoch sind alle, die nach kurzen, angenehmen und interessanten Lesestunden suchen, mit „Schattengesicht“ gut beraten
Profile Image for Brina.
2,050 reviews122 followers
July 28, 2011
Da die Kurzbeschreibung schon sehr viel von der Handlung erzählt, werde ich keine weitere Zusammenfassung mehr schreiben, damit nicht noch mehr verraten wird. ;)

Da ich bereits viele gute Rezension über dieses Buch gelesen habe, war meine Erwartung an dieses Buch besonders hoch – und es hat mich nicht enttäuscht.

Antje Wagner beschreibt in „Schattengesicht“ das Leben der 26-jährigen Mila und ihrer Freundin Polly, die in ständiger Flucht leben.
Interessant ist hierbei, das Milas Leben rückwärts erzählt wird.
Das Buch beginnt quasi mit dem Ende der Flucht, da Mila bereits wegen Mordes in der Justizvollzugsanstalt einsitzt.
Im Laufe der Zeit lernt man immer mehr über Milas Leben kennen: Ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre familiären Verhältnisse bis hin zu ihren Gedanken und Gefühle für Polly.

Sehr gut gefallen hat mir der Schreibstil der Autorin, der einfühlsamer nicht sein kann. Sehr positiv empfinde ich auch, dass „Schattengesicht“ kein ‘normaler’ Thriller ist, sondern einiges mehr im Vordergrund steht, als typische Thrillerelemente.
Dennoch ist dieses Buch sehr spannend geschrieben. Ich wurde mehrfach in die Irre geführt und obwohl das Ende bereits bekannt war, war die Geschichte an vielen Stellen unvorhersehbar.

Obwohl das Buch mit seinen 192 Seiten recht kurz gehalten ist, wird hier jede Menge geboten. Ich konnte das Buch kaum aus den Händen legen, was nicht nur an der spannenden Handlung, sondern auch an den beiden wunderbaren Protagonistinnen lag.

Obwohl Mila und Polly sehr unterschiedlich sind, ergänzen sich die beiden jungen Frauen sehr gut und geben ein tolles Team ab.
Mila ist die eher ruhigere, schüchterne Frau, Polly wirkt dagegen recht abschreckend ihren Mitmenschen gegenüber, was sie zum einen ihrer etwas zu lauten Stimme, zum anderen ihrer eher furchtlosen Art zu verdanken hat.

Die Covergestaltung ist schlicht, aber dennoch ansehnlich. Die eingeschlagenen Fensterscheiben kann man sehr gut als Milas psychischen Zustand deuten.
Auch die Kurzbeschreibung gefällt mir sehr, leider verrät sie schon ein bißchen zu viel, was jedoch den Lesespaß nicht einschränkt.

Wer Lust auf einen etwas anderen Thriller hat, ist bei „Schattengesicht“ bestens aufgehoben.
Ein Meisterwerk, dass schon lange kein Geheimtipp mehr ist.
Profile Image for Wolf Macbeth.
177 reviews
July 17, 2025
EINE FLUCHT DURCH DIE ZEITEN

In "Schattengesicht" von Antje Wagner begleitet der Leser Mila und Polly auf ihrer Flucht, während der Tod ständiger Begleiter ist. Die Erzählung beginnt mit Milas Inhaftierung ohne Polly und entfaltet sich in fünf Rückblicken auf verschiedene Lebensabschnitte. Die tief verwobene Geschichte von Mila und Polly, stets von einer tristen Bedrohung begleitet, fesselt den Leser.

Als Leser war ich gespannt darauf, wie die Geschichte, beginnend mit dem Ende, erzählt wird, und es gelingt auf faszinierende Weise. Die Freundschaft der beiden Frauen, seit Kindheitstagen unzertrennlich, wird in einem bedrückenden und verwirrenden Kontext dargestellt.

Die Erzählweise, die die Leser von der Gegenwart zurückführt, verleiht der Handlung eine besondere Dynamik. Trotz der einfachen Sprache, die an einen Jugendroman erinnert, konnte mich die rückwärts erzählte Geschichte faszinieren. "Schattengesicht" mag nicht in die traditionellen Genres passen, aber die schmerzhafte und verworrene Natur der Geschichte bietet eine einzigartige Leseerfahrung. Es muss nicht unbedingt hochliterarisch sein, um fesselnd zu sein.

📚 Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
Profile Image for Emily May.
113 reviews1 follower
January 30, 2021
Es war schnell gelesen, da kompakt. War es spannend? Nicht wirklich. Schön? Auch nicht. Clever? Naja... Auf Seite 40 wusste ich was los war, und auf der letzten Seite wird es romantisiert. Klassischer Fall; von Plot-twist kann kaum die Rede sein, weil es alles von Anfang an so offensichtlich ist. Wenn sie Polly wenigstens losgeworden wäre..? Und die kryptische Auflösung am Ende hat mich eher zum stöhnen gebracht. Es war angenehm geschrieben, aber hat mich irgendwie gelangweilt.
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for Katrin.
125 reviews14 followers
May 6, 2013
Manchmal verläuft das Leben rückwärts...

Inhalt:

Milana und Polly sind auf der Flucht vor der Polizei. Sie werden gesucht. Es gab Tote. Aber wer ist dafür verantworlich? Eine Reise durch die Vergangenheit nimmt seinen Lauf und offenbart fürchterliche Abgründe...
Mehr will ich gar nicht dazu sagen.

Meine Meinung:
Das Buch beginnt da, wo die meisten Bücher normalerweise aufhören - am Ende, im Hier und Jetzt. Milana befindet sich im Gefängnis, da sie für einen Mord verantwortlich gemacht wird. Nur ein Kapitel später reist man 2 Monate zurück, dann anderthalb Jahre, dann 5 Jahre und dann an den Anfang von allen Bösen. Ich kannte diese Art des Erzählens noch nicht und war deswegen umso mehr gespannt darauf. Ständig wurden falsche Fährten ausgelegt und ich habe in jedem einzelnen Kapitel mitgerätselt. Manchmal hatte ich recht und manchmal - wie bei der Auflösung ganz zum Schluss - nicht ganz. Unglaublich spannende und unerwartete Wendungen hielten mich die ganze Zeit auf Trab und ich konnte das Buch kaum weglegen.
Wieder einmal hat es Antje Wagner geschafft, mich mit ihrem Schreibstil in den bann zu ziehen. Vergleiche, die ich sonst noch nie gelesen habe, freche Dialoge und berührende Worte - all das fand ich in dem Werk vor.
Die Protagonisten sind unglaublich tief ausgearbeitet und das Ende geht einem ans Herz. Wieder einmal ein Buch, dass ich jedem guten Gewissens weiterempfehlen kann.

Fazit:
Schattengesicht ist ein spannendes Buch zum Miträtseln, Mitfühlen und Nachdenken. Es ist zwar nur knapp 200 Seiten lang, doch auf diesen Seiten befindet sich viel mehr Inhalt als man sich vorstellen kann. MUST-READ!
Profile Image for Booklunatic.
1,119 reviews
February 18, 2014
4 Sterne

Großartig geschrieben mal wieder von Antje Wagner. Lediglich der letzte Teil war mir ein wenig zu langatmig. Dennoch allemal lesenswert!
Displaying 1 - 9 of 9 reviews

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