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185 pages, Paperback
First published January 1, 1916
Einige Jahre waren vergangen, und er richtete sich noch immer ein, immer noch war alles Vorbereitung, und das Leben, auf das er sich freute, hatte noch nicht begonnen.Das Leben als ewiger Wartestand. Worauf sie warten, wissen die Protagonisten in Eduard von Keyserlings Roman allerdings nicht so genau. Fest steht nur, das endlich etwas passieren muss. Bis zur erhofften Erlösung bewegen sich die Figuren in einer Art Zwischenreich. Geprägt einerseits von einer unbändigen Sehnsucht nach einem Erlebnis bzw. nach einem authentischen Leben. Andererseits von einer Lebensunfähigkeit gezeichnet, die eine Verwirklichung möglicher Zukunftsträume von vornherein als utopisch erscheinen lässt. Also dämmern die adeligen Damen und Herren weiter in einer Stimmung behaglicher Trägheit auf ihren Landgütern dahin.
»Sehen Sie«, fuhr die Fürstin nachdenklich fort, »mir kamen diese Leute alle vor wie kostbare Dinge, die immer in einem Etui stecken.Der inneren Verfassung entspricht der äußere Rahmen der Landschaft. Gepflegte Gärten und Gutshäuser repräsentieren die standesmäßige Ordnung mit ihren althergebrachten Konventionen. Demgegenüber der Wald als Raum einer ungebändigten Natur, deren ungezügelte Triebkraft zugleich für (sexuelle) Vitalität und drohende Gefahr steht. In "Fürstinnen" sind die Hauptfiguren fortwährend hin- und hergerissen zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen. Sie leben inmitten einer ländlichen Idylle, deren Schönheit zunehmend als erstickend empfunden wird. Daraus erwächst bei ihnen der Wunsch nach einem Ausbruch oder einer grundlegenden Veränderung.
Warum muss alles im Leben traurig enden?Keyserling erweist sich einmal mehr als großer Stimmungsmaler, der in kräftigen Farben den schleichenden Niedergang einer gesellschaftlichen Klasse porträtiert. Die zwar mühsam die Fassade aufrecht erhält, aber deren Vertreter insgeheim wissen, dass die Zeit bereits über sie hinweg gegangen ist. Wer wollte, könnte in der Unentschlossenheit bzw. Orientierungslosigkeit der Figuren Parallelen zur Gegenwart sehen. Deren Stimmungslagen kommen einem doch ziemlich vertraut vor. Mir zumindest, was vielleicht ein Grund ist, weshalb ich Eduard von Keyserling als Schriftsteller besonders schätze.