Joseph Roth kann wirklich gut schreiben und Figuren punktgenau konzipieren, seine Stärken liegen auch im Umstand, dass er nie episch breit und sinnlos herumschwafelt, sondern durch kurze Bilder, die er in den Gedanken der Leser auferstehen lässt, eine Handlung sehr plastisch im Hirn seiner Fans verankert. Dieser Kurzroman war mir aber dann um eine Nuance zu kurz und episodenhaft, als dass er von mir in der Gesamtheit als Meisterwerk bezeichnet werden könnte, obwohl er natürlich seine genialen Momente voll ausspielt und auch der Plot im Finale noch einige spannende Überraschungen bereit gehalten hat. Dass ich das einmal sage, „der Roman hätte länger, episch um eine Nuance breiter und umfassender sein können“, hätte ich mir nie träumen lassen, das ist wirklich erstaunlich, denn ich hasse normalerweise Geschwätzigkeit. In diesem frühen Werk, das seine dritte Veröffentlichung darstellte, konnte Roth einfach sein Potenzial, noch nicht voll ausschöpfen, was auch nicht verwunderlich ist, denn seine Meisterwerke kamen erst später. Aber die Anlagen sind schon ganz klar ersichtlich.
Im Hotel Savoy beschreibt er einen kuriosen Mikrokosmos, der mit ganz schrägen Figuren bevölkert wird. Die Leserschaft wird wie immer mitten in die Geschichte geworfen, was mir ausnehmend gut gefällt. Nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft in Sibirien kehrt Gabriel Dan heim und quartiert sich auf dem Weg nach Hause im Hotel Savoy ein. Zuerst dachte ich noch, das sei das Savoy in Wien, aber sehr bald und nach einer kleinen Recherche war klar, dass das Hotel in Lodz stehen muss, da Daniel noch nicht am Ziel seiner Rückreise in der Josefstadt angekommen ist.
Die armen Leute des Savoy wohnen wie Gabriel Dan oben im siebten und letzten Stock und die Reichen unten. Der Protagonist streift durch die Gänge und durch die Zimmer und als Leserschaft lernt man zusammen mit Gabriel wirklich kuriose Personen und gescheiterte Existenzen kennen, die sich so recht ärmlich, vom Pech verfolgt und ständig abgebrannt aber mit viel Kunst und Kunstfertigkeit durchs Leben lavieren. Viele Mitglieder des Varieté wie die von Gabriel angebetete Stasia, der Hellseher Hirsch Fisch, der Clown Santschin mit seinem Esel, der die Hauptfigur bei der kuriosen Beerdigung des Clowns darstellt, werden uns präsentiert. Das Leben im Hotel Savoy schreibt herrliche, schräge Geschichten. Kommt Euch das bekannt vor? Mir auch. Es ist sehr wahrscheinlich, dass John Irving im Rahmen seiner Figurenkonzeption bei Joseph Roth ordentlich geklaut hat. Im Detail der Figuren ist die Ähnlichkeit noch viel frappanter.
Ein wichtiger Protagonist ist auch der sehr unsympathische Liftboy Ignaz, der die Rechnungen des Hotelchefs einfordert und bei Zahlungsaufschub das Gepäck der Armen durch ein eigenes Verschlusssystem in Besitz nimmt. Wenn die jungen Tänzerinnen ihr Zimmer nicht mehr zahlen können, verlieren sie zuerst ihre Koffer und Kleider und wenn sie keine Kleider mehr haben, werden sie von Frau Kupfer splitternackt zur Prostitution in der Bar des Hotels angehalten. So geht der systematisierte Abstieg im Savoy, wenn das letzte Hemd fehlt, kann frau nur noch ihre Haut an die reichen Gäste des Hotels im Erdgeschoß verkaufen.
Auch die Verwandtschaft von Gabriel Dan ist köstlichst gezeichnet. Sein reicher geiziger Onkel Böhlaug, der Cousin Alexanderl und auch der Rest der High Society der Stadt wie der Fabrikbesitzer Neuner oder der von allen erwartete reiche amerikanische Jude Bloomfield, von dem sich alle wohltätige Spenden und Investitionen erhoffen.
„Böhlaug ist ein reicher Mann mit einem kleinen Herzen. Sehen Sie, Herr Dan, die Menschen haben kein schlechtes Herz, nur ein viel zu kleines. Es faßt nicht so viel, es reicht gerade für Frau und Kind."
Gabriel hat sich als Kriegsheimkehrer in den Lebensstil der Hotelbewohner eingelassen, und nimmt das Schicksal, wie es kommt, er ergreift sogar einige Chancen nicht, wie die Möglichkeit, durch seinen Cousin ein fixes Zimmer zu bekommen, das er nicht bezahlen muss. Er glaubt, das Universum wird schon für ihn sorgen, denn wozu sonst hätte er den Krieg und die Gefangenschaft überlebt. Und er hat Recht. Als Bloomfield kommt, blüht die gesamte Stadt auf und jeder eröffnet ein Geschäft. Gabriel bekommt einen Job bei Bloomfield als sein Assistent, der die Wohltätigkeitsgesuche vorsortiert, und das, ohne überhaupt nach Arbeit gefragt zu haben. Durch die vielen Bittsteller erweitert sich nun das Spektrum der Figuren und man lernt sogar die wichtigsten Player der Stadt mit all ihren Anliegen und somit auch indirekt die Probleme der Stadt kennen. Am Ende kommt es zu Streiks und Ausschreitungen, Bloomfield reist ab, die Stadt versinkt erneut in Depression und eine der Figuren entpuppt sich noch als Hotelbesitzer.
Handwerklich bietet das Werk, wie man es auch bei den späteren Meisterwerken von Roth gewohnt ist, den typischen Roth-Humor, die wundervollen Figurenentwicklungen, sehr kluge Bonmots und grandiose Szenen, die auf treffenden Gesellschaftsanalysen und sehr gut beziehungsweise auch wohlwollend beschriebenen menschlichen Schwächen fußen.
„Hier in dieser Stadt verbauert man. (von Bauer). Der Schädel wird einem zugenäht. Das Gehirn verdorrt. Aber die Kehle nicht.“
„Die Frauen begehen ihre Dummheiten nicht wie wir aus Fahrlässigkeit und Leichtsinn, sondern wenn sie sehr unglücklich sind.“
Was für ein kluger Satz der für die damalige Zeit wirklich punktgenau passte.
Fazit: Hotel Savoy ist für mich ein Gesellenstück von Josef Roth, in dem man die Handschrift des späten Meisters schon eindeutig und klar erkennt, das aber noch nicht ganz zur ultimativen Genialität ausgereift ist. Ein bisschen besser als 3,5 Sterne daher aufgerundet auf 4.