Bettina Görings Biografie ist eine Auseinandersetzung mit ihrer dunklen Familiengeschichte und dem verbrecherischen Erbe ihres Großonkels, Reichsmarschall Hermann Göring
Bettina Görings Name ist ihr Schicksal. Als Großnichte von Reichsmarschall Hermann Göring wächst sie im Schatten seiner Verbrechen auf, der in der Zeit des Nationalsozialismus für tausendfachen Mord verantwortlich war. Früh rebelliert sie und entflieht Ende der 60er Jahre der bedrückenden Verbindung in die Welt der Hippies und Freigeister.
Der Nazi, der Guru und ich
Doch weder in der linken Kommune noch im Aschram in Poona kann sie ihrer Vergangenheit entkommen. Sie erkennt, dass auch sie falschen Führern hinterhergelaufen ist und dass allein die Auseinandersetzung mit der dunklen Seite ihrer Familie sie befreien kann. Bettina Göring gewährt einen sehr persönlichen Einblick in die Geschichte ihrer Familie und ins Nachkriegsdeutschland. Sie legt ein mutiges Zeugnis ab über ihren Umgang mit dem schwierigen Erbe aus der Zeit des Nationalsozialismus.
»Hermann Göring war ein Massenmörder und Psychopath, der sehr charmant sein konnte. Monster sind nicht charmant, oder?« Bettina Göring
Diese Autobiografie legt den Finger in die Wunde der deutschen Erinnerungskultur – und wird dabei aus einer persönlichen und erlebbaren Perspektive erzählt. Es ergründet die Frage, wie sich der Schatten unserer deutschen Vergangenheit bis heute auf uns auswirkt und nimmt damit gleichzeitig die Sinnfrage einer ganzen Generation in den Fokus. Ein Buch, das zeigt, wie wichtig die Aufarbeitung der dunklen Geschichte Deutschlands ist, damit die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden.
Ein ehrlicher Versuch, mit einem Namen zu leben, den man nie gewählt hat.
Wie lebt man mit einem Namen, der Geschichte geworden ist – und zwar auf die denkbar schlimmste Weise? Bettina Göring trägt ihn. Großnichte des Reichsmarschalls, Kind einer Familie, die lieber schwieg als fragte. Der gute Onkel ist der Versuch, das Schweigen zu brechen – nicht durch Anklage, sondern durch Erzählen. Und genau darin liegt die Stärke dieses Buches. Bettina Göring flieht früh. Raus aus dem bürgerlichen Deutschland, rein in die Welt der Suchenden: Hippies, Ashrams, abgelegene Kommunen. Ihr Weg führt sie durch Indien, Mexiko, die USA – aber das Erbe reist mit. Das Buch ist keine Fluchtgeschichte, sondern eine kreisende Bewegung um etwas, das sich nicht abschütteln lässt: Schuld durch Nähe, Verantwortung ohne eigene Tat. Melissa Müller, bekannt für ihre biografische Genauigkeit (Anne Frank), hält die Fäden zusammen – dokumentiert, verdichtet, lässt Raum für Widersprüche. Der Ton ist nicht literarisch, aber ehrlich. Kein Pathos, keine Pose. Manchmal tastend, manchmal klar. Bettina Göring spricht nicht als Opfer – sondern als jemand, der sich weigert, die Lüge fortzuschreiben. Der "gute Onkel", von dem in der Familie noch immer schwärmerisch gesprochen wurde, war ein Kriegsverbrecher. Punkt. Das zu sagen, dauert eine halbe Kindheit. Stellenweise verliert sich das Buch in biografischen Umwegen, in spirituellen Suchbewegungen, die nicht immer tragen. Doch gerade darin liegt auch seine Authentizität: Es gibt keinen geraden Weg aus so einem Schatten. Kein Kapitel der Läuterung. Nur Annäherung. Versuch. Gegenbewegung. Fazit: Der gute Onkel ist ein stilles, wichtiges Buch über Nachkriegsgedächtnis, familiäre Verdrängung und die Suche nach persönlicher Wahrheit. Es geht nicht um Schuld, sondern um das Weiterleben mit Geschichte. Und um die Frage, wie viel davon in einem selbst weiterwirkt.
Fast hätte ich das Buch zur Seite gelegt, weil mich die ganzen familiären Beziehungen inklusive der vielen Namen einfach überfordert haben. In der eBook-Version war auch die Ahnentafel nicht gut lesbar, die ich aber sowieso erst zum Schluss entdeckt habe. Trotzdem bin ich ganz froh, das Buch letztlich doch zu Ende gelesen zu haben, denn die vielen Rückblenden in ihre Vergangenheit und die Vergangenheit ihrer Familie waren sehr gut nebeneinander positioniert, so dass viele Bezüge sehr deutlich geworden sind. Ein gutes Buch, um sich mit der Geschichte und was sie mit ihren Kindern macht, auseinanderzusetzen.