Abgeklärtes Herunterleiern eines Ehe- und Familiendrama. Absurd oberflächlich.
Inhalt: 2/5 Sterne (esoterische Schuldweitergabe)
Form: 1/5 Sterne (Drehbuchform)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (oberflächlicher Ich-Erzähler)
Komposition: 1/5 Sterne (Kurzkapitel-Staccato)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (kein Drive)
Josephine Hart war Direktorin und Herausgeberin von Fachzeitschriften. Sie produzierte auch Theaterstücke und trat als Fernsehmoderatorin auf. Neben dieser Karriere schrieb sie auch, insbesondere zwei Romane sind bekannt: Verhängnis und Sünde. Beide Bücher handeln von wohlsituierten Protagonisten, die aus Lust und Laune alles aufs Spiel setzen und alles zu verlieren drohen. Der Spannungsbogen erschlafft aber sofort, denn, bspw., Verhängnis startet mit dem Ende. Es ist bereits alles passiert:
Wäre ich mit fünfzig gestorben, ich wäre ein Arzt gewesen und ein erfahrener Politiker, wenn auch nicht allen ein Begriff. Einer, der seinen Teil beigetragen hätte und sehr geliebt wurde von seiner trauernden Ehefrau Ingrid und von seinen Kindern Martyn und Sally. […] Es wäre die Beerdigung eines Mannes gewesen, der großzügiger als die meisten mit den Gaben dieser Welt bedacht worden war. Eines Mannes, der schon mit fünfzig seine Reise beendet hatte.
Nun besteht Grund zur Hoffnung, dass sich nun alles darum dreht, wie es zum Verhängnis kam, wie sich das Dämonische in dem namenlos bleibenden Ich-Erzähler entwickelt hat, wie der Teufel ihn packte und er alles aufgab, wofür er sein ganzes Leben hart arbeitete. Aber nichts dergleichen. Der Ton bleibt lapidar, emotionslos, hiatusartig locker und im Grunde teilnahmslos und für das eigene Schicksal desinteressiert. Als Beispiel sei die zentrale erste Begegnung mit der Frau angeführt, für die er alles aufgeben wird:
Wir standen stumm da. Ich schaute weg. Ich schaute wieder hin. Graue Augen sahen mich an, hielten meine Blicke und mich gefangen, regungslos. Nach langer Zeit sagte sie:
«Wie merkwürdig.»
«Ja», sagte ich.
«Ich gehe jetzt.»
«Auf Wiedersehen», sagte ich.
Sie drehte sich um und ging davon. Ihr hochgewachsener Körper in dem schwarzen Kostüm schien sich einen Weg durch den überfüllten Raum zu schneiden und verschwand.
Davon abgesehen, dass nicht klar ist, inwiefern sie sich einen Weg zu schneiden schien, also worin die mögliche Täuschung besteht, entsteht zwischen den beiden keine Faszination und transportiert sich auch keinerlei Gefühl. Aufgrund dieser Begegnung nun schmeißt er sein ganzes Leben über den Haufen. Nein, er war vorher nicht besessen, und nein, er hatte vorher keinerlei Sehnsüchte, und nein, nichts deutete daraufhin. Aber dann kam Anne Barton und nichts mehr war, wie es vorher war.
«Es ist mein Ergeben, das dich zum Herrscher macht. Das mußt du akzeptieren. Wenn du kämpfst oder versuchst, die Figuren auf dem Brett auszutauschen, wenn du ein für dich leichter zu akzeptierendes Szenario entwerfen willst, bist du verloren. Knie jetzt vor mir nieder, und ich werde deine Sklavin sein.»
Viel zu rhapsodisch erzählt, nur skizziert, im wahrsten Sinne als Makulatur einer Erzählung präsentiert, bleibt alles unplausibel, an den Haaren herbeigezogen, konstruiert und schematisch abgehandelt. Eine, nicht einmal schlechte Pointe (siehe Anhang unten), wird dermaßen zerzaust durchgenudelt, dass das Buch am Ende in sich wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Ich kann mir schon vorstellen, warum es bekannt, zu einem Film und eine Serie geworden ist, aber Erfolg ist, auch in diesem wie keinem anderen Fall, keine Entschuldigung für Dilettantismus.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ich-Erzähler, ohne Namen, 50 Jahre alt; Anne Barton, 33 Jahre alt.
●Charaktere: (rund/flach) flach, keine Kontur, kein Tiefgang, reine Schablone
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Der Ich-Erzähler (IE) lebt unselbstbestimmt, eher defensiv, wird aus Vernunftgründen praktischer Arzt, ohne Empathie für die Menschen, heiratet Ingrid, eine reiche Tochter eines einflussreichen Politikers, kauft ein Haus und bekommt bald einen Sohn, Martyn, und zwei Jahre später eine Tochter, Sally. Kinder führen für ihn zum Kontrollverlust übers eigene Leben, nicht die Ehe. Am Limit seiner Karriere verwirklicht er den Traum Ingrids und ihres Vaters, aus ihm einen erfolgreichen Politiker zu machen. Fortan nimmt seine politische Karriere Fahrt auf – er wird sogar als zukünftiger Ministerpräsidentschaftskandidat gehandelt. Auf diese Weise wird gerafft über zwanzig Jahre zusammengefasst. Sohn in Oxford, Tochter auf einer Privatschule. Martyn lebt in den Tag hinein, sieht gut aus, hat viele Freundinnen (alle blond). Die Story fängt zu diesem Zeitpunkt an: Martyn will Journalist werden, 23, Sally ist Illustratorin, 21, und er, ein politischer Vorzeigebürger der gemäßigten Konservativen, mit 50. Das Ereignis: er trifft die neue Freundin seines Sohnes, Anne Barton (AB), 33 Jahre alt, auch Journalistin. Sie fühlen sofort eine Seelenverwandtschaft. Sie beginnen sofort eine Affäre, tun aber nach außen so, als würden sie sich nicht kennen, als Martyn ein familiäres Treffen anberaumt. Ingrid sehr kritisch, distanziert gegenüber AB. Sie fühlt, etwas stimmt nicht – sie ist zu alt, hat zu viel Geld. IE erfährt ihre Hintergrundgeschichte: seltsame Familie, ein Bruder, Aston, der in sie vernarrt ist, so sehr, dass er ein passiv-aggressives Verhalten an den Tag legt, einmal hilft sie ihm zum Orgasmus; als sie sich kurz daraufhin mit einem anderen Jungen trifft, begeht er Selbstmord, und die Familie zerbricht daran. Die Affäre wird immer intensiver. Er reist AB nach Paris hinterher. Er wird immer besessener von ihr. Als sie mit seinem Sohn abreist, nimmt er deren Hotelzimmer und onaniert über die Möbelgarnitur (als würde er sein Territorium markieren): hier vollzieht er für sich den Abschied von altem Ich und beginnt seine Frau anzulügen. Martyn erhält einen guten Posten, wirkt selbstbewusster, selbstbestimmter durch die Beziehung mit AB. Edward, Ingrids Vater, inquisitioniert AB. Lädt alle zum Geburtstag zu sich auf Hartley ein, sein Anwesen. IE kann sich nicht mehr für Ingrid begeistern. Beziehung flacht ab. Sie gehen sich aus dem Weg. IE will nicht, dass AB Martyn heiratet, aber AB behauptet, dass das die einzige Möglichkeit sei, wie sie ihre Beziehung Dauer verleihen könnten: sie wickelt sich wie Efeu um seinen Stamm. Unterwirft er sich ihrem Plan, stellt sie sich bereit, seine Sklavin zu sein. Martyn der Block, der verhindert, dass AB und der IE ineinander implodieren und ihr Leben zerstören. IE spielt nur noch, Ehemann zu sein. Stiefvater von AB kündigt Besuch an. Er warnt den IE. Er hat dessen Besessenheit erkannt. AB erzählt von Peter, dem Jungen, mit dem sie sich getroffen hat, bevor Aston sich umbrachte. Sie hat längere Zeit mit ihm zusammengelebt. Er ist Psychiater, lebt in Paris, wo sie ihn besucht. Er hat auch eine Wohnung in London, mglw. wegen AB. Auf Hartley geben AB und Martyn die Verlobung anlässlich Edwards Geburtstag bekannt. Plot also: die langsame Verheiratung der Anne Barton. Vater-und-Sohn-Gespräch über Blondinen. Ingrid stürzt sich in die Hochzeitsvorbereitung. Sie treffen ABs Vater, Charles Anthony Barton, der findet, dass Martyn wie Aston aussieht. Ingrid enttäuscht, dass es zu keiner großen Feier kommen soll. Hochzeit im kleinen Rahmen. IN vermutet mittlerweile Affäre. AB organisiert eine Wohnung, in der sie sich treffen können, in London. Besuch ihrer Mutter, die vom plötzlichen Wohnungsverkauf Peters erzählt (dem Jugendfreund, dem in Pariser residierenden Psychiater): Peter Calderon. IE kontaktiert PC, Martyn und er haben sich kennengelernt. In der Nacht vor der Hochzeit treffen sich AB und IE, haben entfesselte Sado-Maso-Liebesnacht. Am Morgen werden sie von M überrascht, der voller Entsetzen nach hinten geht und die Treppen hinunterstürzt und stirbt. M hatte AB gesucht, da ihr Stiefvater einen Herzinfarkt erlitten hat. PC hat M die Adresse gegeben. Alles fliegt auf. AB sagt nur: „Alles ist vorbei.“ Ingrid schlägt sich selbst ins Gesicht, bis sie blutet, wünscht sich, IE hätte sich umgebracht. IE ruft Anwalt an. AB verschwunden, zum Grab des Bruders. Beerdigung Martyns, Ingrid will IE nie wieder sehen. Abschiedsbrief von AB an IE. Drei Jahre vergangen: IE lebt in einem weißen Raum, erträgt Farbe nicht. Auf einer Reise in Deutschland trifft IE AB mit Kind und schwanger. Sie lebt mit PC zusammen.
●Kurzfassung: Gelangweilter Ehemann mit 50 beginnt Affäre mit der Verlobten seines Sohnes und zerstört damit seine Familie. Der Sohn verunglückt, als er die beiden erwischt. Danach lebt der Ehemann isoliert, und die Verlobte gründet eine Familie mit ihrer Jugendliebe.
… Kernidee: Mystische Übertragung von Schuld. Anne fühlt sich schuldig am Tode ihres Bruders. Sie hat ihn durch die Beziehung mit Peter Calderon so tief verletzt, dass er den Ausweg im Selbstmord suchte. Daraufhin sahen sich Anne und Peter zwar weiter, aber sie konnten keine Beziehung beginnen. Er wurde Psychiater, aber auch das half nicht. Anne musste die Schuld los werden, und um dies zu bewerkstelligen, benötigte sie eine Art Übertragungskonstellation aus der Psychoanalyse. D.h. sie muss eine ähnliche Situation erzeugen, um aus ihrem Trauma entkommen zu können. Martyn, der Sohn des IE, sieht Ashton, dem Bruder ähnlich. Die Affäre mit seinem Vater geht mehr zu Lasten von diesem als von ihr. Sie ist frei und ungebunden. Er hat einen Sohn und eine Ehefrau. D.h. er ist verwandt mit Martyn, sein Sohn, so wie Anne verwandt mit ihrem Bruder gewesen ist. Durch die Affäre nun stirbt Martyn. Der IE nimmt Annes Rolle ein und Anne ist frei, verabschiedet sich am Grab ihres Bruders von ihm, und heiratet nun Peter und gründet mit ihm eine Familie, während der IE nun das Leben führt, das Anne verlassen hat. Sie hat dem IE die Fackel des Todesengels überreicht.
●Ereignisse/Szenen: Kennenlernen zwischen Anna und dem IE, wie sie sagt „seltsam“ und die Szene im Hotelzimmer, wie er über die Einrichtung onaniert – dann die Hochzeitsnacht. Es fehlt aber an Verdichtungen.
●Diskurs: Eheleben. Eheproblematik. Karrierismus. Fremdbestimmtheit. Unterdrückte Komplexe, Kindheitstrauma.
… der eigentliche Plot lautet: die langsame Verheiratung der Anne Bartons, denn es gibt kein Kennenlernen, wirklich, keine initiale Verliebtheitsphase. All das wird ausgeblendet. Nur wie es zur Verlobung und den Hochzeitsvorbereitungen kommt, wird im Detail beschrieben. Sehr abstrakt, trist, wenig Sinn für das Melodramatische des eigenen Stoffes.
--> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: journalistisch, platt, ausdruckslos, fade, mit dümmlichen Metaphern „ich könnte dich umschlingen wie Efeu einen Baum“, kitschig, aus dem Nichts heraus
●Stimmige Wortfelder: ja, da es bei Küchenpsychologie bleibt, kaum Varianzen, kaum Digressionen, reines Nacherzählen, drehbuchartig
●Satzstrukturen: simpel
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Herrscher, Gebieter, Sklavin … eine gewisse unterdrückte Sinnlichkeit, die sich kaum explizit durchschlägt
●Innovation: nein
--> 1 Stern
Erzählstimme:
●Reflektiert: Ja, aus der Retrospektive, der IE hat sein Leben versemmelt und rekapituliert
●Situiert: Ja, er sitzt in einem weißen Raum in London, isoliert
●Perspektiviert: konsequente Ich-Erzählung
●Erzählform: Ich
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich, etwas unklar, da nur fragmentiert verwendet
●Erzählsicht: alle werden durch die Distanz von außen betrachtet, auch zu sich selbst
●Erzählverhalten: kommentierend, sich bekennend
●Erzählhaltung: neutral, nüchtern
●Erzählverfahren: sehr viel direkte Rede, szenisches Erleben
●Erzählstil: nivellierend
… nutzt die Ich-Perspektive nicht aus, geriert keine Empathie, bleibt kalt und distanziert zu sich selbst, zu wenig poetisches Nachforschen, kein Schwung in der Narration
--> 2 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: viel Dialog, wenig Beschreibung
●Tempiwechsel: durchgehend rasant, viel zu beschleunigt, kurzangebunden, fast nur eine Erzählskizze
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: nicht vorhanden, wahnwitzig kurze Kapitel, ständiger Hiatus
--> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja
●Geärgert: nö
●Amüsiert: nö
… schlimmer Kitsch, von einem schlimmen Erzähler einfach runterleiert
--> .. Sterne
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