Auf einer kleinen Flussinsel hat man sie in einer halbverfallenen Befestigungsanlage eingesperrt: ein kleines Häuflein von Menschen, die an seelischen oder körperlichen Schäden leiden und darum in der Gesellschaft des 12. Jahrhunderts verstoßen wurden, die glaubt, dass nicht einmal Gott ihnen gewogen ist. Jüngster Neuzugang ist Simon, der junge Spross einer Adelsfamilie, den sein Onkel wegen seiner Fallsucht fortschaffen ließ. Unter seinen neuen Schicksalsgenossen sind der psychopathische Mörder Regy, der in Ketten so weit wie möglich von den anderen ferngehalten wird, der rätselhafte Losian, der sein Gedächtnis verloren hat, die siamesischen Zwillinge Godric und Wulfric, Oswald, der als Schwachkopf gilt (und dem man heute wohl das Down-Syndrom bescheinigen würde), Edmund, der sich für einen toten Heiligen hält, sowie einige andere Benachteiligte.
Die Versorgung mit Lebensmitteln ist miserabel, und glücklich kann sich derjenige schätzen, der es schafft, sich irgendwie ein winziges Dach überm Kopf zu verschaffen. Als ein Unwetter einen Teil der lidschäftigen Anlage vollends niederreißt und einige ihrer Bewohner das Leben kostet, wagt der Rest kühn die Flucht. Trotz ihrer verschiedenen Gebrechen und ihrer völlig unterschiedlichen Herkunft und Charaktere schweißt das wagemutige Unterfangen die Gefährten eng zusammen.
Das Machtpoker zwischen König Stephen und Kaiserin Maud um den englischen Thron beschäftigt derweil besonders die Adeligen im Lande und hat auch große Auswirkungen auf das Leben der kleinen Schicksalsgemeinschaft ...
Lang erwartet und heiß ersehnt wie immer - der Roman bietet all das, was man von Rebecca Gablé gewohnt ist: schöne historische Unterhaltung mit scharf gezeichneten Figuren, die durchaus ambivalent sein können, eingebettet in ein gut recherchiertes Bild der Handlungszeit mit ihren Gebräuchen und politischen Hintergründen.
Die Ausgangssituation, diese Insel der Ausgestoßenen, die sich zusammentun, um überleben zu können, fand ich ziemlich originell. Die Umstände, unter denen die Reise der Gefährten endet, sind schon ein sehr großer Zufall, aber der musste wohl sein, damit der ganze Kontext wieder passt. Dafür können sich Gablé-Kenner über eine hübsche Querverbindung zu einem ihrer anderen historischen Romane freuen.
Die politische Komponente erhält mit der Zeit immer mehr an Bedeutung, was auch die Spannung aufrechterhält, ohne trocken zu werden. Positiv fällt auch auf, dass der auftretende Arzt nicht durch die abgedroschenen Mittelalter-Ärzte-Klischees Starstechen und Aderlass in Erscheinung tritt.
Insgesamt ein solider, schöner historischer Roman mit außergewöhnlichen Protagonisten, abgerundet durch ein informatives Nachwort. Optisch fand ich diesmal die Umschlaggestaltung etwas langweilig, mit Lesebändchen, Landkarte und großformatigen Illustrationen am Anfang der drei großen Abschnitte des Buches ist die Ausgabe ansonsten aber durchaus schön ausgestattet.