Wie kam es zur Fixierung auf eine Gegenwart, die uns aus dem Strom der Zeit und damit aus etablierten Sinnsystemen herauslöst? Im Einführungsband untersuchen Bernd Scherer, Intendant des HKW, und Helga Nowotny, emeritierte Professorin für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich, wie sich die Vorstellungen von Zeit zwischen Kapitalismus, kriegerischem Konflikt und technologischem Fortschritt entwickelt haben, wie wir Zeit heute erleben, was das für die Erfahrung und Gestaltung der Eigenzeit bedeutet und welche Auswege es aus dem von Algorithmen vorgegebenen Raster von Taktung und Beschleunigung geben könnte.
Helga Nowotny is President and a founding member of the ERC, the European Research Council. She is Professor emerita of Social Studies of Science, ETH Zurich. In 2007 she was elected ERC Vice President and in March 2010 succeeded Fotis Kafatos as President of the ERC. She holds a Ph.D. in Sociology from Columbia University, NY. and a doctorate in jurisprudence from the University of Vienna. Her current host institution is the Vienna Science and Technology Fund (WWTF). Helga Nowotny is a member of the University Council of the Ludwig Maximilians University Munich and member of many other international Advisory Boards and selection committees.
Im internationalen Einheitensystem wird die Grösse der Zeit in Einheiten der Sekunde angegeben (eigentlich somit ihre Dauer). Diese Messgrösse der Zeit, im eigentlichen Sinne keine Konstante, sondern definierter physikalischer Parameter und eine Variable mit permanent wirkender Kontinuität im Kontinuum, bestimmt fortwährend das Leben des Menschen. Metaphysisch ausgedrückt, ein mystisches Phänomen der Vergänglichkeit und kein Wunder, sondern eine der Dimensionen der „allgemeinen Relativitätstheorie“, die neben Raum, Raumkrümmung und das Gravitationsfeld, eben diese Zeit beinhaltet. Ab dem Zeitpunkt des Bewusstwerdens unserer Endlichkeit beginnt Zeit den Menschen zu dominieren. Ihm offenbart sich konsekutiv und logischerweise die Erkenntnis seiner Endlichkeit, jedoch ohne seine Akzeptanz zu erreichen (…denn wer möchte schon sterben, wenn er Liebe kennt…). Daraus folgt der Wunsch nach Unsterblichkeit. Denn Zeit kennt nur die Richtung des Vergehens. Sie umfasst neben der Vergangenheit und Gegenwart, in noch stärkerem Masse die Zukunft. So träumen wir von Zeittransformationen und Zeithorizonten. Die Paleo-Genomik hat uns die Geschichte der Evolution und damit die Historie unserer Spezies im Detail erklärt und verständlich gemacht. Nun wünschen wir uns die Zukunft in die Gegenwart und wollen diese Existenz nicht mehr verlassen. In der Welt der Neuzeit, einer Welt der Technosphären sollte es doch möglich sein, das ewige Leben, oder etwa nicht? Als Einstein danach gefragt wurde, ob Zeitreisen möglich wären, war seine Antwort: „Dann zeigen Sie mir doch die Besucher aus der Zukunft.“ Erkenntnisse über Zeit führen zu emotionalen und kognitiven Konfrontationen, weil unsere Sehnsüchte darin bestehen, noch mehr Zeit haben zu wollen. Technologische Fortschritte der Dekadenz-Epoche mit Smartphones und Co. zeigen uns mittlerweile an jeder Ecke Menschen, die beschäftigt sind. Wenn am Ende auch meist vollends sinnlos, denn sie vertreiben die Zeit, zeigt sich, dass wir keine oder sehr wenig Zeit haben. Obwohl wir sie im Übermass besitzen, können wir Zeit weder kaufen noch verkaufen, oder auf Vorrat speichern. Wäre das möglich, würde die Menschheit wohl nicht einen Tag überleben. Was wir versuchen könnten, wäre, uns in Achtsamkeit zu üben, für uns selbst. Quintessenz: Wir haben keine Zeit. Niemand hat heute Zeit. Aber für Menschen die unserer bedürftig sind, können wir uns jederzeit, die Zeit nehmen. Zum Buch: Eine kleine Zeitreise…ganz schön…