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Lena Winkel
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Germany
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December 2024
Lena Winkel (*1993) is an illustrator, comic author, and theorist from Hamburg. She is particularly interested in visual representations of non-human animals, which she explores at the intersection of theory and artistic practice. In doing so, she often reflects on her many years of experience as an illustrator of children's books. Lena Winkel (*1993) is an illustrator, comic author, and theorist from Hamburg. She is particularly interested in visual representations of non-human animals, which she explores at the intersection of theory and artistic practice. In doing so, she often reflects on her many years of experience as an illustrator of children's books. ...more
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Luftpiraten (Luftpiraten, Bd. 1) (German Edition)
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Luftpiraten: Im Himmel ist die Hölle los (Luftpiraten, Band 2)
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4.13 avg rating — 23 ratings
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Rico und die Tuchlaterne: Einfach Lesen Lernen | Lustiges Erstlesebuch für die 2. Klasse über die erste Schulzeit eines besonderen Jungen - 2. Lesestufe
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Rico und die Klautörtchen
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Detektiv Ameisis. Ein fast unlösbarer Fall: Mit Bildern von Lena Winkel
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Ein Weihnachtswunder namens Fred: Ein wunderbares, zu Herzen gehendes Vorlesebuch für die Adventszeit!
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4.50 avg rating — 6 ratings
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Tiere richtig zeichnen (Human-Animal Studies, #37)
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Hilfe, ich will keinen Hund!
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Siegfried de Drakendoder
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Tiere richtig zeichnen (Human-Animal Studies 37) (German Edition)
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Lena’s Recent Updates
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Lena Winkel
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(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 2.7.2026) Heute komme ich friedlich mit einer Rezension zu „Planet Elmar“ von Wiebke Bolduan (Pronomen (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 2.7.2026) Heute komme ich friedlich mit einer Rezension zu „Planet Elmar“ von Wiebke Bolduan (Pronomen dey/dem), jüngst erschienen im Reprodukt-Verlag, 224 Seiten, Softcover, Schwarzweiß plus Sonderfarbe (alien-grün nämlich), zu dieser später mehr. Bolduan wurde 1994 nahe Eisenach geboren, hat an der HAW Hamburg studiert und lebt auch dort (also in Hamburg, nicht in der HAW). Zugegebenermaßen handelt es sich bei „Planet Elmar“ (mal wieder) nicht um einen Kindercomic, ich würde ihn wahrscheinlich höchstens ab 14 empfehlen, aber ich gelobe erstens Besserung und zweitens, dass sich eine nähere Begutachtung von „Planet Elmar“ sehr lohnt. Bei der Begutachtung sollte man Elmar allerdings nicht unbedingt in die Augen starren, denn „Blickkontakt ist nicht gerade seine Stärke“, wie es im Klappentext heißt. Trotzdem will ich verraten, dass Elmar selbst schon vorgesorgt hat: Auf dem Cover werden seine Augen von seinem fast nasenlangen Pony verborgen. Etwas steif steht er da in seinem schwarzweiß karierten Pulli vor einem ebenfalls aliengrünen Vorhang, im Spotlight, alleine, gezeichnet mit Marker und schwarzem Buntstift, unter dem knallgelben Titel. „Planet Elmar“ ist bereits Bolduans zweite Veröffentlichung bei Reprodukt, nachdem dem 2024 dort bereits deren Debüt „Viktoria Aal“ vorgelegt hatte, wo es schon viel ums Wasser ging, und auch der Comic davor, „Warnebi“, spielte großteils in einer verregneten Lagune. Und seltsamerweise beginnt Planet Elmar in eben jenem Erlebnis-Aquarium, in dem sich auch das Drama um Viktoria Aal entspann (ebenfalls sehr lesenswert). Denn hier, im „Sea Fun“ („The Sea Is Fun“), schließt Elmar Freundschaft mit dem gleichaltrigen Per. Alleine – und von Wasser umgehen (und weiterhin mit Marker und schwarzem Buntstift gezeichnet) – sitzt Elmar 16 Jahre später auf DER INSEL, auf der er seit mindestens drei Monaten im Designer-Häuschen seines mittlerweile reichen und einigermaßen berühmten Schauspielerfreundes lebt. Per, der sich jetzt Perry nennt, hat ihm angeboten, hier unterzukommen, und Elmar nutzt die Zeit, um Steine zu sammeln, zu sortieren und sich endlich jenes Machwerk zuzuführen, dem sein bester Freund seine Berühmtheit verdankt: Die romantische (Fragezeichen) Science Fiction Serie „My Alien“. In dieser spielt Perry einen Schüler, der spitzkriegt, dass sein gutaussehender Mitschüler Pastell gar kein gewöhnlicher Siebzehnjähriger ist (!?), sondern ein Alien vom Planeten Xiluna aus der Ukytrion-Galaxie. Dieser leicht bekömmliche #SlowBurn lenkt Elmar ganz gut von allem ab, über das er lieber nicht nachdenken will: Zum einen vom launischen Per selbst, zum anderen von seiner letzten psychotherapeutischen Sitzung. Denn warum auch Elmar sich zuweilen wie ein Alien fühlt, darum geht es letztendlich in diesem Comic. Immer wieder telefoniert oder schreibt er mit Per – pardon, Perry – , der sich am Set für eine neue Staffel „My Alien“ befindet und dessen aggressiver Kommunikationsstil mehr Stress im loyalen Elmar auslöst, als dieser sich zu diesem Zeitpunkt eingestehen will. Und auch, endlich einen Anruf seiner Psychotherapeutin entgegenzunehmen kostet ihn einige Überwindung. Den letzten Anstoß für Elmar, sich kritischer mit sich selbst und vor allem seinem sogenannten besten Freund auseinanderzusetzen, gibt jedoch ein geheimnisvoller Besucher auf der Insel. Der steht eines Tages am Steinstrand und sieht aus – wie Per. Aber der ist doch eigentlich am Set? Ist Elmar jetzt doch durchgedreht auf der Insel? Aber nun Schluss mit schlechter Nacherzählung, lest besser selbst. Das Build-Up bis zu dieser Stelle ist wirklich großartig und übrigens fantastisch gezeichnet mit dem bekannten bolduan'schen charismatischen Strich. (Besonders gern mag ich auch, wie die Wolkenschatten über die Insel ziehen.) Bolduan baut die Geschichte dieser schwierigen Freundschaft geschickt aus farblich gekennzeichneten Flashbacks zusammen, die sich wiederum aus den zahlreichen (Zerr-)spiegelsituationen ergeben, die Bolduan installiert, um Plot und Reflektion voranzutreiben. An diesen Gegenüberstellungen wirkt auch ein, man würde sagen, übersinnliches Element mit, und so stehen sich am Ende nicht nur Per und Elmar, sondern auch Elmar und Elmar gegenüber. Doch die Zerrbild-Struktur lässt sich auch in kleineren Details wiederfinden: So profitiert der eine der Freunde von der Maske, die er als Schauspieler aufsetzt, der andere muss im Alltag seine Eigenarten maskieren, um im täglichen Umgang nicht aufzufallen. Und im Fernseher erscheint der Alienjunge Pastell als vielleicht sympathisches, aber dennoch nicht-menschlich markiertes Identifikationsangebot für den ebenfalls mit seiner Menschlichkeit ringenden Elmar. Denn auch das ist eine Facette davon, was es heißen kann, mit Autismus zu leben. Nun ist das A-Wort doch gefallen, wobei es an dieser Stelle wichtig ist zu betonen, dass es sich bei dem, mit dem Elmar sich auf der Insel herumschlägt, zunächst einmal um einen Diagnoseverdacht handelt. Es ist eine weitere Frage, die der Comic behutsam und ohne vorschnelle Schlüsse behandelt: Könnte eine Diagnose Elmar helfen, sich zu ordnen und ggf. besser für seine Grenzen einzustehen, statt sich diese von den Perrys dieser Welt diktieren zu lassen? Da ich das Glück hatte, einer stimmungsvollen Lesung von „Planet Elmar“ beiwohnen zu dürfen (die nebenbei dank eines winzigen Synthesizers auch musikalisch voll überzeugte), kann ich berichten, dass es Bolduan bei „Elmar“ nicht darum ging, ein allgemeines Bild von Autismus zu zeichnen, keine universelle Erfahrung oder fachbuchgetreue Abbildung des autistischen Spektrum zu repräsentieren. Das wäre auch sicherlich gar nicht möglich. Klugerweise konzentriert sich Bolduan auf eine Einzelerfahrung und macht darüber auch deutlich, wie eine neurodivergente Verarbeitung der Sinnesreize Beziehungen und Selbstwahrnehmung beeinflussen kann, insbesondere dann, wenn sich das Umfeld (Perry) seinerseits unverstanden fühlt und mit der eigenen Gefühlsregulation hadert. Während die zunehmende Sichtbarmachung der autistischen Symptomatik und ihrer vielfältigen Ausprägungen z.Bsp. in den sozialen Medien begrüßenswert ist (es hat sich viel getan seit „Rain Man“, nichts gegen Dusty, though), kann eine oberflächliche Aufzählung von Diagnosekriterien auf Tiktok, Insta oder sonstwo dazu führen, dass man vergisst, wie es sich eigentlich anfühlt, mit ihnen zu leben. „Planet Elmar“ schafft hier einen dringend notwendigen, dazu absolut unterhaltsamen und schlau geplotteten Gegenentwurf, der ganz ohne die üblichen Buzzwords auskommt und gerade dadurch Raum zu Identifikation schafft. (Auch wenn mir gerade zu Per so einiges einfallen würde!) Ich kann deswegen nur wärmstens empfehlen, dem Planeten Elmar einen Besuch abzustatten, vielleicht sogar mehrmals. Die Reise lohnt sich sehr. NACHWORT Versierte Kinderbuch-Historiker*innen könnten sich bei Überprüfung des Covers mit der Frage konfrontiert sehen, ob es sich bei der Kombi von Karomuster und den Namen „Elmar“ um einen bewussten Rückgriff auf einen bekannten karierten Elefanten namens Elmar handelt. Wie soll sich der nun bitte ins Bedeutungsmosaik fügen? Auch mich trieb diese Frage um. Gerne berichte ich, dass ich Wiebke Bolduan gefragt habe: Es ist ein kosmischer Zufall. ...more |
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(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 16.4.2026) Nach „Milch ohne Honig“ ist „Wald ohne Bäume“ der zweite Sachcomic der 1996 geborenen Hanna (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 16.4.2026) Nach „Milch ohne Honig“ ist „Wald ohne Bäume“ der zweite Sachcomic der 1996 geborenen Hanna Harms, der am 3. März mit einem bemerkenswert minimalistischen Cover bei Carlsen Comics erschienen ist. Während Hanna Harms sich in ihrem letzten Buch mit den Auswirkungen des Insektensterbens beschäftigt hatte, widmet sie sich in „Wald ohne Bäume“ dem globalen Verschwinden von Wald-Ökosystemen. Der Pressemappe lässt sich entnehmen, dass für Hanna Harms das Thema an Dringlichkeit gewann, als die Auswirkungen menschlicher Eingriffe auf den Wald, neben dem sie aufgewachsen ist, immer deutlicher wurden; eine Erfahrung, die sicher viele Leser*innen mit ihr teilen werden. Tatsächlich steht auch mein „Kindheitswald“ nicht mehr. Nach drei trockenen Sommern hatten sich die Borkenkäfer in der ohnehin anfälligen Fichtenmonokultur rasend schnell ausgebreitet und die Borke zerfressen. Eines Tages waren alle Fichten weg. „Solastalgie“ ist der Begriff für das Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Die Comiczeichnerin Kolo Kraft hatte bereits 2023 einen Kurzcomic mit diesem Titeal gezeichnet, in dem sie die emotionalen Auswirkungen der Landschaftsveränderung auf ihre Bewohner*innen verarbeitete. Der Begriff Solastalgie kommt bei Hannah Harms zwar nicht vor, doch das Gefühl des Verlustes durchzieht zwangsläufig auch „Wald ohne Bäume“, wenngleich es in diesem Fall mit dem Anspruch der Wissensvermittlung verwoben ist. Ganz so, als wollte sie uns schon auf den nächsten Schritt vorbereiten, wieder handlungsfähig zu werden, ähnlich wie es auch Lena Hällmayr in ihrem Comic „Klimaangst und Wandelmut“ aus dem Jahr 2024 durchgearbeitet hat. Da heißt es übrigens an entscheidender Stelle: „Es gibt nichts, was mich mehr beruhigt, als allein durch den Wald zu streifen.“ Hannah Harms wählt hier allerdings einen anderen, auch im Sachcomicbereich ungewöhnlichen künstlerischen Zugang. Sowohl auf der Bild- als auch der Text-Ebene arbeitet sie mit Abstrahierungen. Deren unkonventionellste Ausprägung ist das vollständige Fehlen von den sonst in vielen Comics üblichen „Sympathiefiguren“, anhand derer sich die Handlung entspinnt. Statt eines Figuren-Ensembles stehen bei Harms keine einzelnen Akteure, sondern gleich ein ganzes Ökosystem im Zentrum. Um die komplexen inner-artlichen und über Jahrmillionen gewachsenen Verflechtungen von Wäldern, Klima und tierlichen wie pflanzlichen Waldbewohnern zu vermitteln, schlägt Hanna Harms einen großen Bogen von der Entwicklung des Lebens zu seiner aktuell fortschreitenden Zerstörung durch „die Menschheit“ (dazu später noch mehr). Die Zeichnungen selbst erinnern auf den ersten Blick an Infografiken. Hierbei handelt es sich aber nicht um glatte vektorbasierte Illustrationen, sondern sorgsam gezeichnete Einzelelemente, denen man den Buntstift-Duktus noch deutlich ansieht und die den sorgsam komponierten Seiten eine warme, handgemachte Ausstrahlung verleihen. Die Zeichnungen wirken zart, ebenso wie das einzigartige Leben, dessen Entstehung sie repräsentieren. Die meisten Seiten sind zudem mit einem blassen Grün hinterlegt, das nur manchmal vom reinen Weiß des - übrigens cradle to cradle zertifizierten Papiers - durchbrochen wird. Die Grafiken sind durchgehend mit dem Text verwoben (ökologisch, könnte man meinen), der fragmentarisch über die Seiten verteilt ist. Dieser vermittelt Sach- und atmosphärische Informationen in einer Mischung aus ganzen Sätzen, an deren Ende ein Punkt gesetzt wird, sowie Halb- und Einwortsätzen ohne Punkt. Das liest sich dann zum Beispiel so: IMMER HÖHERE WUCHSFORMEN ENTLANG VON WASSERWEGEN SCHACHTELHALME BÄRLAPPE FARNE PILZE METERHOHE FARNE DIE FRÜHESTEN BAUMÄHNLICHEN WUCHSFORMEN ERHEBEN SICH ÜBER DIE LANDOBERFLÄCHE IN RICHTUNG DES LICHTS. Parallel dazu setzen sich geometrische Formen zu Atomen, Elementtafeln, Diagrammen, Zellhaufen und komplexeren Organismen zusammen. Erste baumähnliche Wuchsformen entstehen, Ginkobäume und später auch Laubbäume, Wasserkreisläufe und Photosynthese formen die Urwelt. Schließlich setzt das Anthropozän ein, ein tiefer Einschnitt. Wenngleich im gesamten Comic keine Menschen gezeigt werden, wird nachvollziehbar, wie menschliche Sesshaftigkeit zunehmend die Landschaft verändert und schließlich mit dem Beginn der industriellen Revolution die scheinbar außerhalb stehende Natur in nie dagewesenem Ausmaß ausgebeutet wird. Alles wird schneller, düsterer, baumloser, Straßen zerstückeln Landschaften und Seiten-Kompositionen und damit vormals über- und unterirdisch zusammenhängende ökologische Systeme. Analog dazu wird der Text auch selber zum (anthropogenen?) Akteur, wenn zum Beispiel die Worte „BEI ERREICHEN DES ZIELDURCHMESSERS WIRD ZUKUNFT ZU VERGANGENHEIT" quer durch einen schwarzen Baumstamm schneiden. Bestimmte Formulierungen wirken wie Zitate oder Rückgriffe auf bekannte Phrasen aus der Waldforschung, wenngleich an keiner Stelle konkrete Fußnoten gesetzt sind. Im Literaturverzeichnis lassen sich zwar die zu Rate gezogenen Quellen nachlesen, jedoch nicht genau zuordnen, was auf mich beim Lesen einen interessanten Effekt hatte. Das Fragmenthafte unterstützt das allgemeine Gefühl von Verschwinden und Verlust, als sei auch die Quellenliteratur schon im Verfall begriffen und von ihrem Ursprung losgelöst, als Produkt der fortschreitenden Katastrophe gerade hinreichend geeignet, dieselbe phrasenhaft zu beschreiben. Umso eindrücklicher hallen dadurch die selteneren, aber klar gesetzten poetischen Einschübe in Wort und Bild nach. Im Text sind das zitternde Blätter oder flirrender Asphalt, der die atmosphärischen Auswirkungen des Beschriebenen plötzlich fühlbar macht. Und wo das Bild in Diagrammform stärker im Dienst einer klassischen Wissensvermittlung steht, kann es auf der nächsten Seite schon ins Rein-Abstrakte kippen, um eine Emotion zu erzeugen. Besonders eindrücklich fand ich hier eine komplett schwarze Seite, auf der nur ein einzelnes Satzfragment zu lesen ist, das nüchtern auf den Lärm von Motorsägen verweist. Der mit der Sesshaftigkeit andauernde Abgesang auf „die Menschheit“, die ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört und fast bis zum Ende des Buches andauert, erzeugt so einen schwindelerregenden Sog, der mich mehr als einmal an den experimentellen Dokumentarfilm „Koyaanisquatsi“ aus dem Jahre 1982 denken ließ, der ebenso auf handelnde Figuren vollständig verzichtet und in einem Rausch aus Bildern und Philip Glass-Musik vom Ungleichgewicht von „Zivilisation“ und „Natur“ erzählt. Während dem älteren „Koyaanisquatsi“ allerdings schon damals ein plakativer Kulturpessimismus unterstellt wurde, kann Harms die ökologischen Zusammenhänge hier in Schrift und Bild deutlicher ausdifferenzieren und ermutigt damit eher zum Weiterlesen denn zur Kapitulation. Dennoch geht die Abstrahierung unter dem Anspruch, eine Geschichte der Wälder seit ihrer Entstehung zu erzählen, an der ein oder anderen Stelle auch bei „Wald ohne Bäume“ unweigerlich mit Verallgemeinerungen einher. Namentlich sei hier auf die durchgängige Verwendung der Begriffe „Menschheit“ und „Menschen“ verwiesen, zum Beispiel: „Menschen verbrauchen riesige Mengen Energie, um sich das Leben zu erleichtern“. An anderer Stelle wird hingegen davon gesprochen, das Wissen indigener Bevölkerungen im Umgang mit dem Wald müsse respektiert und ernst genommen werden. Wer also genau ist diese Menschheit, von der die Rede war? Handelt es sich dabei also „nur“ um ausbeutende Menschen und wenn ja, müssten die Verantwortlichkeiten dann nicht genauer benannt werden? Gleichzeitig scheint Hanna Harms, wie an anderer Stelle deutlich wird, nicht zu glauben, dass es sich bei dem im Buch angeprangerten arroganten Anthropozentrismus um eine Eigenschaft handelt, die „den Menschen“ inhärent sein muss, kurzum: Dass nicht jeder Mensch ein ausbeutender Mensch sein muss. Mit dem vorhandenen (und in den Quellen gelisteten) Wissen zu Wald und Klima ist längst ein anderes, ein (wie der Waldforscher Pierre L. Ibisch im Nachwort fordert) ökohumanistisches Leben möglich, was auch bei Hanna Harms ein vorsichtiger Grund zur Hoffnung ist, zart wie eine Buntstiftzeichnung. Sicher nicht ohne Grund verweist sie gleich zweimal auf die positiven Effekte, die eine pflanzenbasierte Ernährung auf Landnutzung und Klima hätte: Die verbrauchte Agrarbaufläche würde um 75% sinken und Platz für neue Wälder machen. (Räusper, räusper! The time is now!) Folgerichtig führt uns Harms am Ende mit zirkelkompositorischer Eleganz zum „Horror vacui“ und den sich zaghaft zusammensetzenden Elementen am Anfang des Buches zurück: Das Leben findet einen Weg – wenn man ihm den nötigen Raum dafür gibt. ...more |
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(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.2.2026) Die Waschbären Walther und Juri geraten bei einem nächtlichen Ausflug in Versuchung, klette (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.2.2026) Die Waschbären Walther und Juri geraten bei einem nächtlichen Ausflug in Versuchung, klettern (kulturfolgend) in eine Mülltonne und stopfen sich aus Neugier leider nicht nur mit Gemüse-Abfällen, sondern auch mit B-Vitaminen voll. So sehr, dass sie bewusstlos werden und nicht mitbekommen, dass sie von der Müllabfuhr kurzerhand mit-eingesammelt werden. Von der Mülltrennungsanlage geraten sie ins Tierheim, von dort fliehen sie schließlich an den Hafen und auf ein Containerschiff. Dort treffen sie das Kaninchen Dexter, dass seinerseits einer Gefangenschaft als Stallhase entkommen ist, sowie die menschenfreundliche Hündin des Chefkochs, Tony. Die Suche nach einem Ausweg schweißt sie trotz diverser charakterlicher und Spezies-Unterschiede zusammen und so machen sie sich mit der Hilfe eines Kochtopfes gemeinsam auf den beschwerlichen Weg zurück über den weiten Ozean an Land. Regina Kehn wurde 1989 mit ihren Illustrationen zu Michael Endes satanarchäologenialkohöllischen Wunschpunsch deutschlandweit bekannt. Seither hat sie zahlreiche Bücher illustriert, darunter von Saša Stanišić, Cornelia Funke, Kirsten Boie, Andreas Steinhöfel und vielen anderen. Ihre Arbeiten sind aus der deutschen Illustrationslandschaft nicht wegzudenken und zeugen gleichzeitig von großer Wandelbarkeit und Freude am Experiment. So hat sich seit den charmant-schraddeligen, schwarzweißen Federzeichnungen, wie sie im "Wunschpunsch" auftauchten, viel getan und in den neueren Kehn-Illustrationen dominieren leuchtende, warme Grundfarben und dickere schwarze Umrisslinien. Das ist auch bei "Einmal kurz nicht aufgepasst" der Fall: Kehns Comic-Debüt ist durchgehend farbig gehalten, die tierlichen Hauptfiguren bewegen sich durch plastische, aber atmosphärische Räume, die durch die Linienführung gleichzeitig klar lesbar und freundlich bestimmt bleiben. Dabei behalten die Figuren ihren kehntypischen, sprich jakob-krakeligen Charme. Die Handlung von "Einmal kurz nicht aufgepasst" (kurz: EKNA) erinnert an andere tierlichen Roadmovies oder -comics, die Tierschicksale in einer menschlichen dominierten Welt erzählen (die Klassiker: Findet Nemo, Watership Down, Chicken Run …). Das sind Geschichten, die sich ebenso wie EKNA dadurch auszeichneten, dass ihre tierlichen Protagonisten unfreiwillig in menschengemachte Strukturen hineingeraten, diese aus ihrer Perspektive erleben, interpretieren oder sich zu Nutze machen. Neben vereinzelten Veröffentlichungen wie dem lettischen Film "Flow" (2024) sind diese Geschichten heutzutage (vor allem bei Disney/Pixar) seltener geworden und Erzählungen von Innerlichkeit gewichen, die seltener das Mensch-Tier-Verhältnis an sich als Konfliktauslöser nutzen. (Forschungsfrage an die Zuhörenden: Stimmt das überhaupt? Und trifft das auch für Comic und Bilderbuch zu? Außerdem muss ich „Hoppers“ noch sehen und die These ggf. aktualisieren.) In EKNA bleibt Kehn der Sichtweise ihrer Tierfiguren treu, bricht ihre Handlungsmacht allerdings auch immer wieder auf durch eindeutige Anthropomorphismen: So erweist sich Juri gleich zu Anfang des Buches als fähiger Elektriker, oder die Protagonisten tun sich durch elaborierte Zitate von Martin Luther King oder Winston Churchill hervor. Abgesehen von diesen augenzwinkernden Ausbrüchen geht es aber immer wieder um das Wesentliche: Sie Suche nach Futter, Wärme und Sicherheit in einer tierfeindlichen Umgebung. Ganz frei von Stereotypen bleibt die Figurenzeichnung dabei leider nicht. So bilden Walther und Juri ein typisches cervantisches "Odd Couple", bei dem der dickere Walther als dümmlicher Sidekick des neurotischen, aber brillanten Yuri fungiert. Dexter ist wenig überraschend vor allem ein nervöses Kaninchen, und Tony bedient die Stereotype der menschenverwöhnten Schoßhündin. Zwar werden alle Figuren mit der gleichen liebevollen Aufmerksamkeit bedacht und selbst Walther, der von Juri immer wieder belächelt wird, bekommt seinen Moment, doch insbesondere die Parallelisierung von Walthers (optisch markiertem) "Übergewicht" in Zusammenhang mit seinem beständig geäußerten Wunsch nach Essen habe ich als überstrapazierte Trope empfunden. Während ich also große Freude an der Bildsprache und den Designs von EKNA hatte, haben mich Geschichte und "Casting" als erwachsene Leser*in wenig überrascht, ich empfand sie sozusagen als genre-typisch. Doch gleichzeitig ahnte ich bereits, dass eine größere Lese-Erfahrung (sprich: Mein fortgeschrittenes Alter) in diesem Fall eine korrekte Einschätzung der Wirkung auf die eigentliche Zielgruppe verstellen kann. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, im Rahmen des Yippie-Kindercomicfestivals in Frankfurt einer Lesung von Regina beiwohnen zu können. Hier nahm die Abenteuergeschichte mit musikalischer Untermalung und Rollenverteilung im voll besetzten Jungen Literaturhaus Fahrt auf: Die Kinder fieberten sichtlich mit. Als schließlich das Kaninchen Dexter von seiner traurigen Vergangenheit erzählte, musste ein Kind tatsächlich laut schluchzen! (Verständlich!) Während ich innigst hoffe, dass das besagte Kind sich trösten lassen konnte und die Lesung trotzdem insgesamt als positives Ereignis abspeichern konnte, war das für mich ein deutlicher Beweis, dass es in der Tat immer wieder solche Bücher braucht. EKNA eröffnet bei aller Verspieltheit und ganz nebenbei auch eine Sichtweise auf die sogenannte westliche Zivilisation aus der Perspektive derjenigen, für die sie nicht gebaut wurde. (Von dieser Warte aus lässt sich das Ende der Geschichte übrigens auch als ein pessimistischer Kommentar zur Gesamtsituation lesen!) Und umso schöner, wenn dieses Angebot zur Empathie von einer so begabten Bilderzählerin wie Regina Kehn gemacht wird. ...more |
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(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 16.4.2026) Nach „Milch ohne Honig“ ist „Wald ohne Bäume“ der zweite Sachcomic der 1996 geborenen Hanna (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 16.4.2026) Nach „Milch ohne Honig“ ist „Wald ohne Bäume“ der zweite Sachcomic der 1996 geborenen Hanna Harms, der am 3. März mit einem bemerkenswert minimalistischen Cover bei Carlsen Comics erschienen ist. Während Hanna Harms sich in ihrem letzten Buch mit den Auswirkungen des Insektensterbens beschäftigt hatte, widmet sie sich in „Wald ohne Bäume“ dem globalen Verschwinden von Wald-Ökosystemen. Der Pressemappe lässt sich entnehmen, dass für Hanna Harms das Thema an Dringlichkeit gewann, als die Auswirkungen menschlicher Eingriffe auf den Wald, neben dem sie aufgewachsen ist, immer deutlicher wurden; eine Erfahrung, die sicher viele Leser*innen mit ihr teilen werden. Tatsächlich steht auch mein „Kindheitswald“ nicht mehr. Nach drei trockenen Sommern hatten sich die Borkenkäfer in der ohnehin anfälligen Fichtenmonokultur rasend schnell ausgebreitet und die Borke zerfressen. Eines Tages waren alle Fichten weg. „Solastalgie“ ist der Begriff für das Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Die Comiczeichnerin Kolo Kraft hatte bereits 2023 einen Kurzcomic mit diesem Titeal gezeichnet, in dem sie die emotionalen Auswirkungen der Landschaftsveränderung auf ihre Bewohner*innen verarbeitete. Der Begriff Solastalgie kommt bei Hannah Harms zwar nicht vor, doch das Gefühl des Verlustes durchzieht zwangsläufig auch „Wald ohne Bäume“, wenngleich es in diesem Fall mit dem Anspruch der Wissensvermittlung verwoben ist. Ganz so, als wollte sie uns schon auf den nächsten Schritt vorbereiten, wieder handlungsfähig zu werden, ähnlich wie es auch Lena Hällmayr in ihrem Comic „Klimaangst und Wandelmut“ aus dem Jahr 2024 durchgearbeitet hat. Da heißt es übrigens an entscheidender Stelle: „Es gibt nichts, was mich mehr beruhigt, als allein durch den Wald zu streifen.“ Hannah Harms wählt hier allerdings einen anderen, auch im Sachcomicbereich ungewöhnlichen künstlerischen Zugang. Sowohl auf der Bild- als auch der Text-Ebene arbeitet sie mit Abstrahierungen. Deren unkonventionellste Ausprägung ist das vollständige Fehlen von den sonst in vielen Comics üblichen „Sympathiefiguren“, anhand derer sich die Handlung entspinnt. Statt eines Figuren-Ensembles stehen bei Harms keine einzelnen Akteure, sondern gleich ein ganzes Ökosystem im Zentrum. Um die komplexen inner-artlichen und über Jahrmillionen gewachsenen Verflechtungen von Wäldern, Klima und tierlichen wie pflanzlichen Waldbewohnern zu vermitteln, schlägt Hanna Harms einen großen Bogen von der Entwicklung des Lebens zu seiner aktuell fortschreitenden Zerstörung durch „die Menschheit“ (dazu später noch mehr). Die Zeichnungen selbst erinnern auf den ersten Blick an Infografiken. Hierbei handelt es sich aber nicht um glatte vektorbasierte Illustrationen, sondern sorgsam gezeichnete Einzelelemente, denen man den Buntstift-Duktus noch deutlich ansieht und die den sorgsam komponierten Seiten eine warme, handgemachte Ausstrahlung verleihen. Die Zeichnungen wirken zart, ebenso wie das einzigartige Leben, dessen Entstehung sie repräsentieren. Die meisten Seiten sind zudem mit einem blassen Grün hinterlegt, das nur manchmal vom reinen Weiß des - übrigens cradle to cradle zertifizierten Papiers - durchbrochen wird. Die Grafiken sind durchgehend mit dem Text verwoben (ökologisch, könnte man meinen), der fragmentarisch über die Seiten verteilt ist. Dieser vermittelt Sach- und atmosphärische Informationen in einer Mischung aus ganzen Sätzen, an deren Ende ein Punkt gesetzt wird, sowie Halb- und Einwortsätzen ohne Punkt. Das liest sich dann zum Beispiel so: IMMER HÖHERE WUCHSFORMEN ENTLANG VON WASSERWEGEN SCHACHTELHALME BÄRLAPPE FARNE PILZE METERHOHE FARNE DIE FRÜHESTEN BAUMÄHNLICHEN WUCHSFORMEN ERHEBEN SICH ÜBER DIE LANDOBERFLÄCHE IN RICHTUNG DES LICHTS. Parallel dazu setzen sich geometrische Formen zu Atomen, Elementtafeln, Diagrammen, Zellhaufen und komplexeren Organismen zusammen. Erste baumähnliche Wuchsformen entstehen, Ginkobäume und später auch Laubbäume, Wasserkreisläufe und Photosynthese formen die Urwelt. Schließlich setzt das Anthropozän ein, ein tiefer Einschnitt. Wenngleich im gesamten Comic keine Menschen gezeigt werden, wird nachvollziehbar, wie menschliche Sesshaftigkeit zunehmend die Landschaft verändert und schließlich mit dem Beginn der industriellen Revolution die scheinbar außerhalb stehende Natur in nie dagewesenem Ausmaß ausgebeutet wird. Alles wird schneller, düsterer, baumloser, Straßen zerstückeln Landschaften und Seiten-Kompositionen und damit vormals über- und unterirdisch zusammenhängende ökologische Systeme. Analog dazu wird der Text auch selber zum (anthropogenen?) Akteur, wenn zum Beispiel die Worte „BEI ERREICHEN DES ZIELDURCHMESSERS WIRD ZUKUNFT ZU VERGANGENHEIT" quer durch einen schwarzen Baumstamm schneiden. Bestimmte Formulierungen wirken wie Zitate oder Rückgriffe auf bekannte Phrasen aus der Waldforschung, wenngleich an keiner Stelle konkrete Fußnoten gesetzt sind. Im Literaturverzeichnis lassen sich zwar die zu Rate gezogenen Quellen nachlesen, jedoch nicht genau zuordnen, was auf mich beim Lesen einen interessanten Effekt hatte. Das Fragmenthafte unterstützt das allgemeine Gefühl von Verschwinden und Verlust, als sei auch die Quellenliteratur schon im Verfall begriffen und von ihrem Ursprung losgelöst, als Produkt der fortschreitenden Katastrophe gerade hinreichend geeignet, dieselbe phrasenhaft zu beschreiben. Umso eindrücklicher hallen dadurch die selteneren, aber klar gesetzten poetischen Einschübe in Wort und Bild nach. Im Text sind das zitternde Blätter oder flirrender Asphalt, der die atmosphärischen Auswirkungen des Beschriebenen plötzlich fühlbar macht. Und wo das Bild in Diagrammform stärker im Dienst einer klassischen Wissensvermittlung steht, kann es auf der nächsten Seite schon ins Rein-Abstrakte kippen, um eine Emotion zu erzeugen. Besonders eindrücklich fand ich hier eine komplett schwarze Seite, auf der nur ein einzelnes Satzfragment zu lesen ist, das nüchtern auf den Lärm von Motorsägen verweist. Der mit der Sesshaftigkeit andauernde Abgesang auf „die Menschheit“, die ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört und fast bis zum Ende des Buches andauert, erzeugt so einen schwindelerregenden Sog, der mich mehr als einmal an den experimentellen Dokumentarfilm „Koyaanisquatsi“ aus dem Jahre 1982 denken ließ, der ebenso auf handelnde Figuren vollständig verzichtet und in einem Rausch aus Bildern und Philip Glass-Musik vom Ungleichgewicht von „Zivilisation“ und „Natur“ erzählt. Während dem älteren „Koyaanisquatsi“ allerdings schon damals ein plakativer Kulturpessimismus unterstellt wurde, kann Harms die ökologischen Zusammenhänge hier in Schrift und Bild deutlicher ausdifferenzieren und ermutigt damit eher zum Weiterlesen denn zur Kapitulation. Dennoch geht die Abstrahierung unter dem Anspruch, eine Geschichte der Wälder seit ihrer Entstehung zu erzählen, an der ein oder anderen Stelle auch bei „Wald ohne Bäume“ unweigerlich mit Verallgemeinerungen einher. Namentlich sei hier auf die durchgängige Verwendung der Begriffe „Menschheit“ und „Menschen“ verwiesen, zum Beispiel: „Menschen verbrauchen riesige Mengen Energie, um sich das Leben zu erleichtern“. An anderer Stelle wird hingegen davon gesprochen, das Wissen indigener Bevölkerungen im Umgang mit dem Wald müsse respektiert und ernst genommen werden. Wer also genau ist diese Menschheit, von der die Rede war? Handelt es sich dabei also „nur“ um ausbeutende Menschen und wenn ja, müssten die Verantwortlichkeiten dann nicht genauer benannt werden? Gleichzeitig scheint Hanna Harms, wie an anderer Stelle deutlich wird, nicht zu glauben, dass es sich bei dem im Buch angeprangerten arroganten Anthropozentrismus um eine Eigenschaft handelt, die „den Menschen“ inhärent sein muss, kurzum: Dass nicht jeder Mensch ein ausbeutender Mensch sein muss. Mit dem vorhandenen (und in den Quellen gelisteten) Wissen zu Wald und Klima ist längst ein anderes, ein (wie der Waldforscher Pierre L. Ibisch im Nachwort fordert) ökohumanistisches Leben möglich, was auch bei Hanna Harms ein vorsichtiger Grund zur Hoffnung ist, zart wie eine Buntstiftzeichnung. Sicher nicht ohne Grund verweist sie gleich zweimal auf die positiven Effekte, die eine pflanzenbasierte Ernährung auf Landnutzung und Klima hätte: Die verbrauchte Agrarbaufläche würde um 75% sinken und Platz für neue Wälder machen. (Räusper, räusper! The time is now!) Folgerichtig führt uns Harms am Ende mit zirkelkompositorischer Eleganz zum „Horror vacui“ und den sich zaghaft zusammensetzenden Elementen am Anfang des Buches zurück: Das Leben findet einen Weg – wenn man ihm den nötigen Raum dafür gibt. ...more |
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(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.2.2026) Die Waschbären Walther und Juri geraten bei einem nächtlichen Ausflug in Versuchung, klette (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.2.2026) Die Waschbären Walther und Juri geraten bei einem nächtlichen Ausflug in Versuchung, klettern (kulturfolgend) in eine Mülltonne und stopfen sich aus Neugier leider nicht nur mit Gemüse-Abfällen, sondern auch mit B-Vitaminen voll. So sehr, dass sie bewusstlos werden und nicht mitbekommen, dass sie von der Müllabfuhr kurzerhand mit-eingesammelt werden. Von der Mülltrennungsanlage geraten sie ins Tierheim, von dort fliehen sie schließlich an den Hafen und auf ein Containerschiff. Dort treffen sie das Kaninchen Dexter, dass seinerseits einer Gefangenschaft als Stallhase entkommen ist, sowie die menschenfreundliche Hündin des Chefkochs, Tony. Die Suche nach einem Ausweg schweißt sie trotz diverser charakterlicher und Spezies-Unterschiede zusammen und so machen sie sich mit der Hilfe eines Kochtopfes gemeinsam auf den beschwerlichen Weg zurück über den weiten Ozean an Land. Regina Kehn wurde 1989 mit ihren Illustrationen zu Michael Endes satanarchäologenialkohöllischen Wunschpunsch deutschlandweit bekannt. Seither hat sie zahlreiche Bücher illustriert, darunter von Saša Stanišić, Cornelia Funke, Kirsten Boie, Andreas Steinhöfel und vielen anderen. Ihre Arbeiten sind aus der deutschen Illustrationslandschaft nicht wegzudenken und zeugen gleichzeitig von großer Wandelbarkeit und Freude am Experiment. So hat sich seit den charmant-schraddeligen, schwarzweißen Federzeichnungen, wie sie im "Wunschpunsch" auftauchten, viel getan und in den neueren Kehn-Illustrationen dominieren leuchtende, warme Grundfarben und dickere schwarze Umrisslinien. Das ist auch bei "Einmal kurz nicht aufgepasst" der Fall: Kehns Comic-Debüt ist durchgehend farbig gehalten, die tierlichen Hauptfiguren bewegen sich durch plastische, aber atmosphärische Räume, die durch die Linienführung gleichzeitig klar lesbar und freundlich bestimmt bleiben. Dabei behalten die Figuren ihren kehntypischen, sprich jakob-krakeligen Charme. Die Handlung von "Einmal kurz nicht aufgepasst" (kurz: EKNA) erinnert an andere tierlichen Roadmovies oder -comics, die Tierschicksale in einer menschlichen dominierten Welt erzählen (die Klassiker: Findet Nemo, Watership Down, Chicken Run …). Das sind Geschichten, die sich ebenso wie EKNA dadurch auszeichneten, dass ihre tierlichen Protagonisten unfreiwillig in menschengemachte Strukturen hineingeraten, diese aus ihrer Perspektive erleben, interpretieren oder sich zu Nutze machen. Neben vereinzelten Veröffentlichungen wie dem lettischen Film "Flow" (2024) sind diese Geschichten heutzutage (vor allem bei Disney/Pixar) seltener geworden und Erzählungen von Innerlichkeit gewichen, die seltener das Mensch-Tier-Verhältnis an sich als Konfliktauslöser nutzen. (Forschungsfrage an die Zuhörenden: Stimmt das überhaupt? Und trifft das auch für Comic und Bilderbuch zu? Außerdem muss ich „Hoppers“ noch sehen und die These ggf. aktualisieren.) In EKNA bleibt Kehn der Sichtweise ihrer Tierfiguren treu, bricht ihre Handlungsmacht allerdings auch immer wieder auf durch eindeutige Anthropomorphismen: So erweist sich Juri gleich zu Anfang des Buches als fähiger Elektriker, oder die Protagonisten tun sich durch elaborierte Zitate von Martin Luther King oder Winston Churchill hervor. Abgesehen von diesen augenzwinkernden Ausbrüchen geht es aber immer wieder um das Wesentliche: Sie Suche nach Futter, Wärme und Sicherheit in einer tierfeindlichen Umgebung. Ganz frei von Stereotypen bleibt die Figurenzeichnung dabei leider nicht. So bilden Walther und Juri ein typisches cervantisches "Odd Couple", bei dem der dickere Walther als dümmlicher Sidekick des neurotischen, aber brillanten Yuri fungiert. Dexter ist wenig überraschend vor allem ein nervöses Kaninchen, und Tony bedient die Stereotype der menschenverwöhnten Schoßhündin. Zwar werden alle Figuren mit der gleichen liebevollen Aufmerksamkeit bedacht und selbst Walther, der von Juri immer wieder belächelt wird, bekommt seinen Moment, doch insbesondere die Parallelisierung von Walthers (optisch markiertem) "Übergewicht" in Zusammenhang mit seinem beständig geäußerten Wunsch nach Essen habe ich als überstrapazierte Trope empfunden. Während ich also große Freude an der Bildsprache und den Designs von EKNA hatte, haben mich Geschichte und "Casting" als erwachsene Leser*in wenig überrascht, ich empfand sie sozusagen als genre-typisch. Doch gleichzeitig ahnte ich bereits, dass eine größere Lese-Erfahrung (sprich: Mein fortgeschrittenes Alter) in diesem Fall eine korrekte Einschätzung der Wirkung auf die eigentliche Zielgruppe verstellen kann. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, im Rahmen des Yippie-Kindercomicfestivals in Frankfurt einer Lesung von Regina beiwohnen zu können. Hier nahm die Abenteuergeschichte mit musikalischer Untermalung und Rollenverteilung im voll besetzten Jungen Literaturhaus Fahrt auf: Die Kinder fieberten sichtlich mit. Als schließlich das Kaninchen Dexter von seiner traurigen Vergangenheit erzählte, musste ein Kind tatsächlich laut schluchzen! (Verständlich!) Während ich innigst hoffe, dass das besagte Kind sich trösten lassen konnte und die Lesung trotzdem insgesamt als positives Ereignis abspeichern konnte, war das für mich ein deutlicher Beweis, dass es in der Tat immer wieder solche Bücher braucht. EKNA eröffnet bei aller Verspieltheit und ganz nebenbei auch eine Sichtweise auf die sogenannte westliche Zivilisation aus der Perspektive derjenigen, für die sie nicht gebaut wurde. (Von dieser Warte aus lässt sich das Ende der Geschichte übrigens auch als ein pessimistischer Kommentar zur Gesamtsituation lesen!) Und umso schöner, wenn dieses Angebot zur Empathie von einer so begabten Bilderzählerin wie Regina Kehn gemacht wird. ...more |
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(Überarbeitete (d.h. wesentlich längere und albernere) Rezension, ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 30.5.2025) VAMPIRE - das unvermeidbare Metamoti (Überarbeitete (d.h. wesentlich längere und albernere) Rezension, ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 30.5.2025) VAMPIRE - das unvermeidbare Metamotiv unserer monstergebeutelten Gegenwart (möglicherweise begründbar mit Gramsci: "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster..."?). Von Bob Eggers "Nosferatu"-Neuverfilmung über den aktuellen blacula-like „Sinners“ bis hin zu den unzähligen, der Twilight-Tradition folgenden Titeln des Dark Romance-Genres, für die Carlsen nun sogar einen eigenen Imprint ("COVE") ins Leben gerufen hat: Vampire sind derzeit unangenehm häufig außerhalb ihres Sargs anzutreffen. [FINGER PISTOLS] Dabei wird die Metapher gerne mal als so wandlungsfähig wie die Kreatur selbst beschrieben (schöne Diskussion dazu hier), halten her für den „die lebendige Arbeit“ vampirmäßig ausssaugenden Kapitalismus (Marx), für autoritäre Herrscher, toxische Liebhaber und Frauenmörder, den nicht totzukriegenden Faschismus, verteufelte Queerness, verdrängte Kreatürlichkeit, unterdrücktes Begehren, was man so braucht. Ich wage es dennoch, an dieser Stelle (stark verkürzend!) zu behaupten, dass insbesondere die sich an Teenager und Erwachsene richtenden „ernsteren“ Vampir-Erzählungen das Motiv meist nutzen, um Situationen zu schildern, in denen es um die zahlreichen Formen einer Überwältigung durch ein als monströs markiertes Anderes-und-doch-Gleiches geht, aus denen der Stoff dann natürlich auch seinen Grusel und klassischerweise auch seine Erotik bezieht. Im bekanntermaßen etwas weniger fatalistischen Bereich der Kinderliteratur hingegen geht es in den meisten Geschichten um Mensch-Vampir-Freundschaften, die Überwindung von Xenophobie und die Integration des vermeintlich Monströsen. Exemplarisch sei hier auf Sommer-Bodenburgs „Kleiner Vampir“ als auch „Petit Vampire“ von Joan Sfar verwiesen. Beide spielen zwar mit den „besonderen Bedürfnissen“ ihrer blutsaugenden Minderjährigen, dies führt jedoch (soweit ich weiß) weder zu Pfählung des einen noch zum akuten Blutverlust des anderen. Und im Kindercomic „Knobi“ von Bree Paulsen kommen sich sogar ein Knoblauch und ein Vampir näher (und tatsächlich ist das auch gar nicht so albern erzählt, wie es klingt). Diese freundlichen Bearbeitungen sind meiner Meinung nach keinesfalls (zwingend) naive Variationen des Themas, die Machtverhältnisse einfach verschleiern, sondern rühren auf ihre Weise an den Wurzeln des Stoffes: Sowohl Bram Stokers „Dracula“ als auch Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu“, die unser heutiges Vampirbild wesentlich geprägt haben, bedienen sich an antislawischen, antisemitischen und queerfeindlichen Stereotypen, um ihre Figuren als „das andere“, als „unmenschlich“ zu charakterisieren - Stereotypen, die dann wiederum, wie so oft, zusätzlich mithilfe tierlicher Eigenschaften visualisiert, dramatisiert und als „das Böse“ greifbar und visuell vermittelbar werden. Und das sind beim Vampir, natürlich, vor allem die verlängerten Eckzähne, die Fangzähne. Ebenjene Fangzähne sind es, die der Protagonisten Mila in Ayşe Klinges frisch erschienenem Lang-Comic „Der Zahn“ größte Sorgen bereiten. Mila hat furchtbare Angst vor Vampiren und ihr Zimmer vorsorglich mit einer vampir-abweisenden Knoblauchgirlande und einem gigantischen Pentagramm ausgestattet. Wegen ihrer Ängstlichkeit wird sie in der Grundschule von der coolen Clique um die fiese Alina (geniales Character Design, rosa Kleid mit weißem Kragen und Linda-Blair-Friese) gemobbt. Zum Glück zeigt nicht nur ihr bester Freund Niklas Zivilcourage, sondern auch ihre Mitschülerin Karla Karnstein nähert sich ihr vorsichtig an - spätestens, nachdem sie erfährt, dass auch Mila in ihrer Freizeit am liebsten ihre *original characters* (OCs) zeichnet! Kann man dann ja auch genauso gut zusammen machen. Und dann ist es auch nicht mehr so wichtig, ob der neuen besten Freundin ein verdächtig spitzer Eckzahn wächst. Denn die ist ja auch schließlich kein Vampir... Ayşe Klinge wurde 1990 in Berlin geboren, hat dort Bühnenbild und später in Hamburg an der HAW Illustration studiert. Die Illustration zu Regina Feldmanns „Kami und Mika“-Reihe stammen von ihr, ebenso die Bände „Moderne Muslimas" und "Black Heroes" (eschienen bei Jacoby & Stuart), aber auch für Flying Eye Books und Carlsen hat sie schon gezeichnet. Mit "Der Zahn" hat sie nun den bisher längsten Comic im Kibitz-Verlag herausgebracht (übrigens im absolut wahnwitzigen Zeitraum von zwei Jahren - es sind immerhin 220 Seiten. In Farbe!) Der ganze Comic ist, wie an mein Öhrchen drang, komplett in Procreate durchgeschraddelt und zwar mit (vermute ich) dem 6B Pencil. Nun bin ich keinesfalls der Meinung, dass digitale Zeichnungen sich an den Look analoger Zeichnungen anzubiedern haben, aber wenn es gelingt, ist das natürlich trotzdem beeindruckend. Auf jeden Fall schafft es Ayşe irgendwie, mit diesem ollen 6B-default-Bleistift so viel warme Lebendigkeit in ihre Panels zu bringen, dass ich nur meine Comicfestival-Hamburg-Kappe ziehen kann im Namen all ihrer verzauberten Mitglieder. Die Schraffuren hat sie dann noch teilweise eingefärbt. Sieht fantastisch aus, wie eine Mischung aus Blei- und Buntstift. In ihrer Vita lässt sich nachlesen, dass sich Ayşe in ihrer Freizeit mit Analog-Fotografie beschäftigt - und ich bilde mir ein, in der gesamten Farbgebung und Zeichenweise des Comics ebenjene Analog-Film-„Wärme“ wiederzuerkennen, die man von alten Fotos (aus der frühren Farbfilm-Ära) kennt. Diese Wärme ist auch das, was die Beziehung der Figuren prägt und was Ayşe in ihren Zeichnungen und Dialogen scheinbar mühelos erzählt. Zum Beispiel wie Milas Mutter Mila hilft, ihre Gefühle zu sortieren (Premium-Containing, 10/10), wie Karlas Anarcho-Opa die aktuelle strikte Mensch-Vampir-Trennung hinterfragt und Karla von seinem früheren besten Freund (?) Oskar erzählt - und ihr damit zu verstehen gibt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse durchaus wandelbar sind. Oder wie Niklas sich zwar einerseits für Mila einsetzt, andererseits aber auch eine eifersüchtige Seite hat, die wiederum Mila und Karlas Freundschaft in die Quere kommt. Und vor allem, wie Mila dann doch von Unsicherheit heimgesucht wird, wie sie denn nun mit diesem ZAHN umzugehen hat. Tatsächlich lässt Ayşe Klinge die Vampir-Lore an einigen Stellen strategisch (?) offen: Zum Beispiel isst man im Hause Karnstein regelmäßg Blutsuppe und Blutpudding. Also: beißen die Vampire denn nun wirklich, wie Niklas behauptet? Am Ende bleibt Mila nichts anders übrig, als auf sich selbst und ihr eigenes Bauchgefühl zu hören. Dabei bekommt sie aber, und das ist das Schöne, immer wieder Hilfe von ihrem Umfeld. Was übrigens das Bauchgefühl betrifft, so hatte ich beim Lesen auch "so ein Gefühl", und ich rätselte: Mila, Karla, Karla, Mila - und warum heißt sie denn nun ausgerechnet Karnstein mit Nachnamen? Bis dann (etwas verspätet) endlich die Erkenntnis kam: Nun ist es ja so (ja, allerdings!), dass Bram Stokers „Dracula“ wesentlich inspiriert wurde von einem noch früheren Vampirroman des irischen Schriftstellers Sheridan Le Fanu, was sich an zahlreichen kopierten Details ablesen lässt (zum Beispiel stand in einem früheren Entwurf das Schloss des Grafen Dracula mal in der Steiermark, wo die Novelle angesiedelt ist). Und der Titel der Novelle? Carmilla. (Auf die Gefahr hin, dass Offensichtliche zu erklären: Aus Karla und Mila lässt sich das Anagramm "Karmilla" - mit K, na gut, aber immerhin - bilden. Ganz abgesehen davon, dass Carmilla eine echte „Karnstein“ ist - wie Karla...) Und ebenso gerne informiere ich darüber, dass es in CARMILLA nicht um irgendeinen Grafen und seine weiblichen Opfer geht, sondern um die Beziehung von zwei Frauen (von denen eine, die namensgebende Carmilla, eine Vampirin ist.) Es ist, denke ich, gar nicht so leicht, diese doch sehr spezielle Phase am Ende der Kindheit, schon „kurz vor der Teenage-Angst“, aber noch in behüteten Verhältnissen, mit solcher Nuanciertheit darzustellen - und dann auch noch mit so viel Fingerspitzengefühl queere Themen mitschwingen zu lassen . Eine Lesart, zu der (falls man es nicht sowieso ahnen sollte) nicht zuletzt der Carmilla-Bezug unmissverständlich aufruft. Mir kam überdies zu Ohren, dass in „Der Zahn“ wenig passieren würde. Diese Behauptung ist leicht wiederlegbar. Abgesehen davon, dass es am Ende zu einer aufregenden Verfolgungsjagd kommt (ein klassisches Ereignis, in dem traditionsgemäß viel gehandelt wird), nimmt sich Ayşe absolut angemessen viel Zeit zur Auserzählung der Freuden des Lebens: Namentlich, mit der neuen besten Freundin im Kinderzimmer auf dem Boden sitzen, zusammen OCs zu zeichnen und dann die Zeichnungen der anderen Person richtig richtig gut zu finden. (Und dann genervt von Niklas zu sein, der ungefragt dazukommt.) Kurzum, ich könnte mir keine gelungenere Neu-Interpretation des Carmilla-Stoffes wünschen. Wer also ein queeres Vampir-Komplement zur Krögers trans* Werwolfcomic MEUTE im Regal vermisst, kann hier bedenkenlos zubeißen - denn wenn uns etwas durch die „Zeit der Monster“ helfen kann, dann wohl, sich die Formalitäten der Monsterproduktion noch einmal genauer anzuschauen und im Bestfall etwas zurechtzurücken. Um Emil Ferris (“My favourite thing is monsters”) zu paraphrasieren: Create monsters in yourself, not in others. ...more |
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(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.06.2025) Ich bin heute das Emoji mit dem Monokel. (Um Missverständnisse zu vermeiden, hier die wonk (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.06.2025) Ich bin heute das Emoji mit dem Monokel. (Um Missverständnisse zu vermeiden, hier die wonky Erklärung auf emoji-terra.com: “Das Emoji-Gesicht mit Monokel zeigt ein gelbes Gesicht mit gehobener Augenbraue und einem Monokel, was genaues Betrachten, Unterscheidungsvermögen, Skepsis oder einen Hauch von Wissen andeutet.“) In diesem Sinne eine Anekdote mit einem "Hauch von Wissen": Als das Internet damals „neu“ war, naja, nicht mehr ganz so neu, eher war ich „neu“ im Internet, war ich von der allgemeinen Emoji- und Emoticon-Nutzung auf Youtube, Facebook und den üblichen Verdächtigen irritiert und abgeschreckt. Auf jeden Fall erinnere ich mich, dass ich mich (als der Snob, der ich war) ziemlich lange standhaft geweigert habe, in meinen Einträgen ins Netz auf Emojis oder Emoticons zurückzugreifen. Das kam mir wohl irgendwie unliterarisch vor, als nähme ich eine Abkürzung, schlimmer als Adjektive. (Wir wissen ja alle hier, der Weg in die Hölle ist mit Adjektiven gepflastert!) Mittlerweile sind viele Emoji-Generationen ins Land gegangen und ich bin weichgespült von abertausenden von Forumsdiskussionen, Insta-Kommentaren und WhatsApp-Nachrichten, doch scheint die Sorge, dass Emojis letztendlich sprachverarmend wirken, gar nicht so selten zu sein. Tatsächlich steht am Anfang der Graphic Novel „Face with Tears of Joy“ der Berliner Comickünstlerin Karla-Jean von Wissel eine ebensolche leicht alarmierte skeptische Selbstbefragung, die sich direkt aus ihrer zeichnerischen Praxis ergibt. Der an ihrem Schreibtisch vor sich hinzeichnenden Karla-Figur fällt auf, dass sie beim Zeichnen von Emotionen immer wieder auch an Emojis denken muss und diese teilweise unwissentlich reproduziert. Doch inwiefern deckt sich das mit der Wirklichkeit? Hat sie zum Beispiel jemals beobachtet, dass eine Person GRÜN wurde, wenn ihr übel war - sowie es das entsprechende Apple-Emoji behauptet? Wie beeinflussen Emojis ihr Zeichnen, und damit eingeschlossen auch ihre Beobachtung, ihr Sehen? Machen uns Emojis kreativer oder schränken sie unsere Ausdrucksmöglichkeit ein? Reduzieren sie nicht komplexe Sachverhalte (wie Emotionen) auf eine einfache Zeichenanordnung? Führen sie nicht zu mehr Missverständnissen? Auf diese (und andere) Fragen versucht Karla in ihrem wunderhübschen kleinen Buch "Face with Tears of Joy – eine Graphic Novel über Emojis und Kommunikation", das letztes Jahr im Hamburer Ankerwechsel-Verlag erschienen ist, Antworten zu finden. Ein Comic voller detailreicher schwarzweiß-Zeichnungen und vielen alten und neuen Emojis, diewiederum bunt gedruckt sind, komplett handgelettert, mit freundlichen sonnen- oder smileygelben Kladden. Auf der Suche nach Antworten geht Karla einerseits sehr methodisch vor: Sie erklärt die relevanten Begrifflichkeiten, gibt einen Überblick über die Entstehung der Emojis, ihre mögliche Verwandschaft mit älteren Zeichensystemen wie z.B. Hieroglyphen, klärt ihre besondere Position zwischen Schrift und Bild und warum sie eigentlich so niedlich sind. Wir lernen: Emojis sind die kleinen Bildzeichen, die man aus Messenger-Diensten wie WhatsApp, Signal etc. kennt, Emoticons hingegen setzen sich aus bestehenden Zeichen zusammen, wie zum Beispiel der klassische Smiley aus Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer zu. Und: Das Fritten-Emoji sieht nicht umsonst so aus, als ob es McDonalds-Fritten seien; wenig verwunderlich sind auch die unschuldig aussehenden Emojis durch die Tech-Unternehmen, die sie anbieten, verstrickt in kapitalistische Strukturen. Das ganze wird abgerundet durch ein umfangreiches Emoji-Verzeichnis, in dem alle aktuellen Emojis inklusive ihres Unicodes aufgelistet sind, QR-Codes für wichtige Links und Sticker, sowie Quellenangaben auf jeder Seite. Damit erfüllt das Buch durchaus auch wissenschaftliche Ansprüche. Andererseits sind da überall kleine Tiere, weitere Zeichnungen und schlaue Anmerkungen zu entdecken. Das ganze Buch wimmelt und quirlt über vor kleinen Figuren, neukombinierten Emojis und Emoticons und Miniatur-Anekdoten. Das ließe sich aus einer puristischen 🧐-Perspektive als visuelle Geschwätzigkeit abtun, steht aber formal in deutlichem Bezug zum Inhalt. Denn warum ist das Ganze überhaupt ein Buch, so ein analoges Ding? Schließlich handelt es sich bei Emoticons und Emojis um Bildphänomene des Digitalen, ihre natürlichen Habitate sind Chats und Social Media Platformen. Was hat die Illustration damit am Hut? Zu diesem Zusammenhang äußert sich die Karla-Figur an einer Stelle zwar auch selbst, vor allem gibt der Band aber eine deutliche formale, unmittelbar visuell erfahrbare Antwort. Karlas filigrane Zeichnungen zeigen die Freude an der Fabulation, der Re-Kombination und dem assoziativen, metaphorischen Umgang mit Emojis, den sie als "soziales Spiel" zwischen Personen beschreibt. Folgerichtig illustrieren ihre Zeichnungen im besten, erhellenden Sinne die Praxis, zu der sie aufruft: Sich die Emoji-Bedeutung von den Tech-Konzernen nicht vorschreiben zu lassen, sondern sie sich kreativ anzueignen, zu hinterfragen, neue Bedeutungen zu generieren und Missverständnisse als produktive Kraft zu verstehen. Im Grunde verhält es sich da mit den Emojis nicht anders als mit der geschriebenen Sprache, die ständig im Wandel ist und mit der gespielt werden darf und muss, um sie integrativ, offen und beweglich zu halten. Da es sich nun aber bei Emojis um Bildschriftzeichen handelt, kann diese Auseinandersetzung eben nicht nur über die Schriftsprache stattfinden, sondern muss strenggenommen auch die Bildsprache miteinbeziehen. Meine gewagte These wäre nun, dass für eine solche „Bildsprachen-Reflektion“ das freie Zeichnen und Illustrieren ein ganz wesentliches Mittel darstellt. Wie das aussehen kann, wird hier spielerisch vorge-zeichnet und macht Lust, zeichnend, schreibend und/oder emoji-tippend in die Konversation miteinzusteigen. Ein guter Grund, über diese gelungene Graphic Novel ein paar TEARS OF JOY zu verdrücken, kleiner als drei uwu. ...more |
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(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, Kältefrei-Ausgabe vom 05.12.2024 ) "Beim Tier-Werden hat man es immer mit einer Meute zu tun, mit einer Bande, einem Rudel, einer Populat (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, Kältefrei-Ausgabe vom 05.12.2024 ) "Beim Tier-Werden hat man es immer mit einer Meute zu tun, mit einer Bande, einem Rudel, einer Population, einer Bevölkerung, kurz gesagt, mit einer Mannigfaltigkeit. Wir Zauberer haben das schon immer gewusst." Deleuze & Guattari, Tausend Plateaus. In MEUTE geht es zunächst einmal um Margot, die in einem nicht näher definierten Frankreich des 19. Jahrhundert endlich am sogenannten „Institut der zeitgenössischen Wissenschaften“ ein Praxissemester absolvieren darf, das aber, wie ihr ihre WissenschaftlER-Kollegen rasch mitteilen, vor allem aus Kaffee kochen und Putzen bestehen wird. Trotzdem darf sie einen Blick auf das aktuelle Forschungsobjekt werfen, einen "waschechten Lycanthropus", einen Werwolf, wenngleich die kategoriefreudigen Wissenschaftler schnell bemerken, dass es sich offenbar um eine sonderbare Form zwischen Mensch und Werwolf handelt, also ein Wesen, das die Transformation in die quadrupede Wolfsform nur halb vollzogen hat. Als die Wissenschaftler schließlich auf die Idee kommen, dem Werwolf mit einer Operation zum Menschen aus seiner hybriden Misere "zu helfen" platzt Margot schließlich der Kragen (nicht ohne Zusprache ihrer moralisch integreren Freundin); sie befreit kurzerhand den Werwolf und holt sich bei der Gelegenheit auch noch die wölfische Erlaubnis ein, das Werwolsfrudel im nahegelenen Wald aus nächster Nähe (heimlich) studieren zu dürfen und so zu deren gesellschaftlicher Rehabilitierung - und damit wohl auch ihrer eigenen - beizutragen. Es lässt sich ahnen, dass Margot dieses kräftezehrende Doppelleben zwischen Stadt und Wald nicht ewiglich performen kann! Lest selbst, ob und wie ihre (zumindest gut gemeinten?) Interventionen die Mensch-Werwolf-Grenze einzureißen imstande sind! Nun munkelt man in den Feuilletons, dass es sich bei den Werwölfen um eine Metapher für Transgeschlechtlichkeit handeln könnte. Das ist schon einmal eine fantastische Grundlage für eine Geschichte, und zufällig weiß ich, dass die comiclesenden Werwölfe unter uns mit dieser Analogie schon lange vertraut sind (an euch also schon einmal eine uneingeschränkte Empfehlung). Doch - und das ist das, was das Buch für mich wirklich herausstechen lässt - die gesellschaftliche Verdrängung von Transformationsprozessen wird hier auch auf der stilistischen Ebene mit einer innovativen Mischung aus rauher Kohle und feinem Füllfederhalterstrich zeichnerisch entschieden torpediert. Die Wölflein sind mal süß, mal wild, mal krakelig oder stehen smooth im Walde wie ein Echo alter Disneyfilme; sie sind panelübergreifend divers: sie sind im Gegensatz zur herkömmlichen Werwolfgeschichte kein einzelnes, missverstandenes Monster, sondern eine heterogene, diskutierende, lebendige Meute. Geschichten über das Hinterfragen von wertenden Zuschreibungsprozessen lassen sich in der Sprache des Comics besonders gut erzählen, was Noelle Kröger offenbar sehr genau weiß, und vor allem besitzt er*sie die handwerklichen Mittel, diese queeren Potenziale auszuschöpfen. Also, gönnt euch und euren werwolfigen Freunden dieses schöne, wilde Buch und zelebriert, zumindest für den Moment, den Untergang der Trennungslinien, ohne euch dabei (denn dafür sorgt das brechtianische Ende des Buches) allzu große Hoffnungen auf einfache Lösungen zu machen, während draußen die metaphorisch weniger reichen Wölfe (und jetzt kommt zum Abschluss nochmal Degenhardt) zusammen das Fraßlied heulen, das aus früherer Zeit. ...more |
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