Discover new books on Goodreads
See if your friends have read any of Lena Winkel's books
Lena’s 2025 Year in Books
Take a look at Lena’s Year in Books, including some fun facts about their reading.
Lena Winkel’s Followers (3)



Lena hasn't connected with their friends on Goodreads, yet.
Lena Winkel
Goodreads Author
Born
Germany
Website
Member Since
December 2024
Lena Winkel (*1993) is an illustrator, comic author, and theorist from Hamburg. She is particularly interested in visual representations of non-human animals, which she explores at the intersection of theory and artistic practice. In doing so, she often reflects on her many years of experience as an illustrator of children's books. Lena Winkel (*1993) is an illustrator, comic author, and theorist from Hamburg. She is particularly interested in visual representations of non-human animals, which she explores at the intersection of theory and artistic practice. In doing so, she often reflects on her many years of experience as an illustrator of children's books. ...more
Lena Winkel hasn't written any blog posts yet.
|
Luftpiraten (Luftpiraten, Bd. 1) (German Edition)
by
4.33 avg rating — 76 ratings
—
4 editions
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Luftpiraten: Im Himmel ist die Hölle los (Luftpiraten, Band 2)
by
4.13 avg rating — 23 ratings
—
4 editions
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Rico und die Tuchlaterne: Einfach Lesen Lernen | Lustiges Erstlesebuch für die 2. Klasse über die erste Schulzeit eines besonderen Jungen - 2. Lesestufe
by
4.56 avg rating — 16 ratings
—
3 editions
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Rico und die Klautörtchen
by
4.18 avg rating — 11 ratings
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Detektiv Ameisis. Ein fast unlösbarer Fall: Mit Bildern von Lena Winkel
by
3.50 avg rating — 8 ratings
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Ein Weihnachtswunder namens Fred: Ein wunderbares, zu Herzen gehendes Vorlesebuch für die Adventszeit!
by
4.50 avg rating — 6 ratings
—
2 editions
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Tiere richtig zeichnen (Human-Animal Studies, #37)
4.75 avg rating — 4 ratings
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Hilfe, ich will keinen Hund!
by
really liked it 4.00 avg rating — 2 ratings
—
3 editions
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Kom snart igen
by
Karin Petersen (Translator)
it was amazing 5.00 avg rating — 1 rating
—
published
2018
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Tiere richtig zeichnen (Human-Animal Studies 37) (German Edition)
0.00 avg rating — 0 ratings
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
Lena’s Recent Updates
|
Lena Winkel
rated a book it was amazing
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 16.4.2026) Nach „Milch ohne Honig“ ist „Wald ohne Bäume“ der zweite Sachcomic der 1996 geborenen Hanna (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 16.4.2026) Nach „Milch ohne Honig“ ist „Wald ohne Bäume“ der zweite Sachcomic der 1996 geborenen Hanna Harms, der am 3. März mit einem bemerkenswert minimalistischen Cover bei Carlsen Comics erschienen ist. Während Hanna Harms sich in ihrem letzten Buch mit den Auswirkungen des Insektensterbens beschäftigt hatte, widmet sie sich in „Wald ohne Bäume“ dem globalen Verschwinden von Wald-Ökosystemen. Der Pressemappe lässt sich entnehmen, dass für Hanna Harms das Thema an Dringlichkeit gewann, als die Auswirkungen menschlicher Eingriffe auf den Wald, neben dem sie aufgewachsen ist, immer deutlicher wurden; eine Erfahrung, die sicher viele Leser*innen mit ihr teilen werden. Tatsächlich steht auch mein „Kindheitswald“ nicht mehr. Nach drei trockenen Sommern hatten sich die Borkenkäfer in der ohnehin anfälligen Fichtenmonokultur rasend schnell ausgebreitet und die Borke zerfressen. Eines Tages waren alle Fichten weg. „Solastalgie“ ist der Begriff für das Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Die Comiczeichnerin Kolo Kraft hatte bereits 2023 einen Kurzcomic mit diesem Titeal gezeichnet, in dem sie die emotionalen Auswirkungen der Landschaftsveränderung auf ihre Bewohner*innen verarbeitete. Der Begriff Solastalgie kommt bei Hannah Harms zwar nicht vor, doch das Gefühl des Verlustes durchzieht zwangsläufig auch „Wald ohne Bäume“, wenngleich es in diesem Fall mit dem Anspruch der Wissensvermittlung verwoben ist. Ganz so, als wollte sie uns schon auf den nächsten Schritt vorbereiten, wieder handlungsfähig zu werden, ähnlich wie es auch Lena Hällmayr in ihrem Comic „Klimaangst und Wandelmut“ aus dem Jahr 2024 durchgearbeitet hat. Da heißt es übrigens an entscheidender Stelle: „Es gibt nichts, was mich mehr beruhigt, als allein durch den Wald zu streifen.“ Hannah Harms wählt hier allerdings einen anderen, auch im Sachcomicbereich ungewöhnlichen künstlerischen Zugang. Sowohl auf der Bild- als auch der Text-Ebene arbeitet sie mit Abstrahierungen. Deren unkonventionellste Ausprägung ist das vollständige Fehlen von den sonst in vielen Comics üblichen „Sympathiefiguren“, anhand derer sich die Handlung entspinnt. Statt eines Figuren-Ensembles stehen bei Harms keine einzelnen Akteure, sondern gleich ein ganzes Ökosystem im Zentrum. Um die komplexen inner-artlichen und über Jahrmillionen gewachsenen Verflechtungen von Wäldern, Klima und tierlichen wie pflanzlichen Waldbewohnern zu vermitteln, schlägt Hanna Harms einen großen Bogen von der Entwicklung des Lebens zu seiner aktuell fortschreitenden Zerstörung durch „die Menschheit“ (dazu später noch mehr). Die Zeichnungen selbst erinnern auf den ersten Blick an Infografiken. Hierbei handelt es sich aber nicht um glatte vektorbasierte Illustrationen, sondern sorgsam gezeichnete Einzelelemente, denen man den Buntstift-Duktus noch deutlich ansieht und die den sorgsam komponierten Seiten eine warme, handgemachte Ausstrahlung verleihen. Die Zeichnungen wirken zart, ebenso wie das einzigartige Leben, dessen Entstehung sie repräsentieren. Die meisten Seiten sind zudem mit einem blassen Grün hinterlegt, das nur manchmal vom reinen Weiß des - übrigens cradle to cradle zertifizierten Papiers - durchbrochen wird. Die Grafiken sind durchgehend mit dem Text verwoben (ökologisch, könnte man meinen), der fragmentarisch über die Seiten verteilt ist. Dieser vermittelt Sach- und atmosphärische Informationen in einer Mischung aus ganzen Sätzen, an deren Ende ein Punkt gesetzt wird, sowie Halb- und Einwortsätzen ohne Punkt. Das liest sich dann zum Beispiel so: IMMER HÖHERE WUCHSFORMEN ENTLANG VON WASSERWEGEN SCHACHTELHALME BÄRLAPPE FARNE PILZE METERHOHE FARNE DIE FRÜHESTEN BAUMÄHNLICHEN WUCHSFORMEN ERHEBEN SICH ÜBER DIE LANDOBERFLÄCHE IN RICHTUNG DES LICHTS. Parallel dazu setzen sich geometrische Formen zu Atomen, Elementtafeln, Diagrammen, Zellhaufen und komplexeren Organismen zusammen. Erste baumähnliche Wuchsformen entstehen, Ginkobäume und später auch Laubbäume, Wasserkreisläufe und Photosynthese formen die Urwelt. Schließlich setzt das Anthropozän ein, ein tiefer Einschnitt. Wenngleich im gesamten Comic keine Menschen gezeigt werden, wird nachvollziehbar, wie menschliche Sesshaftigkeit zunehmend die Landschaft verändert und schließlich mit dem Beginn der industriellen Revolution die scheinbar außerhalb stehende Natur in nie dagewesenem Ausmaß ausgebeutet wird. Alles wird schneller, düsterer, baumloser, Straßen zerstückeln Landschaften und Seiten-Kompositionen und damit vormals über- und unterirdisch zusammenhängende ökologische Systeme. Analog dazu wird der Text auch selber zum (anthropogenen?) Akteur, wenn zum Beispiel die Worte „BEI ERREICHEN DES ZIELDURCHMESSERS WIRD ZUKUNFT ZU VERGANGENHEIT" quer durch einen schwarzen Baumstamm schneiden. Bestimmte Formulierungen wirken wie Zitate oder Rückgriffe auf bekannte Phrasen aus der Waldforschung, wenngleich an keiner Stelle konkrete Fußnoten gesetzt sind. Im Literaturverzeichnis lassen sich zwar die zu Rate gezogenen Quellen nachlesen, jedoch nicht genau zuordnen, was auf mich beim Lesen einen interessanten Effekt hatte. Das Fragmenthafte unterstützt das allgemeine Gefühl von Verschwinden und Verlust, als sei auch die Quellenliteratur schon im Verfall begriffen und von ihrem Ursprung losgelöst, als Produkt der fortschreitenden Katastrophe gerade hinreichend geeignet, dieselbe phrasenhaft zu beschreiben. Umso eindrücklicher hallen dadurch die selteneren, aber klar gesetzten poetischen Einschübe in Wort und Bild nach. Im Text sind das zitternde Blätter oder flirrender Asphalt, der die atmosphärischen Auswirkungen des Beschriebenen plötzlich fühlbar macht. Und wo das Bild in Diagrammform stärker im Dienst einer klassischen Wissensvermittlung steht, kann es auf der nächsten Seite schon ins Rein-Abstrakte kippen, um eine Emotion zu erzeugen. Besonders eindrücklich fand ich hier eine komplett schwarze Seite, auf der nur ein einzelnes Satzfragment zu lesen ist, das nüchtern auf den Lärm von Motorsägen verweist. Der mit der Sesshaftigkeit andauernde Abgesang auf „die Menschheit“, die ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört und fast bis zum Ende des Buches andauert, erzeugt so einen schwindelerregenden Sog, der mich mehr als einmal an den experimentellen Dokumentarfilm „Koyaanisquatsi“ aus dem Jahre 1982 denken ließ, der ebenso auf handelnde Figuren vollständig verzichtet und in einem Rausch aus Bildern und Philip Glass-Musik vom Ungleichgewicht von „Zivilisation“ und „Natur“ erzählt. Während dem älteren „Koyaanisquatsi“ allerdings schon damals ein plakativer Kulturpessimismus unterstellt wurde, kann Harms die ökologischen Zusammenhänge hier in Schrift und Bild deutlicher ausdifferenzieren und ermutigt damit eher zum Weiterlesen denn zur Kapitulation. Dennoch geht die Abstrahierung unter dem Anspruch, eine Geschichte der Wälder seit ihrer Entstehung zu erzählen, an der ein oder anderen Stelle auch bei „Wald ohne Bäume“ unweigerlich mit Verallgemeinerungen einher. Namentlich sei hier auf die durchgängige Verwendung der Begriffe „Menschheit“ und „Menschen“ verwiesen, zum Beispiel: „Menschen verbrauchen riesige Mengen Energie, um sich das Leben zu erleichtern“. An anderer Stelle wird hingegen davon gesprochen, das Wissen indigener Bevölkerungen im Umgang mit dem Wald müsse respektiert und ernst genommen werden. Wer also genau ist diese Menschheit, von der die Rede war? Handelt es sich dabei also „nur“ um ausbeutende Menschen und wenn ja, müssten die Verantwortlichkeiten dann nicht genauer benannt werden? Gleichzeitig scheint Hanna Harms, wie an anderer Stelle deutlich wird, nicht zu glauben, dass es sich bei dem im Buch angeprangerten arroganten Anthropozentrismus um eine Eigenschaft handelt, die „den Menschen“ inhärent sein muss, kurzum: Dass nicht jeder Mensch ein ausbeutender Mensch sein muss. Mit dem vorhandenen (und in den Quellen gelisteten) Wissen zu Wald und Klima ist längst ein anderes, ein (wie der Waldforscher Pierre L. Ibisch im Nachwort fordert) ökohumanistisches Leben möglich, was auch bei Hanna Harms ein vorsichtiger Grund zur Hoffnung ist, zart wie eine Buntstiftzeichnung. Sicher nicht ohne Grund verweist sie gleich zweimal auf die positiven Effekte, die eine pflanzenbasierte Ernährung auf Landnutzung und Klima hätte: Die verbrauchte Agrarbaufläche würde um 75% sinken und Platz für neue Wälder machen. (Räusper, räusper! The time is now!) Folgerichtig führt uns Harms am Ende mit zirkelkompositorischer Eleganz zum „Horror vacui“ und den sich zaghaft zusammensetzenden Elementen am Anfang des Buches zurück: Das Leben findet einen Weg – wenn man ihm den nötigen Raum dafür gibt. ...more |
|
|
Lena Winkel
rated a book it was amazing
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.2.2026) Die Waschbären Walther und Juri geraten bei einem nächtlichen Ausflug in Versuchung, klette (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.2.2026) Die Waschbären Walther und Juri geraten bei einem nächtlichen Ausflug in Versuchung, klettern (kulturfolgend) in eine Mülltonne und stopfen sich aus Neugier leider nicht nur mit Gemüse-Abfällen, sondern auch mit B-Vitaminen voll. So sehr, dass sie bewusstlos werden und nicht mitbekommen, dass sie von der Müllabfuhr kurzerhand mit-eingesammelt werden. Von der Mülltrennungsanlage geraten sie ins Tierheim, von dort fliehen sie schließlich an den Hafen und auf ein Containerschiff. Dort treffen sie das Kaninchen Dexter, dass seinerseits einer Gefangenschaft als Stallhase entkommen ist, sowie die menschenfreundliche Hündin des Chefkochs, Tony. Die Suche nach einem Ausweg schweißt sie trotz diverser charakterlicher und Spezies-Unterschiede zusammen und so machen sie sich mit der Hilfe eines Kochtopfes gemeinsam auf den beschwerlichen Weg zurück über den weiten Ozean an Land. Regina Kehn wurde 1989 mit ihren Illustrationen zu Michael Endes satanarchäologenialkohöllischen Wunschpunsch deutschlandweit bekannt. Seither hat sie zahlreiche Bücher illustriert, darunter von Saša Stanišić, Cornelia Funke, Kirsten Boie, Andreas Steinhöfel und vielen anderen. Ihre Arbeiten sind aus der deutschen Illustrationslandschaft nicht wegzudenken und zeugen gleichzeitig von großer Wandelbarkeit und Freude am Experiment. So hat sich seit den charmant-schraddeligen, schwarzweißen Federzeichnungen, wie sie im "Wunschpunsch" auftauchten, viel getan und in den neueren Kehn-Illustrationen dominieren leuchtende, warme Grundfarben und dickere schwarze Umrisslinien. Das ist auch bei "Einmal kurz nicht aufgepasst" der Fall: Kehns Comic-Debüt ist durchgehend farbig gehalten, die tierlichen Hauptfiguren bewegen sich durch plastische, aber atmosphärische Räume, die durch die Linienführung gleichzeitig klar lesbar und freundlich bestimmt bleiben. Dabei behalten die Figuren ihren kehntypischen, sprich jakob-krakeligen Charme. Die Handlung von "Einmal kurz nicht aufgepasst" (kurz: EKNA) erinnert an andere tierlichen Roadmovies oder -comics, die Tierschicksale in einer menschlichen dominierten Welt erzählen (die Klassiker: Findet Nemo, Watership Down, Chicken Run …). Das sind Geschichten, die sich ebenso wie EKNA dadurch auszeichneten, dass ihre tierlichen Protagonisten unfreiwillig in menschengemachte Strukturen hineingeraten, diese aus ihrer Perspektive erleben, interpretieren oder sich zu Nutze machen. Neben vereinzelten Veröffentlichungen wie dem lettischen Film "Flow" (2024) sind diese Geschichten heutzutage (vor allem bei Disney/Pixar) seltener geworden und Erzählungen von Innerlichkeit gewichen, die seltener das Mensch-Tier-Verhältnis an sich als Konfliktauslöser nutzen. (Forschungsfrage an die Zuhörenden: Stimmt das überhaupt? Und trifft das auch für Comic und Bilderbuch zu? Außerdem muss ich „Hoppers“ noch sehen und die These ggf. aktualisieren.) In EKNA bleibt Kehn der Sichtweise ihrer Tierfiguren treu, bricht ihre Handlungsmacht allerdings auch immer wieder auf durch eindeutige Anthropomorphismen: So erweist sich Juri gleich zu Anfang des Buches als fähiger Elektriker, oder die Protagonisten tun sich durch elaborierte Zitate von Martin Luther King oder Winston Churchill hervor. Abgesehen von diesen augenzwinkernden Ausbrüchen geht es aber immer wieder um das Wesentliche: Sie Suche nach Futter, Wärme und Sicherheit in einer tierfeindlichen Umgebung. Ganz frei von Stereotypen bleibt die Figurenzeichnung dabei leider nicht. So bilden Walther und Juri ein typisches cervantisches "Odd Couple", bei dem der dickere Walther als dümmlicher Sidekick des neurotischen, aber brillanten Yuri fungiert. Dexter ist wenig überraschend vor allem ein nervöses Kaninchen, und Tony bedient die Stereotype der menschenverwöhnten Schoßhündin. Zwar werden alle Figuren mit der gleichen liebevollen Aufmerksamkeit bedacht und selbst Walther, der von Juri immer wieder belächelt wird, bekommt seinen Moment, doch insbesondere die Parallelisierung von Walthers (optisch markiertem) "Übergewicht" in Zusammenhang mit seinem beständig geäußerten Wunsch nach Essen habe ich als überstrapazierte Trope empfunden. Während ich also große Freude an der Bildsprache und den Designs von EKNA hatte, haben mich Geschichte und "Casting" als erwachsene Leser*in wenig überrascht, ich empfand sie sozusagen als genre-typisch. Doch gleichzeitig ahnte ich bereits, dass eine größere Lese-Erfahrung (sprich: Mein fortgeschrittenes Alter) in diesem Fall eine korrekte Einschätzung der Wirkung auf die eigentliche Zielgruppe verstellen kann. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, im Rahmen des Yippie-Kindercomicfestivals in Frankfurt einer Lesung von Regina beiwohnen zu können. Hier nahm die Abenteuergeschichte mit musikalischer Untermalung und Rollenverteilung im voll besetzten Jungen Literaturhaus Fahrt auf: Die Kinder fieberten sichtlich mit. Als schließlich das Kaninchen Dexter von seiner traurigen Vergangenheit erzählte, musste ein Kind tatsächlich laut schluchzen! (Verständlich!) Während ich innigst hoffe, dass das besagte Kind sich trösten lassen konnte und die Lesung trotzdem insgesamt als positives Ereignis abspeichern konnte, war das für mich ein deutlicher Beweis, dass es in der Tat immer wieder solche Bücher braucht. EKNA eröffnet bei aller Verspieltheit und ganz nebenbei auch eine Sichtweise auf die sogenannte westliche Zivilisation aus der Perspektive derjenigen, für die sie nicht gebaut wurde. (Von dieser Warte aus lässt sich das Ende der Geschichte übrigens auch als ein pessimistischer Kommentar zur Gesamtsituation lesen!) Und umso schöner, wenn dieses Angebot zur Empathie von einer so begabten Bilderzählerin wie Regina Kehn gemacht wird. ...more |
|
|
Lena Winkel
rated a book it was amazing
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 16.4.2026) Nach „Milch ohne Honig“ ist „Wald ohne Bäume“ der zweite Sachcomic der 1996 geborenen Hanna (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 16.4.2026) Nach „Milch ohne Honig“ ist „Wald ohne Bäume“ der zweite Sachcomic der 1996 geborenen Hanna Harms, der am 3. März mit einem bemerkenswert minimalistischen Cover bei Carlsen Comics erschienen ist. Während Hanna Harms sich in ihrem letzten Buch mit den Auswirkungen des Insektensterbens beschäftigt hatte, widmet sie sich in „Wald ohne Bäume“ dem globalen Verschwinden von Wald-Ökosystemen. Der Pressemappe lässt sich entnehmen, dass für Hanna Harms das Thema an Dringlichkeit gewann, als die Auswirkungen menschlicher Eingriffe auf den Wald, neben dem sie aufgewachsen ist, immer deutlicher wurden; eine Erfahrung, die sicher viele Leser*innen mit ihr teilen werden. Tatsächlich steht auch mein „Kindheitswald“ nicht mehr. Nach drei trockenen Sommern hatten sich die Borkenkäfer in der ohnehin anfälligen Fichtenmonokultur rasend schnell ausgebreitet und die Borke zerfressen. Eines Tages waren alle Fichten weg. „Solastalgie“ ist der Begriff für das Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Die Comiczeichnerin Kolo Kraft hatte bereits 2023 einen Kurzcomic mit diesem Titeal gezeichnet, in dem sie die emotionalen Auswirkungen der Landschaftsveränderung auf ihre Bewohner*innen verarbeitete. Der Begriff Solastalgie kommt bei Hannah Harms zwar nicht vor, doch das Gefühl des Verlustes durchzieht zwangsläufig auch „Wald ohne Bäume“, wenngleich es in diesem Fall mit dem Anspruch der Wissensvermittlung verwoben ist. Ganz so, als wollte sie uns schon auf den nächsten Schritt vorbereiten, wieder handlungsfähig zu werden, ähnlich wie es auch Lena Hällmayr in ihrem Comic „Klimaangst und Wandelmut“ aus dem Jahr 2024 durchgearbeitet hat. Da heißt es übrigens an entscheidender Stelle: „Es gibt nichts, was mich mehr beruhigt, als allein durch den Wald zu streifen.“ Hannah Harms wählt hier allerdings einen anderen, auch im Sachcomicbereich ungewöhnlichen künstlerischen Zugang. Sowohl auf der Bild- als auch der Text-Ebene arbeitet sie mit Abstrahierungen. Deren unkonventionellste Ausprägung ist das vollständige Fehlen von den sonst in vielen Comics üblichen „Sympathiefiguren“, anhand derer sich die Handlung entspinnt. Statt eines Figuren-Ensembles stehen bei Harms keine einzelnen Akteure, sondern gleich ein ganzes Ökosystem im Zentrum. Um die komplexen inner-artlichen und über Jahrmillionen gewachsenen Verflechtungen von Wäldern, Klima und tierlichen wie pflanzlichen Waldbewohnern zu vermitteln, schlägt Hanna Harms einen großen Bogen von der Entwicklung des Lebens zu seiner aktuell fortschreitenden Zerstörung durch „die Menschheit“ (dazu später noch mehr). Die Zeichnungen selbst erinnern auf den ersten Blick an Infografiken. Hierbei handelt es sich aber nicht um glatte vektorbasierte Illustrationen, sondern sorgsam gezeichnete Einzelelemente, denen man den Buntstift-Duktus noch deutlich ansieht und die den sorgsam komponierten Seiten eine warme, handgemachte Ausstrahlung verleihen. Die Zeichnungen wirken zart, ebenso wie das einzigartige Leben, dessen Entstehung sie repräsentieren. Die meisten Seiten sind zudem mit einem blassen Grün hinterlegt, das nur manchmal vom reinen Weiß des - übrigens cradle to cradle zertifizierten Papiers - durchbrochen wird. Die Grafiken sind durchgehend mit dem Text verwoben (ökologisch, könnte man meinen), der fragmentarisch über die Seiten verteilt ist. Dieser vermittelt Sach- und atmosphärische Informationen in einer Mischung aus ganzen Sätzen, an deren Ende ein Punkt gesetzt wird, sowie Halb- und Einwortsätzen ohne Punkt. Das liest sich dann zum Beispiel so: IMMER HÖHERE WUCHSFORMEN ENTLANG VON WASSERWEGEN SCHACHTELHALME BÄRLAPPE FARNE PILZE METERHOHE FARNE DIE FRÜHESTEN BAUMÄHNLICHEN WUCHSFORMEN ERHEBEN SICH ÜBER DIE LANDOBERFLÄCHE IN RICHTUNG DES LICHTS. Parallel dazu setzen sich geometrische Formen zu Atomen, Elementtafeln, Diagrammen, Zellhaufen und komplexeren Organismen zusammen. Erste baumähnliche Wuchsformen entstehen, Ginkobäume und später auch Laubbäume, Wasserkreisläufe und Photosynthese formen die Urwelt. Schließlich setzt das Anthropozän ein, ein tiefer Einschnitt. Wenngleich im gesamten Comic keine Menschen gezeigt werden, wird nachvollziehbar, wie menschliche Sesshaftigkeit zunehmend die Landschaft verändert und schließlich mit dem Beginn der industriellen Revolution die scheinbar außerhalb stehende Natur in nie dagewesenem Ausmaß ausgebeutet wird. Alles wird schneller, düsterer, baumloser, Straßen zerstückeln Landschaften und Seiten-Kompositionen und damit vormals über- und unterirdisch zusammenhängende ökologische Systeme. Analog dazu wird der Text auch selber zum (anthropogenen?) Akteur, wenn zum Beispiel die Worte „BEI ERREICHEN DES ZIELDURCHMESSERS WIRD ZUKUNFT ZU VERGANGENHEIT" quer durch einen schwarzen Baumstamm schneiden. Bestimmte Formulierungen wirken wie Zitate oder Rückgriffe auf bekannte Phrasen aus der Waldforschung, wenngleich an keiner Stelle konkrete Fußnoten gesetzt sind. Im Literaturverzeichnis lassen sich zwar die zu Rate gezogenen Quellen nachlesen, jedoch nicht genau zuordnen, was auf mich beim Lesen einen interessanten Effekt hatte. Das Fragmenthafte unterstützt das allgemeine Gefühl von Verschwinden und Verlust, als sei auch die Quellenliteratur schon im Verfall begriffen und von ihrem Ursprung losgelöst, als Produkt der fortschreitenden Katastrophe gerade hinreichend geeignet, dieselbe phrasenhaft zu beschreiben. Umso eindrücklicher hallen dadurch die selteneren, aber klar gesetzten poetischen Einschübe in Wort und Bild nach. Im Text sind das zitternde Blätter oder flirrender Asphalt, der die atmosphärischen Auswirkungen des Beschriebenen plötzlich fühlbar macht. Und wo das Bild in Diagrammform stärker im Dienst einer klassischen Wissensvermittlung steht, kann es auf der nächsten Seite schon ins Rein-Abstrakte kippen, um eine Emotion zu erzeugen. Besonders eindrücklich fand ich hier eine komplett schwarze Seite, auf der nur ein einzelnes Satzfragment zu lesen ist, das nüchtern auf den Lärm von Motorsägen verweist. Der mit der Sesshaftigkeit andauernde Abgesang auf „die Menschheit“, die ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört und fast bis zum Ende des Buches andauert, erzeugt so einen schwindelerregenden Sog, der mich mehr als einmal an den experimentellen Dokumentarfilm „Koyaanisquatsi“ aus dem Jahre 1982 denken ließ, der ebenso auf handelnde Figuren vollständig verzichtet und in einem Rausch aus Bildern und Philip Glass-Musik vom Ungleichgewicht von „Zivilisation“ und „Natur“ erzählt. Während dem älteren „Koyaanisquatsi“ allerdings schon damals ein plakativer Kulturpessimismus unterstellt wurde, kann Harms die ökologischen Zusammenhänge hier in Schrift und Bild deutlicher ausdifferenzieren und ermutigt damit eher zum Weiterlesen denn zur Kapitulation. Dennoch geht die Abstrahierung unter dem Anspruch, eine Geschichte der Wälder seit ihrer Entstehung zu erzählen, an der ein oder anderen Stelle auch bei „Wald ohne Bäume“ unweigerlich mit Verallgemeinerungen einher. Namentlich sei hier auf die durchgängige Verwendung der Begriffe „Menschheit“ und „Menschen“ verwiesen, zum Beispiel: „Menschen verbrauchen riesige Mengen Energie, um sich das Leben zu erleichtern“. An anderer Stelle wird hingegen davon gesprochen, das Wissen indigener Bevölkerungen im Umgang mit dem Wald müsse respektiert und ernst genommen werden. Wer also genau ist diese Menschheit, von der die Rede war? Handelt es sich dabei also „nur“ um ausbeutende Menschen und wenn ja, müssten die Verantwortlichkeiten dann nicht genauer benannt werden? Gleichzeitig scheint Hanna Harms, wie an anderer Stelle deutlich wird, nicht zu glauben, dass es sich bei dem im Buch angeprangerten arroganten Anthropozentrismus um eine Eigenschaft handelt, die „den Menschen“ inhärent sein muss, kurzum: Dass nicht jeder Mensch ein ausbeutender Mensch sein muss. Mit dem vorhandenen (und in den Quellen gelisteten) Wissen zu Wald und Klima ist längst ein anderes, ein (wie der Waldforscher Pierre L. Ibisch im Nachwort fordert) ökohumanistisches Leben möglich, was auch bei Hanna Harms ein vorsichtiger Grund zur Hoffnung ist, zart wie eine Buntstiftzeichnung. Sicher nicht ohne Grund verweist sie gleich zweimal auf die positiven Effekte, die eine pflanzenbasierte Ernährung auf Landnutzung und Klima hätte: Die verbrauchte Agrarbaufläche würde um 75% sinken und Platz für neue Wälder machen. (Räusper, räusper! The time is now!) Folgerichtig führt uns Harms am Ende mit zirkelkompositorischer Eleganz zum „Horror vacui“ und den sich zaghaft zusammensetzenden Elementen am Anfang des Buches zurück: Das Leben findet einen Weg – wenn man ihm den nötigen Raum dafür gibt. ...more |
|
|
Lena Winkel
rated a book it was amazing
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
Lena Winkel
rated a book it was amazing
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.2.2026) Die Waschbären Walther und Juri geraten bei einem nächtlichen Ausflug in Versuchung, klette (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.2.2026) Die Waschbären Walther und Juri geraten bei einem nächtlichen Ausflug in Versuchung, klettern (kulturfolgend) in eine Mülltonne und stopfen sich aus Neugier leider nicht nur mit Gemüse-Abfällen, sondern auch mit B-Vitaminen voll. So sehr, dass sie bewusstlos werden und nicht mitbekommen, dass sie von der Müllabfuhr kurzerhand mit-eingesammelt werden. Von der Mülltrennungsanlage geraten sie ins Tierheim, von dort fliehen sie schließlich an den Hafen und auf ein Containerschiff. Dort treffen sie das Kaninchen Dexter, dass seinerseits einer Gefangenschaft als Stallhase entkommen ist, sowie die menschenfreundliche Hündin des Chefkochs, Tony. Die Suche nach einem Ausweg schweißt sie trotz diverser charakterlicher und Spezies-Unterschiede zusammen und so machen sie sich mit der Hilfe eines Kochtopfes gemeinsam auf den beschwerlichen Weg zurück über den weiten Ozean an Land. Regina Kehn wurde 1989 mit ihren Illustrationen zu Michael Endes satanarchäologenialkohöllischen Wunschpunsch deutschlandweit bekannt. Seither hat sie zahlreiche Bücher illustriert, darunter von Saša Stanišić, Cornelia Funke, Kirsten Boie, Andreas Steinhöfel und vielen anderen. Ihre Arbeiten sind aus der deutschen Illustrationslandschaft nicht wegzudenken und zeugen gleichzeitig von großer Wandelbarkeit und Freude am Experiment. So hat sich seit den charmant-schraddeligen, schwarzweißen Federzeichnungen, wie sie im "Wunschpunsch" auftauchten, viel getan und in den neueren Kehn-Illustrationen dominieren leuchtende, warme Grundfarben und dickere schwarze Umrisslinien. Das ist auch bei "Einmal kurz nicht aufgepasst" der Fall: Kehns Comic-Debüt ist durchgehend farbig gehalten, die tierlichen Hauptfiguren bewegen sich durch plastische, aber atmosphärische Räume, die durch die Linienführung gleichzeitig klar lesbar und freundlich bestimmt bleiben. Dabei behalten die Figuren ihren kehntypischen, sprich jakob-krakeligen Charme. Die Handlung von "Einmal kurz nicht aufgepasst" (kurz: EKNA) erinnert an andere tierlichen Roadmovies oder -comics, die Tierschicksale in einer menschlichen dominierten Welt erzählen (die Klassiker: Findet Nemo, Watership Down, Chicken Run …). Das sind Geschichten, die sich ebenso wie EKNA dadurch auszeichneten, dass ihre tierlichen Protagonisten unfreiwillig in menschengemachte Strukturen hineingeraten, diese aus ihrer Perspektive erleben, interpretieren oder sich zu Nutze machen. Neben vereinzelten Veröffentlichungen wie dem lettischen Film "Flow" (2024) sind diese Geschichten heutzutage (vor allem bei Disney/Pixar) seltener geworden und Erzählungen von Innerlichkeit gewichen, die seltener das Mensch-Tier-Verhältnis an sich als Konfliktauslöser nutzen. (Forschungsfrage an die Zuhörenden: Stimmt das überhaupt? Und trifft das auch für Comic und Bilderbuch zu? Außerdem muss ich „Hoppers“ noch sehen und die These ggf. aktualisieren.) In EKNA bleibt Kehn der Sichtweise ihrer Tierfiguren treu, bricht ihre Handlungsmacht allerdings auch immer wieder auf durch eindeutige Anthropomorphismen: So erweist sich Juri gleich zu Anfang des Buches als fähiger Elektriker, oder die Protagonisten tun sich durch elaborierte Zitate von Martin Luther King oder Winston Churchill hervor. Abgesehen von diesen augenzwinkernden Ausbrüchen geht es aber immer wieder um das Wesentliche: Sie Suche nach Futter, Wärme und Sicherheit in einer tierfeindlichen Umgebung. Ganz frei von Stereotypen bleibt die Figurenzeichnung dabei leider nicht. So bilden Walther und Juri ein typisches cervantisches "Odd Couple", bei dem der dickere Walther als dümmlicher Sidekick des neurotischen, aber brillanten Yuri fungiert. Dexter ist wenig überraschend vor allem ein nervöses Kaninchen, und Tony bedient die Stereotype der menschenverwöhnten Schoßhündin. Zwar werden alle Figuren mit der gleichen liebevollen Aufmerksamkeit bedacht und selbst Walther, der von Juri immer wieder belächelt wird, bekommt seinen Moment, doch insbesondere die Parallelisierung von Walthers (optisch markiertem) "Übergewicht" in Zusammenhang mit seinem beständig geäußerten Wunsch nach Essen habe ich als überstrapazierte Trope empfunden. Während ich also große Freude an der Bildsprache und den Designs von EKNA hatte, haben mich Geschichte und "Casting" als erwachsene Leser*in wenig überrascht, ich empfand sie sozusagen als genre-typisch. Doch gleichzeitig ahnte ich bereits, dass eine größere Lese-Erfahrung (sprich: Mein fortgeschrittenes Alter) in diesem Fall eine korrekte Einschätzung der Wirkung auf die eigentliche Zielgruppe verstellen kann. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, im Rahmen des Yippie-Kindercomicfestivals in Frankfurt einer Lesung von Regina beiwohnen zu können. Hier nahm die Abenteuergeschichte mit musikalischer Untermalung und Rollenverteilung im voll besetzten Jungen Literaturhaus Fahrt auf: Die Kinder fieberten sichtlich mit. Als schließlich das Kaninchen Dexter von seiner traurigen Vergangenheit erzählte, musste ein Kind tatsächlich laut schluchzen! (Verständlich!) Während ich innigst hoffe, dass das besagte Kind sich trösten lassen konnte und die Lesung trotzdem insgesamt als positives Ereignis abspeichern konnte, war das für mich ein deutlicher Beweis, dass es in der Tat immer wieder solche Bücher braucht. EKNA eröffnet bei aller Verspieltheit und ganz nebenbei auch eine Sichtweise auf die sogenannte westliche Zivilisation aus der Perspektive derjenigen, für die sie nicht gebaut wurde. (Von dieser Warte aus lässt sich das Ende der Geschichte übrigens auch als ein pessimistischer Kommentar zur Gesamtsituation lesen!) Und umso schöner, wenn dieses Angebot zur Empathie von einer so begabten Bilderzählerin wie Regina Kehn gemacht wird. ...more |
|
|
Lena Winkel
rated a book it was amazing
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
(Überarbeitete (d.h. wesentlich längere und albernere) Rezension, ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 30.5.2025) VAMPIRE - das unvermeidbare Metamoti (Überarbeitete (d.h. wesentlich längere und albernere) Rezension, ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 30.5.2025) VAMPIRE - das unvermeidbare Metamotiv unserer monstergebeutelten Gegenwart (möglicherweise begründbar mit Gramsci: "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster..."?). Von Bob Eggers "Nosferatu"-Neuverfilmung über den aktuellen blacula-like „Sinners“ bis hin zu den unzähligen, der Twilight-Tradition folgenden Titeln des Dark Romance-Genres, für die Carlsen nun sogar einen eigenen Imprint ("COVE") ins Leben gerufen hat: Vampire sind derzeit unangenehm häufig außerhalb ihres Sargs anzutreffen. [FINGER PISTOLS] Dabei wird die Metapher gerne mal als so wandlungsfähig wie die Kreatur selbst beschrieben (schöne Diskussion dazu hier), halten her für den „die lebendige Arbeit“ vampirmäßig ausssaugenden Kapitalismus (Marx), für autoritäre Herrscher, toxische Liebhaber und Frauenmörder, den nicht totzukriegenden Faschismus, verteufelte Queerness, verdrängte Kreatürlichkeit, unterdrücktes Begehren, was man so braucht. Ich wage es dennoch, an dieser Stelle (stark verkürzend!) zu behaupten, dass insbesondere die sich an Teenager und Erwachsene richtenden „ernsteren“ Vampir-Erzählungen das Motiv meist nutzen, um Situationen zu schildern, in denen es um die zahlreichen Formen einer Überwältigung durch ein als monströs markiertes Anderes-und-doch-Gleiches geht, aus denen der Stoff dann natürlich auch seinen Grusel und klassischerweise auch seine Erotik bezieht. Im bekanntermaßen etwas weniger fatalistischen Bereich der Kinderliteratur hingegen geht es in den meisten Geschichten um Mensch-Vampir-Freundschaften, die Überwindung von Xenophobie und die Integration des vermeintlich Monströsen. Exemplarisch sei hier auf Sommer-Bodenburgs „Kleiner Vampir“ als auch „Petit Vampire“ von Joan Sfar verwiesen. Beide spielen zwar mit den „besonderen Bedürfnissen“ ihrer blutsaugenden Minderjährigen, dies führt jedoch (soweit ich weiß) weder zu Pfählung des einen noch zum akuten Blutverlust des anderen. Und im Kindercomic „Knobi“ von Bree Paulsen kommen sich sogar ein Knoblauch und ein Vampir näher (und tatsächlich ist das auch gar nicht so albern erzählt, wie es klingt). Diese freundlichen Bearbeitungen sind meiner Meinung nach keinesfalls (zwingend) naive Variationen des Themas, die Machtverhältnisse einfach verschleiern, sondern rühren auf ihre Weise an den Wurzeln des Stoffes: Sowohl Bram Stokers „Dracula“ als auch Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu“, die unser heutiges Vampirbild wesentlich geprägt haben, bedienen sich an antislawischen, antisemitischen und queerfeindlichen Stereotypen, um ihre Figuren als „das andere“, als „unmenschlich“ zu charakterisieren - Stereotypen, die dann wiederum, wie so oft, zusätzlich mithilfe tierlicher Eigenschaften visualisiert, dramatisiert und als „das Böse“ greifbar und visuell vermittelbar werden. Und das sind beim Vampir, natürlich, vor allem die verlängerten Eckzähne, die Fangzähne. Ebenjene Fangzähne sind es, die der Protagonisten Mila in Ayşe Klinges frisch erschienenem Lang-Comic „Der Zahn“ größte Sorgen bereiten. Mila hat furchtbare Angst vor Vampiren und ihr Zimmer vorsorglich mit einer vampir-abweisenden Knoblauchgirlande und einem gigantischen Pentagramm ausgestattet. Wegen ihrer Ängstlichkeit wird sie in der Grundschule von der coolen Clique um die fiese Alina (geniales Character Design, rosa Kleid mit weißem Kragen und Linda-Blair-Friese) gemobbt. Zum Glück zeigt nicht nur ihr bester Freund Niklas Zivilcourage, sondern auch ihre Mitschülerin Karla Karnstein nähert sich ihr vorsichtig an - spätestens, nachdem sie erfährt, dass auch Mila in ihrer Freizeit am liebsten ihre *original characters* (OCs) zeichnet! Kann man dann ja auch genauso gut zusammen machen. Und dann ist es auch nicht mehr so wichtig, ob der neuen besten Freundin ein verdächtig spitzer Eckzahn wächst. Denn die ist ja auch schließlich kein Vampir... Ayşe Klinge wurde 1990 in Berlin geboren, hat dort Bühnenbild und später in Hamburg an der HAW Illustration studiert. Die Illustration zu Regina Feldmanns „Kami und Mika“-Reihe stammen von ihr, ebenso die Bände „Moderne Muslimas" und "Black Heroes" (eschienen bei Jacoby & Stuart), aber auch für Flying Eye Books und Carlsen hat sie schon gezeichnet. Mit "Der Zahn" hat sie nun den bisher längsten Comic im Kibitz-Verlag herausgebracht (übrigens im absolut wahnwitzigen Zeitraum von zwei Jahren - es sind immerhin 220 Seiten. In Farbe!) Der ganze Comic ist, wie an mein Öhrchen drang, komplett in Procreate durchgeschraddelt und zwar mit (vermute ich) dem 6B Pencil. Nun bin ich keinesfalls der Meinung, dass digitale Zeichnungen sich an den Look analoger Zeichnungen anzubiedern haben, aber wenn es gelingt, ist das natürlich trotzdem beeindruckend. Auf jeden Fall schafft es Ayşe irgendwie, mit diesem ollen 6B-default-Bleistift so viel warme Lebendigkeit in ihre Panels zu bringen, dass ich nur meine Comicfestival-Hamburg-Kappe ziehen kann im Namen all ihrer verzauberten Mitglieder. Die Schraffuren hat sie dann noch teilweise eingefärbt. Sieht fantastisch aus, wie eine Mischung aus Blei- und Buntstift. In ihrer Vita lässt sich nachlesen, dass sich Ayşe in ihrer Freizeit mit Analog-Fotografie beschäftigt - und ich bilde mir ein, in der gesamten Farbgebung und Zeichenweise des Comics ebenjene Analog-Film-„Wärme“ wiederzuerkennen, die man von alten Fotos (aus der frühren Farbfilm-Ära) kennt. Diese Wärme ist auch das, was die Beziehung der Figuren prägt und was Ayşe in ihren Zeichnungen und Dialogen scheinbar mühelos erzählt. Zum Beispiel wie Milas Mutter Mila hilft, ihre Gefühle zu sortieren (Premium-Containing, 10/10), wie Karlas Anarcho-Opa die aktuelle strikte Mensch-Vampir-Trennung hinterfragt und Karla von seinem früheren besten Freund (?) Oskar erzählt - und ihr damit zu verstehen gibt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse durchaus wandelbar sind. Oder wie Niklas sich zwar einerseits für Mila einsetzt, andererseits aber auch eine eifersüchtige Seite hat, die wiederum Mila und Karlas Freundschaft in die Quere kommt. Und vor allem, wie Mila dann doch von Unsicherheit heimgesucht wird, wie sie denn nun mit diesem ZAHN umzugehen hat. Tatsächlich lässt Ayşe Klinge die Vampir-Lore an einigen Stellen strategisch (?) offen: Zum Beispiel isst man im Hause Karnstein regelmäßg Blutsuppe und Blutpudding. Also: beißen die Vampire denn nun wirklich, wie Niklas behauptet? Am Ende bleibt Mila nichts anders übrig, als auf sich selbst und ihr eigenes Bauchgefühl zu hören. Dabei bekommt sie aber, und das ist das Schöne, immer wieder Hilfe von ihrem Umfeld. Was übrigens das Bauchgefühl betrifft, so hatte ich beim Lesen auch "so ein Gefühl", und ich rätselte: Mila, Karla, Karla, Mila - und warum heißt sie denn nun ausgerechnet Karnstein mit Nachnamen? Bis dann (etwas verspätet) endlich die Erkenntnis kam: Nun ist es ja so (ja, allerdings!), dass Bram Stokers „Dracula“ wesentlich inspiriert wurde von einem noch früheren Vampirroman des irischen Schriftstellers Sheridan Le Fanu, was sich an zahlreichen kopierten Details ablesen lässt (zum Beispiel stand in einem früheren Entwurf das Schloss des Grafen Dracula mal in der Steiermark, wo die Novelle angesiedelt ist). Und der Titel der Novelle? Carmilla. (Auf die Gefahr hin, dass Offensichtliche zu erklären: Aus Karla und Mila lässt sich das Anagramm "Karmilla" - mit K, na gut, aber immerhin - bilden. Ganz abgesehen davon, dass Carmilla eine echte „Karnstein“ ist - wie Karla...) Und ebenso gerne informiere ich darüber, dass es in CARMILLA nicht um irgendeinen Grafen und seine weiblichen Opfer geht, sondern um die Beziehung von zwei Frauen (von denen eine, die namensgebende Carmilla, eine Vampirin ist.) Es ist, denke ich, gar nicht so leicht, diese doch sehr spezielle Phase am Ende der Kindheit, schon „kurz vor der Teenage-Angst“, aber noch in behüteten Verhältnissen, mit solcher Nuanciertheit darzustellen - und dann auch noch mit so viel Fingerspitzengefühl queere Themen mitschwingen zu lassen . Eine Lesart, zu der (falls man es nicht sowieso ahnen sollte) nicht zuletzt der Carmilla-Bezug unmissverständlich aufruft. Mir kam überdies zu Ohren, dass in „Der Zahn“ wenig passieren würde. Diese Behauptung ist leicht wiederlegbar. Abgesehen davon, dass es am Ende zu einer aufregenden Verfolgungsjagd kommt (ein klassisches Ereignis, in dem traditionsgemäß viel gehandelt wird), nimmt sich Ayşe absolut angemessen viel Zeit zur Auserzählung der Freuden des Lebens: Namentlich, mit der neuen besten Freundin im Kinderzimmer auf dem Boden sitzen, zusammen OCs zu zeichnen und dann die Zeichnungen der anderen Person richtig richtig gut zu finden. (Und dann genervt von Niklas zu sein, der ungefragt dazukommt.) Kurzum, ich könnte mir keine gelungenere Neu-Interpretation des Carmilla-Stoffes wünschen. Wer also ein queeres Vampir-Komplement zur Krögers trans* Werwolfcomic MEUTE im Regal vermisst, kann hier bedenkenlos zubeißen - denn wenn uns etwas durch die „Zeit der Monster“ helfen kann, dann wohl, sich die Formalitäten der Monsterproduktion noch einmal genauer anzuschauen und im Bestfall etwas zurechtzurücken. Um Emil Ferris (“My favourite thing is monsters”) zu paraphrasieren: Create monsters in yourself, not in others. ...more |
|
|
Lena Winkel
rated a book it was amazing
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.06.2025) Ich bin heute das Emoji mit dem Monokel. (Um Missverständnisse zu vermeiden, hier die wonk (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, lesen und lesen lassen-Ausgabe vom 26.06.2025) Ich bin heute das Emoji mit dem Monokel. (Um Missverständnisse zu vermeiden, hier die wonky Erklärung auf emoji-terra.com: “Das Emoji-Gesicht mit Monokel zeigt ein gelbes Gesicht mit gehobener Augenbraue und einem Monokel, was genaues Betrachten, Unterscheidungsvermögen, Skepsis oder einen Hauch von Wissen andeutet.“) In diesem Sinne eine Anekdote mit einem "Hauch von Wissen": Als das Internet damals „neu“ war, naja, nicht mehr ganz so neu, eher war ich „neu“ im Internet, war ich von der allgemeinen Emoji- und Emoticon-Nutzung auf Youtube, Facebook und den üblichen Verdächtigen irritiert und abgeschreckt. Auf jeden Fall erinnere ich mich, dass ich mich (als der Snob, der ich war) ziemlich lange standhaft geweigert habe, in meinen Einträgen ins Netz auf Emojis oder Emoticons zurückzugreifen. Das kam mir wohl irgendwie unliterarisch vor, als nähme ich eine Abkürzung, schlimmer als Adjektive. (Wir wissen ja alle hier, der Weg in die Hölle ist mit Adjektiven gepflastert!) Mittlerweile sind viele Emoji-Generationen ins Land gegangen und ich bin weichgespült von abertausenden von Forumsdiskussionen, Insta-Kommentaren und WhatsApp-Nachrichten, doch scheint die Sorge, dass Emojis letztendlich sprachverarmend wirken, gar nicht so selten zu sein. Tatsächlich steht am Anfang der Graphic Novel „Face with Tears of Joy“ der Berliner Comickünstlerin Karla-Jean von Wissel eine ebensolche leicht alarmierte skeptische Selbstbefragung, die sich direkt aus ihrer zeichnerischen Praxis ergibt. Der an ihrem Schreibtisch vor sich hinzeichnenden Karla-Figur fällt auf, dass sie beim Zeichnen von Emotionen immer wieder auch an Emojis denken muss und diese teilweise unwissentlich reproduziert. Doch inwiefern deckt sich das mit der Wirklichkeit? Hat sie zum Beispiel jemals beobachtet, dass eine Person GRÜN wurde, wenn ihr übel war - sowie es das entsprechende Apple-Emoji behauptet? Wie beeinflussen Emojis ihr Zeichnen, und damit eingeschlossen auch ihre Beobachtung, ihr Sehen? Machen uns Emojis kreativer oder schränken sie unsere Ausdrucksmöglichkeit ein? Reduzieren sie nicht komplexe Sachverhalte (wie Emotionen) auf eine einfache Zeichenanordnung? Führen sie nicht zu mehr Missverständnissen? Auf diese (und andere) Fragen versucht Karla in ihrem wunderhübschen kleinen Buch "Face with Tears of Joy – eine Graphic Novel über Emojis und Kommunikation", das letztes Jahr im Hamburer Ankerwechsel-Verlag erschienen ist, Antworten zu finden. Ein Comic voller detailreicher schwarzweiß-Zeichnungen und vielen alten und neuen Emojis, diewiederum bunt gedruckt sind, komplett handgelettert, mit freundlichen sonnen- oder smileygelben Kladden. Auf der Suche nach Antworten geht Karla einerseits sehr methodisch vor: Sie erklärt die relevanten Begrifflichkeiten, gibt einen Überblick über die Entstehung der Emojis, ihre mögliche Verwandschaft mit älteren Zeichensystemen wie z.B. Hieroglyphen, klärt ihre besondere Position zwischen Schrift und Bild und warum sie eigentlich so niedlich sind. Wir lernen: Emojis sind die kleinen Bildzeichen, die man aus Messenger-Diensten wie WhatsApp, Signal etc. kennt, Emoticons hingegen setzen sich aus bestehenden Zeichen zusammen, wie zum Beispiel der klassische Smiley aus Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer zu. Und: Das Fritten-Emoji sieht nicht umsonst so aus, als ob es McDonalds-Fritten seien; wenig verwunderlich sind auch die unschuldig aussehenden Emojis durch die Tech-Unternehmen, die sie anbieten, verstrickt in kapitalistische Strukturen. Das ganze wird abgerundet durch ein umfangreiches Emoji-Verzeichnis, in dem alle aktuellen Emojis inklusive ihres Unicodes aufgelistet sind, QR-Codes für wichtige Links und Sticker, sowie Quellenangaben auf jeder Seite. Damit erfüllt das Buch durchaus auch wissenschaftliche Ansprüche. Andererseits sind da überall kleine Tiere, weitere Zeichnungen und schlaue Anmerkungen zu entdecken. Das ganze Buch wimmelt und quirlt über vor kleinen Figuren, neukombinierten Emojis und Emoticons und Miniatur-Anekdoten. Das ließe sich aus einer puristischen 🧐-Perspektive als visuelle Geschwätzigkeit abtun, steht aber formal in deutlichem Bezug zum Inhalt. Denn warum ist das Ganze überhaupt ein Buch, so ein analoges Ding? Schließlich handelt es sich bei Emoticons und Emojis um Bildphänomene des Digitalen, ihre natürlichen Habitate sind Chats und Social Media Platformen. Was hat die Illustration damit am Hut? Zu diesem Zusammenhang äußert sich die Karla-Figur an einer Stelle zwar auch selbst, vor allem gibt der Band aber eine deutliche formale, unmittelbar visuell erfahrbare Antwort. Karlas filigrane Zeichnungen zeigen die Freude an der Fabulation, der Re-Kombination und dem assoziativen, metaphorischen Umgang mit Emojis, den sie als "soziales Spiel" zwischen Personen beschreibt. Folgerichtig illustrieren ihre Zeichnungen im besten, erhellenden Sinne die Praxis, zu der sie aufruft: Sich die Emoji-Bedeutung von den Tech-Konzernen nicht vorschreiben zu lassen, sondern sie sich kreativ anzueignen, zu hinterfragen, neue Bedeutungen zu generieren und Missverständnisse als produktive Kraft zu verstehen. Im Grunde verhält es sich da mit den Emojis nicht anders als mit der geschriebenen Sprache, die ständig im Wandel ist und mit der gespielt werden darf und muss, um sie integrativ, offen und beweglich zu halten. Da es sich nun aber bei Emojis um Bildschriftzeichen handelt, kann diese Auseinandersetzung eben nicht nur über die Schriftsprache stattfinden, sondern muss strenggenommen auch die Bildsprache miteinbeziehen. Meine gewagte These wäre nun, dass für eine solche „Bildsprachen-Reflektion“ das freie Zeichnen und Illustrieren ein ganz wesentliches Mittel darstellt. Wie das aussehen kann, wird hier spielerisch vorge-zeichnet und macht Lust, zeichnend, schreibend und/oder emoji-tippend in die Konversation miteinzusteigen. Ein guter Grund, über diese gelungene Graphic Novel ein paar TEARS OF JOY zu verdrücken, kleiner als drei uwu. ...more |
|
|
Lena Winkel
rated a book it was amazing
|
Error rating book. Refresh and try again.
Rate this book
Clear rating
|
|
(Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, Kältefrei-Ausgabe vom 05.12.2024 ) "Beim Tier-Werden hat man es immer mit einer Meute zu tun, mit einer Bande, einem Rudel, einer Populat (Rezension ursprünglich verfasst und eingesprochen für freigeistern! Der Podcast für Kinder- und Jugendliteratur, Kältefrei-Ausgabe vom 05.12.2024 ) "Beim Tier-Werden hat man es immer mit einer Meute zu tun, mit einer Bande, einem Rudel, einer Population, einer Bevölkerung, kurz gesagt, mit einer Mannigfaltigkeit. Wir Zauberer haben das schon immer gewusst." Deleuze & Guattari, Tausend Plateaus. In MEUTE geht es zunächst einmal um Margot, die in einem nicht näher definierten Frankreich des 19. Jahrhundert endlich am sogenannten „Institut der zeitgenössischen Wissenschaften“ ein Praxissemester absolvieren darf, das aber, wie ihr ihre WissenschaftlER-Kollegen rasch mitteilen, vor allem aus Kaffee kochen und Putzen bestehen wird. Trotzdem darf sie einen Blick auf das aktuelle Forschungsobjekt werfen, einen "waschechten Lycanthropus", einen Werwolf, wenngleich die kategoriefreudigen Wissenschaftler schnell bemerken, dass es sich offenbar um eine sonderbare Form zwischen Mensch und Werwolf handelt, also ein Wesen, das die Transformation in die quadrupede Wolfsform nur halb vollzogen hat. Als die Wissenschaftler schließlich auf die Idee kommen, dem Werwolf mit einer Operation zum Menschen aus seiner hybriden Misere "zu helfen" platzt Margot schließlich der Kragen (nicht ohne Zusprache ihrer moralisch integreren Freundin); sie befreit kurzerhand den Werwolf und holt sich bei der Gelegenheit auch noch die wölfische Erlaubnis ein, das Werwolsfrudel im nahegelenen Wald aus nächster Nähe (heimlich) studieren zu dürfen und so zu deren gesellschaftlicher Rehabilitierung - und damit wohl auch ihrer eigenen - beizutragen. Es lässt sich ahnen, dass Margot dieses kräftezehrende Doppelleben zwischen Stadt und Wald nicht ewiglich performen kann! Lest selbst, ob und wie ihre (zumindest gut gemeinten?) Interventionen die Mensch-Werwolf-Grenze einzureißen imstande sind! Nun munkelt man in den Feuilletons, dass es sich bei den Werwölfen um eine Metapher für Transgeschlechtlichkeit handeln könnte. Das ist schon einmal eine fantastische Grundlage für eine Geschichte, und zufällig weiß ich, dass die comiclesenden Werwölfe unter uns mit dieser Analogie schon lange vertraut sind (an euch also schon einmal eine uneingeschränkte Empfehlung). Doch - und das ist das, was das Buch für mich wirklich herausstechen lässt - die gesellschaftliche Verdrängung von Transformationsprozessen wird hier auch auf der stilistischen Ebene mit einer innovativen Mischung aus rauher Kohle und feinem Füllfederhalterstrich zeichnerisch entschieden torpediert. Die Wölflein sind mal süß, mal wild, mal krakelig oder stehen smooth im Walde wie ein Echo alter Disneyfilme; sie sind panelübergreifend divers: sie sind im Gegensatz zur herkömmlichen Werwolfgeschichte kein einzelnes, missverstandenes Monster, sondern eine heterogene, diskutierende, lebendige Meute. Geschichten über das Hinterfragen von wertenden Zuschreibungsprozessen lassen sich in der Sprache des Comics besonders gut erzählen, was Noelle Kröger offenbar sehr genau weiß, und vor allem besitzt er*sie die handwerklichen Mittel, diese queeren Potenziale auszuschöpfen. Also, gönnt euch und euren werwolfigen Freunden dieses schöne, wilde Buch und zelebriert, zumindest für den Moment, den Untergang der Trennungslinien, ohne euch dabei (denn dafür sorgt das brechtianische Ende des Buches) allzu große Hoffnungen auf einfache Lösungen zu machen, während draußen die metaphorisch weniger reichen Wölfe (und jetzt kommt zum Abschluss nochmal Degenhardt) zusammen das Fraßlied heulen, das aus früherer Zeit. ...more |
|
Goodreads Librarians Group
— 326388 members
— last activity 2 minutes ago
Goodreads Librarians are volunteers who help ensure the accuracy of information about books and authors in the Goodreads' catalog. The Goodreads Libra Goodreads Librarians are volunteers who help ensure the accuracy of information about books and authors in the Goodreads' catalog. The Goodreads Librarians Group is the official group for requesting additions or updates to the catalog, including: * Adding new books or editions * Editing book information (including covers) * Combining and merging book editions * Edits to page counts, quotes or awards * Correcting author profiles for authors not in the Goodreads Author Program If you're a Goodreads member with a new request, click Join Group. Once you're added to the group, you can post your question following this link. Simple requests (e.g. page count updates) typically take around 48 hours depending on the volume of requests, while more complex requests could take up to a couple of weeks (e.g. adding a new book). Authors, if you are a member of the Goodreads Author Program, you can edit information about your own books. Find out how in this guide. Keep in mind that Librarians don't: * Grant or give insights into Librarian applications / Librarian status * Move ISBNs or ASINs between editions * Help with non-catalog Support questions (e.g. How do I reset my password?) For help with these queries or to submit general questions, comments or feature requests, try Goodreads Help or use the Contact Us form. If you're a Librarian and want to process requests, please refer to our Librarian Manual to ensure edits are performed in line with Goodreads policies. ...more







