Parallelgeschichten Leserunde discussion
Kapitel 26-27
date
newest »
newest »
Kapitel 26 ist furchtbar unübersichtlich. Ständig springt Nadas zwischen Gyöngyver, Mazda, Kristof und Agost hin und her - teilweise so völlig unvermittelt, das es einem schwer fällt zu folgen. Beginnend mit Gyöngyver, die sich ihre Mittelmäßigkeit eingesteht und ebenso das sie Agost nicht liebt und dieser auch nicht sie, sondern sie lediglich befriedigt hat, blickt während ihres Gesangsunterrichts immer wieder in ihre Vergangenheit zurück. Sie wurde als Waise von ihrer Ziehmutter wie Vieh im Hühnerstall gehalten und hat kaum etwas gelernt, sie bettelt um Zuneigung und spürt in sich die Rachsucht. Diese überfällt sie auch wenn sie an Frau Szemzö und ihre Gesangslehrerin denkt. Sie liebt beide auf eine absurde Art und Weise, will diese aber ausnehmen, ihre Fähigkeiten ausnutzen, lernen, sie überflügeln und azu noch beerben. In ihr ist der Wunsch verwurzelt ganz alleine strahlend im Mittelpunkt zu stehen, über alle erhaben zu sein, sie wegzustoßen und dabei ihren Triumph ebenso auszukosten, wie ihren Reichtum - gleichzeitg sehnt sie sich nach Anerkennung und Lob.Mazdar setzt sich ebenfalls mit seiner Vergangenheit auseinander und Bruchstückhaft erfährt man wie sehr er Bellardi verehrt und das er mit ihm zusammen am Tod von Gottliebs verkrüppeltem Sohn schuldig ist. Der bucklige Sohn Gottliebs hatte gelesen, als Mazdar und Bellardi gemeinsam anfingen ihn mit Steinen zu bewerfen. Zunächst nur zum Spaß, aber dann weil sie ihn auf einen Baum flüchten sehen wollen, ihn demütigen wollen. Gottliebs Sohn aber will sich nicht demütigen lassen und verliert plötzlich an seinem Punkt den Halt und stürzt in die Donau, wo er ertrinkt.
Agost ist in seiner Dekadenz zufrieden mit sich und der Welt. Ihn interessiert Gyöngyver nicht im mindesten. Er will sich nur ausschlafen und erholen.
Kristof ist nach seiner ersten erfahrungen mit den schwulen Männern in der Herrentoilette nur knapp einer Razzia entgangen. Er konnte flüchten und musste mitanhören, wie die Schwulen von der Polizei niedergeknüppelt wurden. Entsetzt nahm er den Weg Richtung Brücke, wo ihn Niemand finden konnte und er mit seinem Leben abschließen könnte. Er hat den Entschluss gefasst zu springen. Zunächst entledigt er sich der Kleidung, dann wünscht er sich noch einmal das leckere Reishuhn von Ilona essen zu können. Während er diesen gedanken nachhängt taucht plötzlich der schwarze Hund hinter ihm auf, den er im Hotel eingesperrt hatte. Kristof versucht vor dem Hund zu fliehen, aber dieser kann ihn einholen. Er flieht vor dem Hund, da er merkt das er seinen Plan von der Brücke zu springen nicht mehr durchführen kann, wenn ihm der Hund mit seiner Bedürftigkeit und Liebe zeigt, daß er ihn braucht.
Mazda erhält ein Telegramm, in dem Frau Szemzö ihr Kommen ankündigt. Er ist überglücklich und denkt sie zeige seine Liebe. Bitter enttäuscht muss er feststellen, daß sie ihren Mann und ihre Kinder mitgebracht hat. Und doch kann er nicht aufhören sie zu begehren. Derweil erfährt man, das der Geheimbund der Ungarn mit den Deutschen zusammenarbeiten will, um sich der Juden zu entledigen. Die Pläne über Deportation der Juden sind den Ungarntreuen bekannt und sie unertstützen sie.
Das ganze Kapitel ist sehr wirr, zweiweise sehr kurz angebunden, dann wieder langatmig und schwer zu lesen geschrieben. Entsetzlich ist das Mazda, wenn er an den Mord denkt, den er zusammen mit Bellardi an dem kranken Sohn Gottliebs begangen hat, nur daran denkt, daß es ihm Frau Szemzö nicht verzeihen würde. Reue und Schuldempfinden ist nur sehr spärlich vorhanden.
Kapitel 27 beschäftigt sich mit Karla Thun von Wolkenstein, einer Professorin, die sich sehr für rassenkunde und Vererbungslehre einsetzt und interessiert. Sie hat ein uneheliches Kind, das sie auf Druck der Familie weggeben muste. Sie möchte wissenschaftlich großen Erfolg haben und buhlt um die Anerkennung durch ihren Vorgesetzten von der Schuer. Zu Besuch ist bei ihnen die junge Gräfin Imola, die mit Mihaly verlobt, der vermutlich bald zum König von Ungarn gewählt werden soll. Während Imola Ratschläge ihrer Freundin sucht wie sie sich in der Hochzeitsnacht zu verhalten habe, ist diese mehr darauf bedacht Gräfin Imola bei Laune zu halten, da sie bald Königin sein wird. Karla von Thun ist nämlich bitter enttäuscht das Imola nichts von ihrer wissenschaftlichen Arbeit in Erfahrung bringen will, sondern nur nach gewöhnlichen Informationen bei ihr sucht.
Auch wenn es um ein spannendes Thema geht, die verqueren Ideen der Rassenideologie und Eugenik der Nazis, bleibt Nadas hier im Ansatz stecken. Von der Schuers Motive seine Kriegserlebnisse aus dem ersten Weltkrieg auf diese Art zu verarbeiten, sich selbst einzureden dass der Verlust der Menschen nur bedeutete die Schwachen auszumerzen, damit ein ganzes Volk stärker wird, wird erklärt. Weitere tiefere Betrachtungen lässt Nadas aus und zeichnet die Personen diesmal erstaunlich oberflächlich, was dem Kapitel durchaus einen schalen Beigeschmack gibt.
Ich bin von dem Anfang des dritten Buches weder überzeugt noch sehr enttäuscht. Gut gelingt es Nadas jetzt Gyöngyver mit einiger Erkenntnis und schonungsloser Ehrlichkeit sich selbst gegenüber auszustatten. Auch Mazda bekommt durch das Geständnis Gottliebs Sohn ermordet zu haben wieder mehr Tiefe. Auch wenn einen seine scheinbare Gleichgültigkeit darüber entsetzt. Darüber hinaus geht für die meisten anderen Personen einfach nur ein Handlungsstrang weiter. gerade Kristof, der sich um ein Haar das Leben nimmt, hätte einen tieferen inneren Monolog halten können. Es erscheint mir fast etwas schlicht und unüberlegt wie er seine Entscheidung trifft, obwohl sie wohl schon lange in ihm gereift ist. Nach den Erfahrungen, die der Leser zuvor mit ihm teilen konnte, hätte ich mehr Bitterkeit erwartet, ein wenig mehr Abrechnung. Dann hätte gleichsam der Satz "wenn es am schönsten ist soll man gehen" greifen können. Aber so fehlt das erschütternde Entsetzen das er nun doch ein Erlebnis mit Männern hatte, noch der rechte Grund warum er ausgerechnet jetzt mit seinem Leben abschließen wollte. Nadas beschreibt an anderen Stellen sehr intensiv und detailliert, deshalb fehlt gerade an diesen Stellen ein wenig die Tiefe. Ich weiß nicht so Recht was ich davon halten soll. Was meinst du dazu Ute? Ich meine es ist nicht schlecht geschrieben, aber mir fehlt etwas. Ich habe mich schon zu lange durch Nadas gequält um nicht eine gewisse Erwartungshaltung aufgebaut zu haben...
Mir geht es ähnlich, Johanna, wobei meine Erwartungshaltung nicht mehr allzu hoch ist ;-) Kapitel 26 war mehr oder weniger so, wie viele der vorhergehenden auch, insbesondere im ersten Buch. Ich hatte das Gefühl, viele Wiederholungen zu lesen, ständig wiederkehrende Gedanken.Das 27. Kapitel fand ich deutlich besser, wobei mir noch unklar ist, wie nah die Schilderungen an der Realität sind. Denn hier wird ja erzählt, wie es überhaupt dazu kam, dass wissenschaftliche Versuche an KZ-Gefangenen gemacht wurden. Es ging ausschließlich um den Ehrgeiz, als Wissenschaftler Karriere zu machen. Und als die Erste damit anfing, konnten auch die Übrigen nicht zurückstehen und warfen ihre Skrupel über Bord - sofern sie überhaupt welche hatten.
Freiherr von Schuer sehe ich noch als ganz sympathischen Charakter: Seine Erlebnisse im 1. Weltkrieg haben ihn schwer geprägt, auch wenn er nicht in der Lage ist, sich damit richtig auseinanderzusetzen und entsprechende Schlüsse zu ziehen. Die Begegnung mit der jungen Gräfin scheint ihn zum ersten Mal in seinem Leben so intensiv mit seinen eigenen Gefühlen in Berührung zu bringen wie nie zuvor. Hier bin ich wirklich gespannt, wie es weitergeht...


Weihnachtliche Grüße,
Johanna