Parallelgeschichten Leserunde discussion

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Kapitel 22-25

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message 1: by Johanna (last edited Dec 24, 2012 09:39AM) (new)

Johanna In Kapitel 22 erzählt Kristof aus seinem Leben. Seine Tante Erna hat ihn aufgenommen, nachdem sein Vater durch seine Genossen umgebracht wurde. Um den Deckmantel der Verschwiegenheit darüber zu legen, hatte man das Vormundschaftsgeld für Kristof sehr üppig angesetzt. Tante erna war wohl mehr an dem Geld interessiert...
Kristof musste für die Gunst dort wohnen zu dürfen Botengänge machen, während Agost, der Sohn Tante Ernas ihn kommandieren durfte. Agost bekam neue und teure Kleidung, Kristof musste in den abgetragenen Kleidungsstücken seines Cousins herumlaufen - selbst wenn ihm diese längst zu kurz gworden waren. Kristof wurde von Tante Erna ebenfalls um sein Erbe betrogen.
Kristof berichtet diese Tatsachen in seiner Erinnerung ohne Bitterkeit, mehr als reine Erzählung. Auch wenn er Agost sehr treffend als gierig und egoistisch beschreibt.
Er berichtet aus dem Jahr 1957. Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes wurden Kinder nach Deutschland in die Ferien verschickt. Unter ihnen auch der damals 16jährige Kristof. Trotz all des Trubels und der ungewöhnlichen, ja dramatischen Umstände, unter denen man die Kinder in die Züge verfrachtet, genießt Kristof diese Freiheit. Er löst sich von seiner letzten Bindung zu Tante Erna und Agost und erkennt einen Jungen wieder, den er zuvor auf der Straße kennengelernt hatte, als er Brot bsorgen wollte. Jener unsägliche Tag, an dem am Brotladen auf die Wartenden geschossen wurde.
In Kapitel 23 gibt sich Mazda seiner Heimatlosigkeit, seinem Selbsthass und der Eifersucht auf die Verschwörung Bellardis, die dieser mit "richtigen Ungarn" hat hin. Sich selbst macht er vor das er ein besserer Ungar sei, da er das Ungar sein viel tiefer empfinde als die anderen. Und das Hauptmerkmal des Ungarn, so schließt er für sich selbst, sind Versagen und Isolation. Er ist sich sicher das er genau das mit nach Amerika nehmen wird, das ihm diese ungarischen Eigenschaften folgen werden.
Er denkt an den Abend als Bellardi ihn in seine Geheimloge einführen wollte. Bellardi, glücklich endlich mit Jemandem üner seine große Begeisterung für das Ungartum reden zu können, und das noch mit einem Freund,lässt alle Vorsicht fahren und schwelgt in seiner Rede. Mazda jedoch will sich weder in das Ungartum mitreinziehen lassen, noch will er akzeptieren das Geld mit im Spiel ist. Er hat sich sein Startkapital für Amerika hart erarbeitet und hat Angst das Bellardi nur an sein Geld will. Einen anderen Gedanken kann er nicht greifen.
Und dann ist er verletzt das er wegen seiner akzentgefärbten ungarischen Aussprache und seiner deutschen Mutter wegen als Kind immer von den anderen ungarischen Jungen gehänselt wurde. Mit einem Mal kommen all die negativen Gefühle in Mazdar wieder hoch. Bellardi ist entsetzt über tief verletzt über die abweisende Haltung seines Freundes.
Mazda ist völlig verwirrt von dieser Episode, vergißt alles jedoch schon am nächsten Tag, als er beim Holzhändler nach Holz für sein Projekt bei Frau Szemzö sucht.


message 2: by Johanna (last edited Dec 24, 2012 09:51PM) (new)

Johanna In Kapitel 24 findet Mazda das Holz, das er sucht, beim dem alten jüdischen Holzhändler Gottlieb. Madza gerät in einen Freudentaumel und steigert sich in diese Lust über das Holz hinein, als könne er damit seine unglückliche Liebe zu Frau Szemzö in eine glückliche verwandeln.
Die Geschichte wendet sich nun dem Holzhändler zu, der sein Geschäft aufgibt, um mit seiner Frau nach Amerika überzusiedeln. Dort erwartet ihn sein Sohn, dem er finanziell ein wenig unter die Arme greifen soll. Das erträgt er mit Gleichmut, auch wenn er große Angst davor hat auf dem Weg ausgeraubt und ermordet zu werden.
Gottlieb verlässt verwirrt und verzweifelt sein Geschäft, da er seine Kopfbedeckung nicht finden kann, ohne die er als Jude nicht aus dem Haus treten darf. Er flieht nach Hause, sinnlos Gebete in sich hineinmurmelnd, die er selbst weder richtig gelernt hat, noch das sie bis zu ihm durchdringen. Es ist eine stereotypische Handlung, um sich selbst zu beruhigen. Er hat sich das über geraume Zeit angewöhnt, denn zuhause erwartet ihn eine schreckliche Last. Gottlieb hat seine Frau nicht aus Liebe, sondern aus Verpflichtung geheiratet. Sie liebt ihn ebensowenig. das alles ist schon ein Problem für sich, da sie ihn deshalb beschimpft. Viel schwerer aber wiegt, das seine Frau dem Wahn zum Opfer gefallen ist, als sie neben zwei gesunden Kindern auch einen verkrüppelten Sohn zur Welt brachte, der verstarb. Den Tod ihres Kindes kann sie nicht ertragen und doch beschäftigt es sie ständig. Sie gibt ihrem Mann die Schuld.
Gottlieb erträgt alles stoisch, flüchtet sich in seine Gebete und versucht die ihm von Gott auferlegte Prüfung durchzustehen.
Gottlieb erzählt seiner Frau eine Geschichte über einen deutschen Rabbiner und gewinnt ihre Aufmerksamkeit, ja kann tatsächlich einen kleinen Moment mit ihr teilen. Auch wenn er der Geschichte dafür ein gute Ende gibt und die negativen Folgen verschweigt.
Nadas beschreibt diese Szene mehr, gibt aber einen tiefen Einblick in das Elend beider Eheleute. Margit leidet laut und voller Beleidgungen gegen ihren Mann, den sie für den Tod des Kinder verantwortlich macht. Aber ihr Leid ist viel unermesslicher und so sind die Beleidigungen auch nur eine Art von Flucht. Gottleb selbst versucht seine Frau zu beruhigen, die Prüfung zu ertragen. Er ist innerlich nicht weniger zerrüttet als seine Frau. Ein wirklich großartig geschriebenes Kapitel, das einen die Verzweiflung sehr Nahe bringt, mit der diese beiden Personen leben.
Kapitel 25 ist die kurze, heftige Geschichte, die von Kammer und Peix erzählt, von ihrer Beziehung zueinander und dem Tod im KZ. Kammer, ein Kommunist, der durch seine medizinischen Kenntnisse und seinen Wunsch zumindest ein wenig menschlichkeit in das KZ zu bringen, zum Arzt des Lagers wird, liebt Peix wie einen Sohn. Darüber hinaus noch ein wenig mehr. Peix jedoch ist ein Mörder, ein "Berufsverbrecher", der mit Menschen spielt. Er nutzt Kammers Schutz und Hilfe aus. Als Kammer jedoch von einem Spitzel des Lagerführers Döhring getötet werden soll, tötet Peix den Spitzel Bulla.
Als Antwort darauf lässt Döhring Peix auf dem Apellplatz vor den Augen Kammers zu Tode foltern. Kammer wird in Schach gehalten und gezwungen zuzusehen, wie Peix grausam gequält wird. Kammer selbst wird dabei in einem entsetzlichen Würgegriff gehalten. Dann schlagen sie auch Kammer. Beide Männer sterben.
Die Geschichte von Peix und Kammer ist entsetzlich. Zunächst gewinnt man ein wenig Einblick in das Leben und die Person von Kammer und dann endet das Kapitel, so wie das zweite Buch, mit diesen beiden, von Döhring befohlenen und äußerst brutal durchgeführten, Morden.


message 3: by Johanna (new)

Johanna In diesem Abschnitt haben mich vor allem die Geschichten von Kristof und Kammer berührt, sowie die des Juden Gottleb und seiner Frau. Mit Mazda kann ich etwas weniger anfangen. Er leidet gewiss unter seiner Heimatlosigkeit und seiner unglücklichen Liebe, aber er ergießt sich auch in Selbstmitleid. Auch wenn er seine Gründe hat nicht der Geheimloge beizutreten, so stößt er doch seinen Freund Bellardi vor den Kopf, der gar nicht vorhatte den Freund auszunutzen - genau das aber unterstellt ihm Mazda.
In diesem Abschnitt hat mich erstaunt wie gelungen und tiefgreifend Nadas das Entsetzen und die lähmende Ohnmacht in den Leben der Protagonisten beschreibt. Er versteht es meisterlich einen an dem Leid seiner Figuren teilhaben zu lassen. Hier zeigt sich das er ein hervorragender Autor ist - und endlich ist er nicht mehr dauerhfat auf Sexualität und Geschlechtsakt fixiert. Er nimmt dieses Thema nur noch am Rande mit auf, zugunsten der eigentlichen Handlung. Dieser Wechsel in seiner Erzählweise tut der geschichte äußerst gut. An dieser Stelle bereu ich nicht weitergelsen zu nhaben und mich durch Nadas Sumpd des Ekels geschlagen zu haben. Für diese gelungenen Kapitel hat es sich gelohnt.


message 4: by yexxo (new)

yexxo | 27 comments Schön, dass wir diese Gruppe haben! Ich muss nämlich feststellen, dass ich zum Teil völlig andere Erkenntnisse aus dem Gelesenen gewonnen habe. Vielleicht habe ich es aber auch nur falsch verstanden...
Kapitel 22 sehe ich auch so wie du, keine Ergänzungen ;-) Bei Kapitel 23 hatte ich aber ein etwas anderes Verständnis: Für mich verkörpern Madzar und Bellardi die totalen Gegensätze - Verstand und Gefühl. Madzar ist durch und durch rational bzw. möchte es gerne sein und versucht, wirklich alle Gefühle so gut es geht zu verdrängen (sah man ja schon bei Frau Szemsö). Bellardi hingegen ist der Sinnesmensch par excellence: Mit völliger Hingabe und Leidenschaft ist er Ungar und verfolgt ebenso besessen die Ziele seiner Landsmänner, alle Juden und Deutschen aus Ungarn zu vertreiben. Es ist ihm komplett unverständlich, wie jemand (in diesem Fall Madzar) diese Leidenschaft nicht teilen kann. Doch als rationaler Mensch kann sich Madzar nur eines vorstellen: Die wollen sein Geld! Das hat schon fast etwas komisches, wie er sich hier eine Verschwörungstheorie zusammenstrickt.
Bei Kapitel 24 stimme ich dir voll und ganz zu: Es ist großartig, für mich das bisher beste des ganzen Buches. Allerdings war ich der Auffassung, dass Gottlebs Frau schon von Beginn an krank war, was sich im Laufe der Zeit und mit dem Tod des Kindes dann deutlich verschlimmerte. Alleine daraus (aus diesem Wahn, dieser Krankheit) resultieren ihre Verletzungen gegenüber ihrem Ehemann. Dass sie ihm die Schuld am Tod des Kindes vorwirft, habe ich offenbar überlesen...
Das letzte Kapitel des zweiten Buches ist heftig und grausam. Anzumerken bleibt hier von meiner Seite nur, dass Peix Kammer ebenso aus ganzem Herzen liebte, mit Gefühlen jedoch nicht umgehen konnte. Zudem sollte er wohl von Beginn an mit Kammer zusammen getötet werden, denn dass er Bulla tötete, bekam vom Lagerpersonal noch niemand mit.

Das Kapitel um Gottleb und Madzar war für das mit Abstand bisher beste! Nadas kann richtig gut Geschichten erzählen und ich hoffe sehr, dass er es im Dritten Buch etwas öfters macht als bisher.


message 5: by Johanna (new)

Johanna Ich finde deine Ansicht gar nicht so verkehrt Ute. Nur denke ich das Bellardi auch seinen Teil Verdrängung in sich trägt, insbesondere was seine Frau und seine isolierte Stellung in der Kindheit anbelangt.
Zudem merkt man Mazdar an wie verletzt er ist, denn er scheint seine deutschen Wurzeln nicht verleugnen zu können, auch wenn er sich ihrer teilweise schämt.


message 6: by yexxo (new)

yexxo | 27 comments Ja, ich glaube, es gibt niemandem in dem Buch, der oder die ein wirklich 'echtes' Leben führt. Alle, aber wirklich alle verdrängen etwas oder leben so, wie sie glauben es zu müssen aber meist nicht wollen.
Und Madzar ist ebenfalls so ein armes 'Würstchen' :-) Ist weder 'echter' Ungar noch Deutscher und wird auch von keiner Seite so richtig ernst genommen. Dass das Fehlen eindeutiger Wurzeln so große Auswirkungen hat, ist für mich immer noch schwer nachvollziehbar.


message 7: by Johanna (new)

Johanna Vielleicht hilft es dir wenn du dir vorstellst was Leben zwischen zwei Kulturen bedeutet.
Da sind Traditionen, die sich unter Umständen widersprechen und man gehört doch zu beiden. das mag eine Weile keine Rolle spielen, aber in vielen Kleinigkeiten merkt man es dann wieder. Ich denke Madzar wollte unbedingt irgendwo hundert Prozent dazugehören, normal sein, eben nicht immer ein wenig Außen stehen.
Stell dir vor du bist Deutsche, hier geboren, deine Eltern sind aus der Türkei (ergänz fast jedes Land auf dieser Welt - egal) hierhergekommen. Für deine deutschen Freunde bist du Türke, eventuell "Deutscher mit Migrationshintergrund", aber eben immer noch ein wenig Türke. Für deine türkische Familie in Ankara bist du der Deutsche, der nicht einmal richtig türkisch spricht und seltsame Ansichten hat. das ist überspitzt formuliert das, was einem zu schaffen machen kann. Es muss nicht unbedingt, aber es kann.
Ich denke so ergeht es Mazdar. Und jedes Land hat seine Besonderheiten. Da gibt es teilweise schon große Unterschiede wenn wir zu unseren europäischen Nachbarn schauen.


message 8: by yexxo (new)

yexxo | 27 comments Ja, mir ist klar was du meinst, nur für mich persönlich ist es schwer nachvollziehbar, da meine Heimatverbundenheit und -zugehörigkeit sich nicht allzu deutlich bemerkbar macht. Aber du hast natürlich recht, es gibt genügend Menschen, gerade in unserer Gesellschaft, die große Probleme mit dieser fehlenden Zugehörigkeit haben.


message 9: by Johanna (new)

Johanna Für mich ist das auch weniger ein Problem, sehe mich eher als Erdenbürger denn als Deutsche.
Zwischen den Kulturen aufzuwachsen macht die einen eben neugierig und die anderen haltlos. Ich denke das hängt sehr mit der Persönlichkeit zusammen.


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