Parallelgeschichten Leserunde discussion
Kapitel 18-21
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In diesem Abschnitt steigt Nadas tiefer in die persönliche Lebensgeschichte der Protagonisten ein. Während ich mit der (verhinderten) Liebe zwischen Frau Szemzö und dem Architekten Mazda nicht so viel anfangen kann, da sich vieles in philosophischen Betrachtungen verliert, hat mir das zwanzigste Kapitel gut gefallen. Kristof nimmt einen mit in seinen Alltag, einen Tag am Ende des Krieges, an dem er um Essen für seine Familie zu besorgen, sein eigenes Leben riskieren muss. Die sehr plastisch und emotional nachfühlbar erzählte Geschichte hat mich getroffen.
Nach mehr als zwei Wochen Lesepause habe ich mich nun auch wieder in dieses Leseabenteuer gestürzt :-)Ja, das 20. Kapitel über Kristofs Kriegserlebnisse habe ich ebenfalls als sehr eindringlich und bedrückend empfunden.
Die anderen Kapitel scheinen nur zu bestätigen, was für die bisher schon bekannten Figuren des Romans bereits gilt: Beinahe alle verdrängen ihre wahren Wünsche und Gelüste, handeln wie sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird und sind alles andere als glücklich dabei. Die einzige Ausnahme schein Mazdar zu sein, der Architekt. Doch der Preis dafür ist hoch: Er will gefühlsmäßig niemanden an sich heranlassen, obwohl er sich danach sehnt, nach Liebe, nach tiefer Freundschaft. Doch er versagt es sich, und zwar nicht wie die Anderen aufgrund (scheinbarer) Erwartungen von außen, sondern durch selbst auferlegten Verzicht. Ob er damit glücklich wird...?
Und (Achtung! Ironie) endlich mal wieder zumindest homoerotische Andeutungen. Oder bilde ich mir das nur ein? Denn das Verhältnis zwischen Mazdar und seinem Freund Bellardi, dem Kapitän, zeigt gewisse Spannungen, die nicht wirklich geklärt wurden.
Schön war zudem, dass sich nur ein Satz mit einem Geschlechtsteil beschäftigte (vielleicht habe ich die restlichen auch nur wieder vergessen ;-)).
Im Kapitel um die Schifffahrt zeigt sich, dass Nadas sich ebenso auf philosophische Betrachtungen versteht und diese auch zu vermitteln weiß. Einziger Wermutstropfen: Sie sind ihm etwas zu lang geraten und ich hatte irgendwann das Gefühl, einiges schon zum zweiten oder dritten Mal zu lesen.
Das war's erst mal, aber ich bin guter Dinge, dass mein nächster Kommentar in Bälde kommt.
Das Buch ist wirklich eine harte Nuss. Nadas überlange Erklärungen an einigen Stellen muss man hinnehmen wenn man das Buch zu Ende lesen will ;-)Die angedeutete Anziehung zwischen Bellardi und Mazda geht natürlich wieder in Richtung Homoerotik. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich vermute Nadas hat selbst damit ein Problem. Es erscheint mit ungewöhnlich oft das Thema zu sein. Laut einer Statistik, die wir mal in der Schule hatten, sind 10% der Menschheit Homosexuell. Rechnet man vielleicht noch eine gewisse Dunkelziffer dazu kommt man eventuell auf 20%. Geht man vielleicht von zwischenzeitlichen Verirrungen in der Pubertät aus, dann sollten maximal 50% der handelnden Personen eine solche Neigung verspüren. Bei Nadas ist es schwer eine wirklich heterosexuelle Person zu finden. Oder habe ich da etwas übersehen. Wen würdest du als Kandidaten für eine rein heterosexuelle Orientierung ansehen?
Hm, ich glaube, Frau Szemzö wäre vielleicht eine Kandidatin. Obwohl...., gab es nicht bei dem Treffen der vier Frauen auch so eine unterschwellige Spannung zwischen ihr und der Gastgeberin? Oder vielleicht Clarissa, die Kellnerin. Aber von ihr weiß ich noch zu wenig.Ansonsten kann ich dir nur voll und ganz zustimmen: Die wenigen Heteroliebespaare sind natürlich auch homosexuell orientiert. Mir ist das schlicht zu viel, immer wenn sich so etwas wieder anbahnt, denke ich: Oh nicht schon wieder! (Nein, ich habe kein Problem damit ;-) Aber hier wird das so dick aufgetragen, dass es unglaubwürdig wird.)


Unvermittelt erinnert er sich an den Krieg, an eine Bombennacht, die er mit anderen im Keller verbrachte und die fast im Erstickungstod der Anwesenden endete.
Im 19. Kapitel kann Frau Szemzö der Versuchung ein Verhältnis mit dem Architekten Mazdar zu beginnen widerstehen. Ein Spiel aus Worten, Sätzen die eine ganz andere Bedeutung haben und beiden als Kommunikationsmittel für ihre innere Leidenschaft füreinander dient, beendet sie mit einer harmlosen Geste.
Mazdar stellt erst mitten im Gespräch fest, das er diese Frau mit sich nach Amerika nehmen wollte. Doch sie erteilt ihm durch die Blume eine Absage. Er signalisiert ihr für sie auch bleiben zu können, zu wollen. Und sie legt ihm nur die Arbeit in seine Hände. Daher nimmt er die Herausfoderung an und steckt all seine Energie darin ihr wunderschöne Praxisräume zu schaffen. Es erscheint mir fast als Geschenk an sie.
Das zwanzigste Kapitel hat mich stark berührt. Es handelt von Kristof, der in der völlig zerstörten Stadt Geschäfte sucht, in denen es noch Lebensmittel gibt. Er begegnet dabei Kriegsversehrten und Verstümmelten und sein Herz leidet stumm mit diesen anderen mit.
Kristof beschreibt wie gefährlich der Weg zu den Geschäften ist. Es herrscht Ausgangssperre und es wird scharf geschossen. Kristof erzählt nahezu gefühllos, einfach nüchtern, das einige der Umherziehenden, auf ihrem Weg erschossen werden und dann von den anderen aus der Schusslinie gezogen werden. Kristof ist auf dem Weg um Brot zu ergattern. Er stellt sich an einem Geschäft an, nur um zu hören das es Brot an einem ganz anderem gibt. Also macht er sich mit der Menge auf. Alle haben Angst, alle sind vorsichtig. Aber sie gelangen glücklich zu dem Bäckerladen, an dem es fast zu einer Massenpanik kommt, als tatsächlich Brot ausgegeben wird. Kristof steht weit hinten in der Menge und rechnet sich aus das er erst am Nachmittag dran sein werde, da tauchen russische Panzer auf. Sie fahren vorbei, alle der Reihe nach. Plötzlich schert einer der Panzer aus, senkt das Zielrohr und beschießt die Wartenden. Kristof beschreibt was passiert, kann es sehen, jedoch gar nicht so schnell registrieren, erfassen und verarbeiten. Er ist völlig erstarrt und gelähmt.
Das 20. Kapitel schafft es das stumme Entsetzen des Krieges einzufangen und den Kampf ums Überleben. Hier wird die ganze schriftstellerische Leistung Nadas`offenbar. Er kann richtig gut schreiben, einen mitnehmen, einen direkt teilhaben lassen, an dem erbitterten Kampf ums Überleben. Dieses Kapitel hat mich ein wenig mit dem Buch versöhnt.
Im 21. Kapitel macht sich Mazdar mit einem Schiff auf in seine Heimat. Auf der Reise trifft er einen Freund aus Kindheitsstagen, der Kapitän auf dem Schiff ist. Mazdas Seele is abgestumpft, er empfindet es selbst und auch das sein Heimatort nicht weniger abgestumpft ist. Er sieht Zerstörung als Erbe. Mazda gleitet hinab in philosophische Betrachtung der Welt. In diesen Weltschmerz hinein tritt sein (ehemaliger) Freund. Beide suchen nach einem Punkt anzuknüpfen, aber finden nur die Distanziertheit. Sie verletzen sich, in dem der eine den anderen nicht verstehen kann und sind noch tiefer mitgenommen, als sie die Distanz beim gemeinsamen Essen stärker wahrnehmen als zuvor.