Der Idiot discussion
Abschnitt 29
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Die Spannung hatte so zugenommen, dass ich das letzte Kapitel gleich lesen musste. Ein Finale zwischen Rogoschin und Myschkin hatte ich erwartet und trotzdem kam das Ende überraschend. Ich hätte gedacht, dass sich Rogoschin noch einmal an Myschkin vergreift. Der Fürst hat ein unglaubliches Gespür für Leid und große Probleme. Er stand im gesamten Buch immer auf der Seite der Schwachen, Leidenden, aber auch der Trinker und Betrüger. Niemandem konnte er ernsthaft böse sein, im Gegenteil, er versuchte durch sein Mitgefühl und seine Güte Leid zu lindern. Dabei beachtete er aber nie sein eigenes Wohlbefinden, so dass das Desaster seines Lebens unausweichlich wurde.Es ist schön, dass man von vielen Figuren noch Informationen zum weiteren Weg erhält. Jewgeni Pawlowitsch habe ich viele Kapitel wegen seiner ewig guten Laune in den merkwürdigsten Situation falsch eingeschätzt. Vielleicht hat der Glaube des Fürsten an ihn, ihn auch verändert. Jedenfalls ist die zarte Verbindung zu Wera Lebedjewa beiden zu wünschen.
Aglaja hat sich doch noch gegenüber ihrer Familie durchgesetzt und jemanden geheiratet, der nicht von den Eltern ausgesucht wurde und sie vor dem üblichen Rollenbild bewahrte. Jetzt bin ich der Meinung, dass sie den Fürsten nie ernsthaft geliebt hat, sonst wäre ihr sein Schicksal nicht so gleichgültig geblieben.
Nastassja war anscheinend auch nicht zu echter Liebe fähig. Sie war so sehr von ihrer Minderwertigkeit übezeugt, dass sie keine Zukunft sah und immer wieder vor Entscheidungen zurückgeschreckt ist.
Haha. :D Sehr gut, dann kann ich ja auch gestehen, dass ich schon Ende Mai mit dem Buch durch war, ab einem gewissen Moment konnte ich es einfach nicht mehr stoppen, zumal ich ein paar Tage frei hatte. ;) Den Großteil der Kapitel habe ich dann immer brav meine Gedanken in ein Word-Dokument gepackt, um sie dann rechtzeitig hier einzuspeisen, aber bei den letzten paar Kapiteln wollte ich einfach nur noch wissen, wie es ausgeht... Und auch wenn ich eigentlich von Anfang an davon ausgegangen bin, dass das alles kein gutes Ende nimmt, fand ich es doch irgendwie nochmal tragisch... Gerade für Nastassja hätte es ja aber irgendwie keine sinnvollere Alternative als den Tod gegeben, auch wenn das fies klingt. Aber irgendwie war sie ja schon so kaputt und hätte es wahrscheinlich nicht geschafft, an den Punkt zu kommen, wo sie auch selbst die Dinge zum Guten ändern will... arme verlorene Seele. :/
Die Wandlung von Jewgenij Pawlowitsch hat mich ja tatsächlich irgendwie überfordert. Da hab ich mich Kapitel für Kapitel darauf eingeschossen, ihn unsympathisch und doof zu finden und jetzt ist er einer von den Guten... und schnappt sich sogar noch Wera, die definitiv eine meiner Lieblingsfiguren ist. :-o (Ich kann mich zwischen ihr und Lisaweta Jepantschina nicht entscheiden. ;))
Um Aglaja tut es mir irgendwie auch leid... sie hat mich auf den letzten Seiten in einem Aspekt ein bisschen an Emma Bovary erinnert (wobei ich die noch ein bisschen mehr unter "hohle Nuss" abgespeichert habe als Aglaja ;)). Was ich damit meine, ist, dass sie irgendwie immer nur die "Idee" von etwas reizvoll findet, aber nicht dahinter blickt oder die Sache/den Menschen an sich sieht und schätzt. Andererseits bin ich mir nicht ganz so sicher, ob sie wirklich einfach nur unkonventionell um jeden Preis sein wollte oder ob sie nur Opfer ihrer jugendlichen Verliebtheit ist... ich meine, immerhin ist sie ja noch nicht mal 20...
@Tee&Tacheles: Ich habe mich sehr über den Kommentar gefreut. Gute Methode, sich den Text schon als Word-Datei zu speichern. Aber es wäre aus meiner Sicht auch nicht schlimm gewesen, wenn du vorab kommentiert hättest. Wer noch nicht so weit ist, muss es ja nicht lesen. Ich musste möglichst auch immer gleich etwas schreiben. Wenn ich mir mehr Zeit lasse, könnte es vielleicht durchdachter sein, aber wahrscheinlicher ist, dass ich dann schon vieles vergessen habe und gar nicht mehr schreibe. Eine Leserunde profitiert doch aber sehr von den Kommentaren. Deshalb bin ich dir und Sindy, die es demnächst geschafft haben wird, sehr dankbar, dass ihr so fleißig geschrieben habt. Mit der Gemütlichkeit dieser Runde habe ich mich noch nicht ganz angefreundet, obwohl es auch interessant sein kann, wenn Monate später noch bisher unbeachtete Aspekte beigetragen werden, ich befürchte aber, dass sich von den 23 Mitglieder kaum noch einer melden wird.Inhaltlich kann ich dir wieder zustimmen. Wenn es um Lieblingsfiguren geht, würde ich mich vermutlich für Lisaweta Jepantschina entscheiden ;-) Wera ist zwar viel freundlicher und zurückhaltender, aber dadurch auch blasser.
Oh, es gibt noch ein topic "Resümee". Da hätten meine Bemerkungen auch gepasst. Ich werde dort morgen oder übermorgen noch etwas eintragen.
So, nun bin ich auch dazugekommen die letzten Abschnitte mit einem Ruck durchzulesen. Und irgendwie hab ich das Ganze noch nicht so richtig verdaut...Um ehrlich zu sein habe ich erst gar nicht verstanden, was mit Nastassia passiert ist. Womoglich weil wir nicht wirklich viele Informationen über den Tathergang erhalten haben, aber auch da Myschkin, der sie doch aus Mitleid liebt, nicht sonderlich entsetzt über ihr Ende war.
Ja, der Tod war das einzig Sinnvolle Ende für sie, und an gebrochenem Herzen zu sterben ist nicht ihr Charakter. Aber so hatte ich mir das dann auch nicht vorgestellt...
Aber hat Rogoschin sie jetzt erlöst, oder aus Zorn oder Eifersucht erledigt? Ich wüsste das gern^^"
Myschkins Ende wirft mir auch noch ein paar Fragen auf. Was mit ihm passiert, habe ich auch erst halb überlesen (hatte heute morgen wohl noch nicht genügend Kaffee intus)
Aber ist es ein möglicher Verlauf seiner Krankheit?
Hat Dostojewski die Befürchtung demselben Ende zu erliegen?
Oder ist es eine lebende Version des ausgemerrkelten Jesus-Abildes? Die Gutmütigkeit in Person, von dem, nachdem er gegeben hat was er konnte, am Ende nichts mehr übrig bleibt.
@ Maxi: Also, ich hatte mir Anfang des Jahres noch ein Buch zu Dostojewskijs Werken gekauft... "Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller" von Horst-Jürgen Gerigk. Darin beschreibt er u.a. für die 5 großen Werke Dostojewskijs einige Interpretationsansätze. In dem Teil für den Idioten hat er einen Gedanken gebracht, den ich ganz spannend fand. Er meinte, das Besondere an Myschkin sei, dass er einerseits nur das Gute will und tut, andererseits aber auf das Böse nicht mit Widerspruch/Ablehnung und Kampf reagiert, sondern einfach darüber schweigt, wenn es ihm begegnet. Und die maximale Steigerung des Schweigens sind dann seine epileptischen Anfälle, die dann auftreten, wenn "das Böse" zu ausgeprägt ist, als dass er ihm nur mit Schweigen begegnen könnte (ich fand das insofern schwierig, weil ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, ob ich die Situation des zweiten Anfalls als Inbegriff menschlicher Bosheit interpretieren würde). Aber ich finde, grundsätzlich kann dieser Ansatz vielleicht das Ende gut erklären. Also, im Sinne von: Durch den Mord an Nastassja erkennt er, dass die Welt in Gänze vom Bösen durchdrungen ist und sich auch durch den Versuch positiver Einflussnahme auch unter Auf-Sich-Nehmen großer persönlicher Opfer nicht ausreichend zum Positiven verändern kann. Und dann ist seine Reaktion eben das absolute Schweigen und der Rückzug aus der Welt - was ihm als Idiotie ausgelegt wird. Einen sinnvollen Zusammenhang mit seiner Erkrankung im Sinne der Epilepsie halte ich für unwahrscheinlich, vor allem, weil es so akut ist... meines Wissens nach kann ein Epileptiker zwar an einem Anfall sterben und wenn man sehr viele Anfälle hat wirkt sich das langfristig auch auf die Kognition aus, aber so akut kann sich das denke ich nicht entwickeln. Und seine "Idiotie" ist ja auch eher keine organische "geistige Behinderung", sondern psychisch, würde ich jetzt vermuten. Die Jesus-Analogie finde ich auch spannend... vielleicht kann man es auch in dem Sinne deuten, dass die "Sünden" der Menschen (die er liebt, wenn auch auf irgendwie komische Art und Weise ;)) dazu führen, dass er zumindest den "geistigen" Tod findet... auf jeden Fall sehr spannende Fragen... die haben mich auf jeden Fall getriggert. :D
Mit welcher Motivation Rogoschin Nastassja jetzt getötet hat, ist auch eine spannende Frage... ich hab aber vermutlich zu "fiebrig" gelesen, um dazu eine Meinung haben zu können. Ich finde beides schwierig. Gegen die Eifersucht spricht, dass er sie ja jetzt eigentlich wieder für sich hatte, gegen die "Erlösung", dass ich ehrlich gesagt nicht glaube, dass er sich derart in die "Bedürfnisse" anderer hineinversetzen kann...
@Babette: Haha. :D Also, hätte Wera den Jewgenij Pawlowitsch nicht genommen... aber ich denke, du hast recht, Lisaweta hat einfach mehr "Schmackes". ;)
Ich hatte tatsächlich auch das Vorab-Kommentieren in Erwägung gezogen, aber irgendwie hab ich es nicht übers Herz gebracht, an dir "vorbeizuziehen" während du dich auf dem Oder-Neiße-Radweg "abstrampelst". ;) Und es waren ja auch nur wenige Abschnitte... außerdem ist das Buch ja innerlich auch noch weniger abgeschlossen, wenn man noch nicht alles kommentiert hat und man kann frischer von den Kommentaren der anderen profitieren.
Ich fand euch auf alle Fälle sehr bereichernd. (Aber das ist ja eigentlich schon Teil des Resümees ;)).
@Tee&Tacheles: Ich habe festgestellt, dass sich Radfahren besser mit Lesen kombinieren lässt als arbeiten;-)Den Interpretationsansatz aus dem Buch fand ich auch ganz anregend. Es ist ja so, dass Myschkin nie mit Wut oder Angriffen auf andere reagiert, höchstens mit Sorgen oder Angst (was sich gegen ihn selbst und nicht gegen andere richtet). Er trifft auch nie Entscheidungen, die für andere Nachteile haben könnten. Das ist selbstzerstörerisch und kann letztendlich kein Mensch auf Dauer aushalten, so wie es dann auch eintritt.
Zunächst fiel mir der Bibelspruch ein: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem" (aus Brief des Paulus an die Römer), weil ich dachte, dass Myschkin genau das versucht, das Böse mit Gutem zu überwinden. Aber wenn Paulus seine klugen Sprüche ablässt, gibt er andereseits an anderen Stellen auch zu, dass der Mensch nie so perfekt handeln kann. Vielleicht wollte Dostojewski etwas in der Art mit seinem Buch zeigen.
@Babette: Haha... das wirft aber ein gutes Licht auf dich... ich schließe daraus, du hast offensichtlich einerseits einen geistig anspruchsvollen Job und andererseits eine bewundernswerte körperliche Fitness... :DÜber die Christus-Analogie hab ich auch wirklich noch ein paar Tage nachgedacht... ein Gedanke, der mir in diesem Zusammenhang noch kam, ist dass die meisten der Figuren ja auch nicht wirklich "gerettet" werden wollen. Und weil er sich eben niemandem aufzwingt, bleibt ihm nur der Rückzug. Ich meine, hätte Nastassja sich auf die Perspektive Myschkins eingelassen, der ihr ja genau den Wert geben will, den sie sich selbst abspricht, hätte sie ja durchaus eine Chance gehabt. Und bei Rogoschin fand ich das ähnlich, dem führt Myschkin ja auch vor Augen, wohin ihn seine ungezügelte Leidenschaft führt (immerhin wird ja sein Mörder-Sein schon vorgeschattet) - aber auch er hat offensichtlich nicht die Selbstreflektion/Kraft sich für etwas anderes zu entscheiden...


XI. bis Schluss.