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Peter Stein Peter Stein > Quotes

 

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“Die Massenalphabetisierung des 19. Jh. ist nicht als eine gesteigerte Form des jahrhundertealten (Selbst-)ALphabetisierungsprozesses zu betrachten, sondern ein massiver Umbruch gewesen. Sie war keine fällige bzw. stark erwünschte Wohltat für eine bildungswillige Bevölkerung, sondern eine mit erheblichen Zwangsmaßnahmen von oben durchgesetzte staatliche Veranstaltung. Sie reduzierte das gemischte, breite Spektrum der "alten" Alphabetisiertheit auf die starre Dichotomie derer, die elementar schreiben, lesen und rechnen gelernt (und unter Umständen wieder verlernt) hatten, und derjenigen, die es nicht konnten. Erst die Massenalphabetisierung schuf das Negativbild und den Begriff des "Analphabeten", erst sie erhob zur Norm, dass ohne Garantie stattlicher bzw. staatlich anerkannter Schulbildung Alphabetisiertheit nicht anerkennbar war. Sie qualifizierte die Bevölkerung auf einem neuen Niveau literaler Kulturtechnik, das es in diesem quantitativen Ausmaß zuvor noch nie gegeben hatte. Dabei wurde billigend in Kauf genommen, dass dieser Fortschritt (den man auch als eine Form innerstaatlicher Kolonialisierung der Unterschichten bezeichnen kann) bei mehr als der Hälfte der Betroffenen mit materiell und psychisch konfliktreichen Belastungen (pädagogischer Drill, hochsprachliche Sozialisation, Disqualifizierung mündlicher Kulturmuster usw.) bezahlt werden musste.”
Peter Stein, Schriftkultur - Eine Geschichte des Schreibens und Lesens
“Die Pluralität des Lesens ist das eine, die Priorität das andere. Lesen ist, so paradox die These zunächst auch erscheint, eine menschliche Tätigkeit, die der Schrift vorausging. Sie ist sozusagen genetisch älter, denn schon lange bevor vor über 5000 Jahren die Schrift in Gebrauch genommen wurde, hatten sich im Zuge der phylogenetischen Entwikclung des Gehirns dort spezifische Regionen gebildet, die für Sprache zuständig sind und auf deren Tätigkeit sich die Kompetenz für Lesen und Schreiben aufbaut. Lesen gilt deswegen als die ältere Kompetenz, weil sie sich neurobiologisch aus der Fähigkeit des Spurenlesens entwickelte, die schon den Homo habilis und Homo erectus in den Stand versetzten, sein Überleben zu sichern.”
Peter Stein, Schriftkultur - Eine Geschichte des Schreibens und Lesens
“Das, was Bibliotheken für die Schriftkultur bedeuten, ist mit dem, was Menschen real in Gestalt von Büchersammlungen und Bibliotheksgebäuden errichtet haben, allein nicht zu erfassen. Die reale Bibliothek wird, besonders ab Beginn der Neuzeit, überwölbt von einer imaginären Bibliothek und ist insofern immer mehr und noch etwas anderes gewesen als das Gebilde, als das sie erschien. Es kann sich dabei um die nachträgliche Vorstellung von verschwundenen Bibliotheken, die es in der Vergangenheit einmal gegeben hat, oder um den Entwurf einer künftig zu verwirklichenden Bibliothek handeln. Gemeint sind aber auch utopische bzw. imaginierte Bücherorte jenseits bibliothekarischer Realutopien, d.h. literarische Fiktionen von Autoren, die den Ort und die Gestalt der Bibliothek zur Metapher eines orbis tertius machen, in dem die Bücherwelt die Lebenswelt transzendiert. [...] Der Reiz [der Bibliothek von Alexandria] ist so stark, dass ihr Untergang gleich in mehreren Varianten bzw. als eine mehrmals stattgefundene Katastrophe überliefert wurde, obwohl er höchstwahrscheinlich der ganz normale war, nämlich: schleichender Verfall und ruhmloses Ende.”
Peter Stein, Schriftkultur - Eine Geschichte des Schreibens und Lesens
“Schriftkultur ist daher immer auch als Schrift-Lesekultur zu verstehen und dieser Aspekt hat seit den frühen Anfängen des Umgangs mit Schrift zu sehr verschiedenen Formen des (Schrift-)Lesens geführt. So, wie im Laufe der kulturellen Evolution die Menschen lernten, Schrift zu entwickeln und ihre Kultur durch Schriftlichkeit zu fundieren, mussten sie zugleich auch Konzepte und Techniken entwerfen, wie und zu welchem Zweck das Aufgeschriebene durch Lektüre (wieder) angeeignet werden sollte. Schreiben und Lesen, Schrift und Lektüre stehen seitdem in einem geschichtlich geprägten Wechselverhältnis. Beide Fähigkeiten und Formen sind produktiv, keine besitzt Vorrang und keine determiniert die andere.”
Peter Stein, Schriftkultur - Eine Geschichte des Schreibens und Lesens
“[Der Geist der typographischen Schriftkultur] kulminiert in der Entdeckung des "Neuen" als Qualität sui generis, die in alle Lebensbereiche ausstrahlte. Er führte zu einem neuen Autortyp, der seine Autorschaft an die Stelle der alten Autoritäten zu setzen begann. Er führte zu einer neuen "Rhetorik der Wissenschaft", deren klassischer Ausdruck die nun aufkommende Fußnote ist. Er führte zu einer neuartigen Autorität der Druckfassung, die das Flottieren der verschiedenen Handschriftfassungen und Textredaktionen beendete. Er führte zu neuen Büchern, da neue Wissensinhalte formuliert wurden. Er führte zu neuen Darbietungsformen, weil der Text (prinzipiell so frei wie eine Ware auf dem Markt frei (verkäuflich) war) so geschrieben sein musste, dass er von anonymen Käufern/Lesern aus sich heraus verstanden werden musste. Er führte schließlich auch zu neuem Lesen und neuen Lesern.”
Peter Stein, Schriftkultur - Eine Geschichte des Schreibens und Lesens
“Die Technisierung der schriftkulturellen Produktion hatte Kehrseiten, die zumeist erst gegen Ende des 20. Jh. ins Bewusstsein rückten. Damit sind nicht allein die mentalen Einstellungsveränderungen zur massenhaft vorhandenen Schriftlichkeit gemeint, sondern die materiellen Folgen. Die Papier gewordene Welt ist "papieren" geworden, das heißt: problematisch und vergänglich. das ist ganz wörtlich zu nehmen, denn die Folgen der industriellen Papierherstellung sind Holzverschwendung, Umweltverschmutzung und Selbstzerstörung des Papiers durch Säurefraß. Letzterer ist zu einem gravierenden Problem geworden, weil gerade jene Drucktexte, die massenhaft auf dem neuen, chemisch behandelten Papier gedruckt worden waren (z.B. Zeitungen, Zeitschriften, Popularliteratur, Akten, Alltagstexte usw.) in einem Umfang von bis zu 70% vom Zerfall bedroht sind.”
Peter Stein, Schriftkultur - Eine Geschichte des Schreibens und Lesens
“Die Emanzipation vom Oralen (Schrift als Rede) war ein Abstraktionsvorgang, zugleich aber auch ein Vorgang, in dem die Schrift eine bis dahin unbekannte visuell-sinnliche Qualität (Schrift als Bild und Symbol) erhielt, [...]. Damit erreichte die Manuskriptkultur eine auch in ästhetischer Hinsicht bedeutsame Stufe, die sie von der antik-frühmittellterlichen Skriptographie abhebt und gewissermaßen reif machte für die Typographie. Anders formuliert: In diesem neuen Schreiben vollzog sich (lange vor der Erfindung der Drucktechnik) eine "Verschiebung von der Aufzeichnung des Sprechens zur Aufzeichnung von Gedanken, von der Aufzeichnung von Weisheit zur Aufzueichnung von Wissen" bzw. eine Verschiebung "vom 'heiligen Buch' zur 'Buchführung'". Was aufgeschrieben wurde, war immer weniger "Verschriftung" und immer mehr "Verschriftlichung".”
Peter Stein, Schriftkultur - Eine Geschichte des Schreibens und Lesens
“Den historisch neuen Status eines Massenmediums erhielt die Schrift nicht nur durch innovative Technisierung der Produktion, fortgeschrittene Kommerzialisierung der Distribution und weit reichende Alphabetisierung. Diese in die Breite führenden Prozesse waren zugleich neuartige Rationalisierungen von sinnlichen Erfahrungen und Beschleunigungen von intellektuellen Wahrnehmungen. Druckmaschinen wie die dampfgetriebene Rotationspresse sind keine bloße Vervielfachung der hölzernen Druckpresse, Stahlfeder und Kolbenfüller sind im Vergleich zur Gänsefeder künstliche Apparate, Bücher aus drahtgeklammertem Holzschliffpapier sind etwas sinnlich anderes als handgebundene Bücher aus Bütten- oder Velinpapier und schließlich ist das einsame Augenelesen bei ruhendem Körper ein anderer intellektueller Akt als laute Lektüre oder Lesenhören in Gesellschaft. Der "Verlust der Sinnlichkeit" (E. Schön) ist aber nicht nur als Verlust und Preis ihres Fortschritts zu sehen, sondern auch als Ausgangspunkt einer neuen Weiterentwicklung.”
Peter Stein, Schriftkultur - Eine Geschichte des Schreibens und Lesens

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