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Niklas
Niklas is on page 30
Das Buch tut weh. Dann muss es wohl gut sein.

Ich kenne viel zu viele Leute, die das Buch gelesen haben. Aber wenige haben Gespräche über das Buch mit mir angefangen.
Was ist der Grund wohl dafür? Vergessen, Verdrängung?
Mir fühlt sich bisher dieses Buch wie ein literarischer Schlag ins Gesicht an, sollte man zuletzt das „Warum“ von christlicher Gemeinschaft vergessen haben. Was denkt ihr?
Dec 27, 2025 03:35AM
Gemeinsames Leben.

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Niklas
Niklas is on page 70
Jan 21, 2026 09:47AM
Gemeinsames Leben.


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message 1: by Sebastian (new)

Sebastian Wittwer Sehr gute Frage von dir. Ich habe das Gefühl, dass das erste Kapitel bei vielen "gut" ankommt und häufig zitiert wird. Ich hätte zwei Vermutungen: Vielleicht ist die hermeneutische Reflexion von der "Theorie" zu der "Praxis" zu groß? Bonhoeffers praktische Umsetzung ist ja in Finkenwalde angesiedelt, sodass Bonhoeffers Ansatz vielleicht leider einfach nur tote Theorie bleibt? Andererseits frage ich mich, ob Bonhoeffer vielleicht einfach auch zu radikal ist --> "Wollen wir wirklich eine Einheit in der Gemeinde, die auf Christus basiert? Oder ist es nicht viel angenehmer, eine Gemeinschaft auf Interessen zu bilden?"


Ruben Nun in diesen Diskurs will ich mich unbedingt einklinken!!
Mir fallen ein paar Dinge ein, von denen ich denke dass sie wichtig sind, damit "Gemeinsames Leben" im Sinne Bonhoeffers fruchtbar wird für die Kirchen in denen wir unterwegs sind.
Zum einen wurde Finkenwalde ja bereits erwähnt. Bonhoeffer schreibt "Gemeinsames Leben" im Zuge der Gemeinschaft die er dort mit den anderen Pastoren der Bekennenden Kirche hatte. Ich denke es ist hilfreich nicht zu vergessen, dass man es hier mit einer sehr sprezifischen Form des zusammenlebens zu tun hat. Das war quasi eine Komune mit frommem und theologischem Programm. Von "Toter Theorie" kann man deshalb glaube ich nicht sprechen - so hatte Bonhoeffer mit seinen Mitbewohnern ja gerade so gelebt wie er es in "Gemeinsames Leben" festhält. Nun darf man aber nicht vergessen, dass wir in den Gemeinden in denen wir zusammen leben ja nicht die gleichen Bedingungen haben und schaffen können, wie es sie in Finkenwalde gab; Es gilt also auch "Gemeinsames Leben" für unsere Gemeinschaften zu kontextualisieren.
Als zweites würde ich gern an die Akt-Seins Dialektik in Bonhoeffers Theologie erinnern, die sich in allen seinen Werken wiederfindet und darum auch für den Diskurs über "Gemeinsames Leben" relevant ist. Die Kirche IST ob sie will oder nicht - wenn sie Kirche Christi ist - eine Gemeinschaft, die auf Christus basiert. "Wir haben uns nur durch Christus und durch Christus haben wir uns ganz und wirklich". Das ist keine ethische Aufforderung, sodnern eine Zustandsbeschreibung. Christi Kirche - ob man nun noch gemeinsame Interessen hat oder nicht - gibt es allein durch die Bindung an Christus den Mittler, der zwischen mir und der Welt, zwischen mir und Gott und zwischen mir und meinem Bruder oder meiner Schwester in der Kirche vermittelt (Dieser Gedankde wird in "Nachfolge", das in die selbe Zeit fällt, besonders deutlich). Verbunden bin ich also mit meinen Geschwistern durch und in Christus... das ist das SEIN. Dass dieses Sein nun an einen Akt gebunden ist, wie dieser Akt wiederum an dieses Sein gebunden ist, ist vermutlich das, was wir besonders stark spüren. Wo leben wir denn nun so miteinander als hätten wir unseren Bruder, unsere Schwester nun durch und in Christus ganz? Wo trauen wir uns Intimität wie in der Beichte? Wo treten wir füreinander im Gebet und im praktischen Dienst ein? Und das alles so, dass es unserer Identität gemäß ist?
Ich denke hier ist darauf aufmerksam zu machen, dass wir in und durch Christus befreit sind für das Seinsverhältnis, nicht darin und darunter gebunden. Womöglich darf man mit den Brüdern und Schwestern in Christus gemeinsam einen Weg gehen in dem das "Gemeinsame Leben" auch eine Rolle spielt. In dem Vertrauen wachsen darf, in dem man im Akt erleben kann, dass Christus uns unzertrennlich zusammenhält, in dem der Akt aber nicht als neues Gesetz das Sein gefangen nimmt.
Vielleicht erstmal so viel-- vielleicht entsteht hier ja noch ein richtig cooles, ertragreiches Gespräch, das wär doch mal was !! :)


message 3: by Niklas (new) - added it

Niklas @Ruben gut dargestellt! Ich glaube vieles fängt manches von @Sebastian auf.
Aber konkreter auf das Buch bezogen bleiben mir noch mehrere Anfragen, die mehr aus Interesse und weniger aus Protest gegenüber Bonhoeffer und seinen Gedanken hervorkommen.
In meinem bisherigen, sehr langsamen Lesestand (bis S. 31) waren es zwei Dinge, die ich hoch spannend finde: 1. Bonhoeffers Betonung der Leiblichkeit; 2. Bonhoeffers Trennung und Differenzierung von geistlicher und seelischer Liebe.

Hier kommt Bonhoeffers leicht barthianische Seite zum Ausdruck, dass es bei der „Liebe“ um den deus revelatus - die konkrete Offenbarung und konkrete Liebe - geht, nicht um einen abstrakten, allgemeinen Begriff (vgl. S. 29-31).

Mir ist hier Bonhoeffers Auffassung von „Liebe“ doch hoch spannend, gerade mit Blick auf aktuellen Diskursen zu Liebe und Embodied Emotions - sowie Bonhoeffers vorherige Betonung der Leiblichkeit zu Beginn von GL.
Auch mit Blick auf die Gedanken von Augustinus zu „Liebe“ - bzw. das Lieben - als substantiellen Teil des menschliches Geistes (De Trin IX); und auch James K.A. Smiths Rezeption von Augustins Liebes-Begriff für die Anthropologie (Mensch als liebendes Lebewesen).

Wie haltbar ist Bonhoeffers Auffassung/Argumentation von geistlicher Liebe als pneumatische Wirklichkeit, die zur seelischen Liebe (ist es die menschliche Möglichkeit?!) entgegengesetzt ist (verbessert mich!!)? Bonhoeffers Anliegen ist ja das extra nos der Göttlichen Gnade sowie die pneumatische Vermittlung in und durch Christus für die Gemeinschaft als dessen Anfang und Ende wichtig. Man könnte dies mit biographischen Erlebnissen bei Bonhoeffer erklären (Enttäuschung in der Kirche) oder es nur als pädagogische Sprachfigur deuten, weniger als konzeptuelle Aussage.

Aber andererseits frage ich mich (aus meiner Lesebrille hinsichtlich Liebe und Anthropologie), wie Bonhoeffer das beides gut miteinander in Verbindung bringt oder gerade nicht (Emotionstheorie und Göttliches Handeln).
@Ruben - Bonhoeffer würde ja gerade aus dem Handeln Christi auch ein Handeln im Leib Christi mitimplizieren - zumindest ein durch Christus vermitteltes (also ein indirektes nicht unmittelbar begründetes?) Handeln am Anderen. Aber wie soll man diesen Weg über Christus anthropologisch verstehen - oder gerade nicht anthropologisch? Möchte Bonhoeffer gar keine neue „Liebe“ im Handlungsraum des Menschen pneumatologisch erfassen? Möchte er einfach ein von Gott begründetes Handeln am Anderen hervorheben, weniger die eine bestimmte Form selbst?

Bonhoeffer unterscheidet bei „Liebe“ zwischen Eros und Agape (hier an Kierkegaard angelehnt, der aber Eros gar nicht so negativ deutet wie Bonhoeffer). Sind das zwei mögliche Modi der Liebe, oder zwei Wirklichkeiten, aus denen ein Handeln folgt?


message 4: by Niklas (new) - added it

Niklas Zudem: Bonhoeffer verbindet ja anscheinlich mit „seelisch“ ungefähr das, was gerade nicht ausschließlich vom extra nos bedingt wird.
Nun mit Blick auf „Liebe“ als Geflecht von Emotion, Gefühl und Handeln/Verhalten, ist es dennoch eine schwerwiegende Aussage für die christliche Ethik, die sich dem Liebesgebot (auch jenseits von Prinzipialisierung im Sinne Bonhoeffers) verpflichtet (ob es wohl tugendethisch oder deontologisch hier gemeint?) Versteht.


message 5: by Jonas (new) - added it

Jonas Reif Alter euch muss langweilig sein zuhause.


message 6: by Niklas (new) - added it

Niklas @Jonas Emotional Damage


Ruben @jonas... glaub das ist einfach was passiert wenn Goodreads die einzige Social-Media App ist, die du besitzt


message 8: by Niklas (new) - added it

Niklas @Jonas hat die ganze Diskussion jetzt kaputt gemacht. Danke für gar nichts


Ruben Ich versuche mich mal mit einer Antwort/oder Denkrichtung die mir plausibel scheint @Niklas.
Ich glaube Bonheoffer denkt bei der Unterscheidung zwischen seelischer und geistlicher Liebe nicht an eine psychologische sondern an eine ethische Kategorie. Mir scheint es hinzukommend nicht um eine Unterscheidung von "leiblicher" und "geistlicher" also "fleischlicher" und "geistlicher/heiliger" (im womöglich paulinischen Sinne) Liebe zu gehen, sondern einfach um zwei formen "liebenden" Verhaltens dem Nächsten gegenüber. Gerade die Unterscheidung zwischen Agape und Eros macht dies deutlich. Dabei scheint es dann vor allem um die Frage des "für mich" und "für andere" zu gehen. Während Eros dabei eine Liebesweise ist, die daran interessiert ist das gegenüber "für mich" zu erschließen - man könnte überspitzt womöglich von "konsumieren" sprechen - geht es bei Agape/der geistlichen Liebe um ein interesse am Anderen "für ihn". Geistlich/Pneumatisch wird diese "für andere" Liebe gerade weil man es hier mit Bonhoeffers ethischer Transzendenz zu tun hat: Man wird dem anderen zum Christus. Christis Liebe "pro me" also "für mich" ist es dann gerade, die in der Kirche als Christi Leib wiederum zu einer Liebe "für mich" des Subjekts außerhalb der Kirche wird. Damit ist die geistliche Liebe "für andere" in der Liebe Christi "für mich" doppelt verankert, da sie einerseits überhaupt erst durch sie ermöglicht und andererseits in der ethischen Transzendenz aufs neue ausgeteilt wird.
Zusammenfassend: Meine Vermutung ist, es geht bei der Unterscheidung der beiden Liebesformen um ethische Kategorien, nicht um psychologische Sachverhalte. Die Agape Liebe entspricht Bonheoffers ethischer Transzendenz, also dass Ich einem/einer Anderen zum Christus werde. Dieser Vorgang ist immer schon ein Pneumatischer, weil das "für andere" in Christi "pro me" doppelt verankert bleibt. Werde ich jemandem zum Christus, ist das immer eine Transzendenzerfahrung.

Dabei scheint es mir äußerst wichtig zu sein, dass man die Frage nach dem "richtigen" Motiv grundsätzlich zurückweist. Nicht zuletzt die Psychoanalyse hat uns gezeigt, dass Menschen grundsätzlich mehr als nur ein Motiv für ihre Handlungen haben und das ein Teil dieser Motive dem/der Handelnden gar nicht bewusst sind. Es geht bei der Frage nach der Liebe also nicht darum mit der richtigen Einstellung zu lieben! (Wobei ich mich hier längst von Bonhoeffers Gedankengang getrennt habe und mit ihm über ihn hinaus denke). Diese Beobachtung wäre dann auch ganz im Sinne Bonhoeffers, weil es in seiner Ethik ja gerade nicht um moralische Exzellenz, sondern um Verantwortung geht. Wichtig ist dann gerade nicht die "richtige Einstellung" - also dass ich mich darum bemühe jemanden auf korrekte Art und Weise zu lieben - sondern, dass ich mich verantwortlich meinem Nächsten Gegenüber verhalte, egal was aus mir wird. Das wäre dann jemandem zum Christus werden und ihn "geistlich" lieben.


message 10: by Niklas (new) - added it

Niklas @Ruben Danke für die nice Erläuterung. Das erklärt vieles. Aber vielleicht könnte man Bonhoeffer hier etwas kritischer lesen, und die Spannungen mehr würdigen, die er hier selbst aufmacht.
Ich werde das Buch noch weiter lesen und dann einen weiteren Take von mir formulieren. Bonhoeffer arbeitet bewusst mit Raummetaphern zur Strukturierung von seelischer (innen) und geistlicher (außen) Liebe. Grundsätzlich kaufe ich es ihm auch ab, dass er damit keine Spaltung des menschlichen Wesens verursachen möchte. Das werde ich aber nochmal kritisch betrachten wollen.


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