Gerry Stratmann's Blog

December 2, 2024

[Leseprobe] ...manchmal birgt Winteridylle eine zweite Chance

 

„Vielen Dank. Es freut mich, dasswir den Fall noch im alten Jahr zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit klärenkonnten. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein gesegnetes Weihnachtsfest.“

Erleichtert drücke ich auf die Beenden-Tasteder Telefonanlage und ziehe das Headset vom Kopf. Damit es nach den Feiertagenwieder voll einsatzfähig ist, stelle ich es ordentlich in die Ladestation.

Endlich Feierabend, aber nichtnur das.

Ich habe Urlaub!

Wie im Dezember üblich, sind dieletzten Wochen extrem stressig gewesen.

Bedingt durch meinen Beruf alsBuchhalter ist es speziell zum Jahresende hin immer etwas hektisch.

Unklare Fälle warten aufErledigung, vorbereitende Arbeiten für den Jahresabschluss stehen an und dieBonusabrechnungen müssen bis Ende März erstellt sein.

Normalerweise herrscht in dieserZeit absolute Urlaubssperre.

Meine tollen Kollegen habenallerdings dafür gesorgt, dass unser oberster Chef mir zähneknirschend vierzehnfreie Tage gewährt hat.

Seit Jahren habe ich die Arbeitender Kollegen mit Kindern übernommen, damit sie wenigstens zwischen denFeiertagen frei bekommen.

Jetzt revanchieren sie sich fürmeine Hilfsbereitschaft, wofür ich ihnen sehr dankbar bin.

Mehr als mein Job nerven mich indiesem Jahr jedoch die gehetzt wirkenden Menschen.

Egal ob während der Mittagspauseoder nach Feierabend, ständig laufen einem gestresste und extrem unfreundliche Leuteüber den Weg.

Jeder ist auf der Suche nach demultimativen Geschenk für Tante Erna, Onkel Jupp, Oma Gerti, die lieben Geschwisteroder wen-auch-immer man bedenken muss.

Seitdem ich ins Berufslebeneingestiegen bin, habe ich mich ebenfalls alle Jahre wieder in diesenWeihnachtswahnsinn gestürzt.

Tagelangen Überlegungen, wem manwas schenken könnte, folgten unzählige Stunden in überfüllten Geschäften.

Als wäre es nicht schon genug, sichdurch das Geschiebe und Geschubse zu drängeln, wird man zusätzlich aus jedemeinzelnen Lautsprecher mit nerviger Weihnachtsmusik beschallt.

In diesem Jahr wird es auf jedenFall anders laufen!

Ich steige aus dem Hamsterrad ausund morgen bin ich auf dem Weg nach Half Moon Bay in Kalifornien.

Bernie, ein sehr guter Freund,hat mir diesen Trip schmackhaft gemacht. Er hat in den höchsten Tönen von dem Gay-Hotelgeschwärmt.

Wahnsinnig gutaussehendesmännliches Personal, zahllose Single-Gäste und das für mich ausschlaggebendeKriterium – es gibt keinerlei weihnachtliche Dekorationen in dem Haus.

„Julian, kommst du mit auf einenGlühwein? So als Einstimmung auf deinen Urlaub?“ Manfreds Stimme reißt mich ausmeinen Gedanken.

Auch wenn ich sonst keinKostverächter bin, diesmal kann ich nicht mit.

„Sorry, nein. Heute muss ichpassen. Mein Flieger geht morgen sehr früh und ich habe noch nicht gepackt.“Entschuldigend sehe ich ihn an, während ich meinen PC herunterfahre.

„Du ziehst das wirklich durch,was? Flucht vor Weihnachten!“ Mit einer ausladenden Geste weist er auf dieblinkende Deko überall im Büro.

„Japp. Keine Weihnachtsgans, keinLast Christmas und kein Geheule, dassfrüher alles besinnlicher war.“ … und vor allem keine blöden Fragen vonder Familie, was mit Toni ist.

„Du Glückspilz!“, sagt Carmenseufzend, die ebenfalls an meinen Schreibtisch tritt, während sie ihren Mantelanzieht. „Meine Mutter jammert schon seit einer Woche, wie viel sie noch backenund kochen muss, und meine Schwester verteilt Listen, was ihre unerzogenenAbleger alles nicht essen dürfen.“

„Warum soll es dir besser gehenals uns?“, bemerkt Markus, unser Bilanzbuchhalter und Büroleiter.

Es sieht so aus, als würde ersich heute der feierwütigen Truppe anschließen.

Um meinen Schreibtisch herum wirdes immer voller.

Nach und nach treten fast alleKollegen aus unserem Großraumbüro heran und ich bekomme langsam Platzangst.

„Leute, ich muss echt los.“ Vorsichtigrolle ich mit dem Stuhl zurück, um niemandem über die Füße zu fahren.

Ich stehe auf und schlüpfe inmeine dicke Daunenjacke, die seit der Mittagspause griffbereit über derStuhllehne hängt. Den Schal wickele ich mir achtlos um den Hals.

Bäh … diese dicken Klamottenwerde ich in der nächsten Zeit nicht brauchen.

Wo ich die Feiertage verbringe, scheintzwar nicht unbedingt die Sonne, aber es ist keinesfalls so nasskalt wie hier.

In einem fröhlichen Durcheinanderrufen mir alle die besten Wünsche nach, während ich eilig das Büro verlasse.

~*~

„Juli, das kannst du nicht machen!“

Nina, meine geringfügig ältereSchwester, sitzt im Schneidersitz auf meinem Bett. Aufgebracht rupft sie aneinem dicken Pullover herum, den ich achtlos dort hingeworfen habe.

„Ich kann und ich werde“, entgegneich stoisch zum wohl hundertsten Mal in den letzten Wochen. „Meinst du, ichpacke meinen Koffer aus Langeweile?“

„Aber Mama und Papa! Du kannstsie doch an Weihnachten nicht allein lassen!“, jammert sie wie einepubertierende Fünfzehnjährige.

Seufzend verharrt meine Hand mitden gefalteten Shorts, die ich für wärmere Tage vorsorglich mitnehme, in derLuft. Mit schräg gelegtem Kopf sehe ich sie durchdringend an.

„Echt jetzt? Du ziehst die Arme-Eltern-Karte?Nina, du weißt genau, in ihrem Haus wird es von Freunden und Verwandten wimmeln.Den beiden wird überhaupt nicht auffallen, dass ich fehle.“

„Das stimmt doch gar nicht!“ Empörtbläht Nina die Wangen auf. „Ihr Nesthäkchen werden sie auf jeden Fall vermissen.“

„Nesthäkchen? So ein Schwachsinn!Du bist gerade mal achtzehn Minuten älter als ich, und das auch nur, weil dudich wie immer vorgedrängelt hast.“

Ich nehme meine Tätigkeit wiederauf. Das spöttische Lachen über ihre Versuche, mich zum Bleiben zu überreden,versuche ich gar nicht erst zu unterdrücken.

„Ich fliege, Nina. Punkt! Morgen werdeich an der Poolbar sitzen und einen Cocktail auf dein Wohl trinken.“

„Es wird garantiert regnen“, unktsie mit verkniffenem Gesichtsausdruck.

Nachdem ich einen Stapel Shirtsin den Koffer gelegt habe, setze ich mich neben sie. Sanft befreie ich meinenPullover aus ihren Händen, lege anschließend den Arm um ihre Schultern und ziehesie an mich.

„Gönn es mir doch, Schwesterchen.Schau, wir sind inzwischen zweiunddreißig und seit Kindesbeinen mache ich diesenganzen Rummel klaglos mit. Denkst du nicht, dass ich es verdient habe, einfachmal etwas nur für mich zu tun?“

„Du vermisst Toni, richtig?“ Ninahat sich an meine Brust gekuschelt und blickt nun fragend zu mir auf.

Mir entkommt ein tiefer Seufzer.

Meinen Ex …? MeinenArschloch-Ex?

Nina irrt sich, ich vermisse ihnschon lange nicht mehr. Inzwischen bin ich an dem Punkt angelangt, dass ich vorWut platze, wenn ich bloß an ihn denke.

Vor sieben Monaten bin ich dahintergekommen,dass der Mistkerl mich von Anfang an betrogen hat.

Seiner Verlogenheit habe ich zuverdanken, dass mir der ganze Weihnachtstrubel in diesem Jahr unsäglich auf dieNerven geht.

Das ist einer der Gründe, warumich den Heiligabend nicht bei meinen Eltern feiern will. Dort würde mir nur mitaller Macht wieder vor Augen geführt, wie viele Jahre ich an dieses Arschlochverschwendet habe.

Außerdem brauche ich Abstand vonden lieben Verwandten mit ihren dummen Fragen.

Also ab in den Flieger und neueEindrücke sammeln.

Geile Kerle, unverbindlicher Sex,besseres Wetter und ein unweihnachtliches, cooles Hotel werden mir helfen, denganzen Rummel in den kommenden Jahren wieder lockerer wegzustecken.

„Toni ist Geschichte. Begrabenund vergessen“, erwidere ich entschieden und schiebe Nina sanft von mir, umaufzustehen. „Den Pullover kannst du übrigens zusammenlegen, den brauche ichnicht.“

„Mach das doch selbst, Mister-ich-will-mich-finden-und-meine-Schwester-alleine-im-Chaos-untergehen-lassen.“Prompt fliegt der Pullover in hohem Bogen direkt in mein Gesicht.

Ich liebe meine Schwester, abermanchmal geht mir ihr Egoismus sehr gegen den Strich. Sie hat keinen Bock, sichden nervigen Verwandten allein zu stellen, daher stinkt es ihr, dass ich ihr diesmalnicht helfend zur Seite stehe.

Nina krabbelt vom Bett und stapftzur Tür. „Ich mache mir jetzt einen Kakao. Extra süß, mit Marshmallows.“

Sie hat die Tür schon hinter sichgeschlossen, als sie sie wieder öffnet und den Kopf ins Zimmer streckt. „Wannsoll ich dich morgen zum Flughafen fahren? Ich meine, falls ich jemals wiederaus dem Zuckerkoma erwache.“

Ich lächele. „Um zwanzig nachsieben geht mein Flieger.“

„Okay, ich stelle mir den Weckerentsprechend. Ach, und noch was … Ich hab dich lieb.“ Sie erwidert meinLächeln und verschwindet.

Kurz darauf höre ich sie in derKüche rumoren.

Ich gehe jede Wette ein, dass siemir gleich auch einen Becher Kakao bringt.


 

- Julian

Das ist der absolute Wahnsinn!

Ich kann nicht fassen, wie vieleLeute speziell zu den Feiertagen in Urlaub fliegen.

Am Londoner Flughafen muss ich echtkämpfen, um an den Abflugschalter meines Direktfluges nach San Franciscoheranzukommen.

Klar, ich sehe jedes Jahr in denNachrichten die Staus auf den Autobahnen. Alle wollen in die Berge, weil sienur dort die richtig tollen Skipisten finden.

Hier stehen die Menschen jedochSchlange, um nach Florida oder auf die Bahamas zu fliegen.

Der Krach um mich herum nimmt auchnicht ab, als ich endlich die Kontrollen hinter mir habe und den Wartebereich betrete.

Knappe dreißig Minuten späterverstaue ich aufatmend mein Handgepäck und setze mich hin.

Der Flieger ist bis auf denletzten Platz besetzt.

Aus den Gesprächsfetzen, die von allenSeiten auf mich eindringen, entnehme ich, dass es sich bei den Mitreisenden großteilsum Familien handelt.

Sie nutzen die Festtage, um Verwandtenoder Freunden in den fernen Staaten ihren Nachwuchs zu präsentieren.

Jetzt wundert mich auch nichtmehr, dass so viele Kinder an Bord sind, die den Lärmpegel von Stunde zu Stundesteigen lassen.

Okay, ich kann die Kidsverstehen. Für die meisten scheint es der erste Flug ihres Lebens zu sein,daher sind sie entsprechend aufgeregt. Dazu kommt die mangelnde Bewegung, undmit Gesellschaftsspielen lassen sie sich auf Dauer auch nicht ablenken.

Unsere Flugzeit beträgt ungefährelf Stunden. Ich habe das Gefühl, sie zieht sich in die Länge, wie billigerKäse auf einer Pizza.

Mein Sitznachbar verschläft fastden ganzen Flug, was an sich sehr angenehm wäre, würde er mir nicht die ganzeZeit rhythmisch ins Ohr schnarchen.

Selbst das Essen hebt meine Launenicht. Es sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus. Nach dem ersten Bissen schiebeich das Tablett angewidert von mir. Selbst Pappe dürfte schmackhafter sein.

Meinen knurrenden Magen mit Softdrinkszu besänftigen, gelingt leider nur vorübergehend.

Ich würde liebend gerne ein paarStunden schlafen, schon damit die Zeit schneller vergeht. Die Lärmkulisseverhindert das allerdings sehr effektiv.

So langsam liegen meine Nervenblank.

Meinen Start in den Urlaub habeich mir anders vorgestellt.

Welch eine Erleichterung, als dieStimme des Flugkapitäns verkündet, dass wir in wenigen Minuten in SanFrancisco landen werden.

Im Internet habe ich mich schlaugelesen, auf welcher Seite man in der Maschine sitzen sollte, wenn man einenBlick auf die Golden Gate Bridge werfenwill.

Bei meiner Buchung habe ich dasentsprechend berücksichtigt.

Allerdings stand in mehrerenForen, der Nebel wäre meist zu dicht, um sie sehen zu können.

Ich setze mich aufrecht hin undverrenke mir den Hals.

Die Bucht ist in ihrer ganzenBreite von einer wabernden Milchsuppe bedeckt. Nur die Berge im Hintergrundkann man klar erkennen.

Anscheinend hat sich die ganzeWelt gegen mich verschworen.

Wütend lehne ich mich wieder inmeinen Sitz.

Nach diesem beschissenen Flug hätteich eigentlich ein Erfolgserlebnis verdient gehabt.

Langsam rollt die Maschine überden Asphalt der Landebahn, bis sie endlich zum Stillstand kommt.

Geduldig warte ich das Gedrängeder Mitreisenden ab und stopfe in der Zeit die dicke Steppjacke, Schal, Mützeund Handschuhe in meinen Rucksack.

Ziemlich als Letzter verlasse ichden Flieger.

Jetzt noch den Koffer vomGepäckband holen und den Zoll durchqueren, dann habe ich es fast geschafft.

In der Ankunftshalle soll jemandvom Hotel auf mich warten.

So ein Shuttleservice hat was.Aber bei dem Preis, den ich für den Aufenthalt in dem Gay-Resort zahle, solltedas auch drin sein.

An der Passkontrolle gibt eskeine Probleme. Mein Visum ist okay und den Grund meines Aufenthaltes akzeptiertman ohne Nachfragen. Na, wenigstens etwas!

Meine lieben Arbeitskollegenhaben mir nämlich ein paar haarsträubende Schauergeschichten über die Einreisein die USA aufgetischt.

Meine Stimmung hebt sich, jenäher ich der Ankunftshalle komme.

Fröhlich klackern die Rollen meinesKoffers über den Fliesenboden.

Wie von Zauberhand öffnen sichdie Milchglasscheiben der elektrischen Türen, die mich aus dem Zollbereich entlassen.

~*~

Suchend sehe ich mich um.

Überall stehen Menschen mitBlumen, Ballons oder Spruchbändern. Einige haben sogar das ganze Programmaufgefahren.

Was sie alle eint, ist diefreudige Aufregung in ihren Gesichtern.

Wie es aussieht, ist für diemeisten heute der Tag der weihnachtlichen Familienzusammenführung.

Der extrem lautenweihnachtlichen Familienzusammenführung.

Rund um mich herum rufen, lachenund singen die Menschen. Ernsthaft, einige singen tatsächlich.

Genervt verziehe ich das Gesicht.

Reg dich nicht auf, Julian. Gleich sitzt du in einem bequemenAuto, das dich ins Hotel bringt.

In die himmlische Ruhe – in denwohlverdienten Urlaub.

Endlich! Da steht jemand und hältein Schild mit meinem Namen hoch.

Kurz verharre ich im Schritt, alsmir die Aufmachung des Mannes bewusst wird. Irgendwie habe ich, wenn schonnicht mit einer Livree, so doch zumindest mit einem Anzug gerechnet.

Okay, ein weißes Hemd, schwarzerSchlips und Stoffhose hätten es auch getan. Aber gelber Turban, grüne Kurta undweiße Hose sind nicht der Stil, den ich einem Angestellten meines Hotelszugeschrieben hätte.

„Ich bin Julian Lindner“, teile ichdem bunt gekleideten Mann mit.

„Ah … herzlich willkommen. Ichnehme Ihren Koffer. Folgen Sie mir bitte“, teilt er mir in freundlich-indischakzentuiertem Singsang mit.

Den Koffer reißt er mir dabeiförmlich aus der Hand.

Der Mann schlängelt sich inunglaublichem Tempo durch die Menschmassen und ich habe Mühe, ihm zu folgen. Jetztist sein farbenfrohes Outfit sehr vorteilhaft. In diesem Trubel hätte ich ihnsonst garantiert verloren.

Als ich ihn endlich einhole, seheich gerade noch, wie mein Gepäck im Kofferraum einer Limousine verschwindet.

Umgehend reißt er die hintere Beifahrertürauf und ich werde mit einladender Handbewegung und leichter Verbeugungaufgefordert, einzusteigen.

Neugierig sehe ich aus demSeitenfenster, als der Wagen den Flughafen verlässt. Alles ist so neu und ungewohnt.

Dazu gehört auch die indischeMusik, die dezent aus den Lautsprechern dudelt. Okay, ich sollte dankbar sein, dasses keine Weihnachtsmusik ist.

Sobald das verwirrendeStraßennetz der Flughafenzubringer hinter uns liegt, folgt ein Vorort nach demanderen.

Erscheint einem dieWeihnachtsbeleuchtung in Deutschland schon schlimm, wird man hier regelrechtdavon erschlagen.

Es gibt kein Haus, keinenVorgarten, keinen Baum, der nicht in kitschig-bunten Farben erstrahlt.

Überdimensionierte, aufblasbareSchnee- oder Weihnachtsmänner sind auf den Dächern befestigt. Vor fast jedem Hausfindet sich ein beleuchteter Santa-Schlitten mit Rentieren, die gerade startenwollen.

Die Fassaden der Kaufhäuser sindmit Lichterketten eingefasst und in den Fenstern hängen riesige blinkendeZuckerstangen.

Sämtliche Ortschaften sind eineinziges Lichtermeer.

Ich mag mir gar nicht vorstellen,wie diese farbintensiven Beleuchtungen im Dunklen aussehen.

Gott sei Dank ist in meinem Hotelalles anders.

Laut meinen Recherchen wird die Fahrteine knappe Stunde dauern. Sobald die Städte hinter uns liegen, werde ich denAusblick auf den Pazifik genießen können.

Obwohl ich mich riesig darauffreue, fallen mir zwischendurch immer wieder die Augen zu.


 

„Sir! Entschuldigen Sie, Sir. Wirsind da.“

Orientierungslos reiße ich dieAugen auf.

Oh Mann, ich bin tatsächlich festeingeschlafen.

Langsam öffnet sich meinBewusstsein für das Bild, das sich mir bietet.

Über dem Eingang prangt inLeuchtbuchstaben der Name des Hotels – Ocean Sea Crest.

Soweit stimmt es. Aber das ganze Drumherum …

Nein, das kann nicht mein Hotelsein, nicht das Ocean Sea Crest, das ich gebucht habe.

Fassungslos starre ich einenMoment aus dem Fenster, ehe ich meine Stimme wiederfinde.

„Sind Sie sicher, dass dies dasrichtige Hotel ist?“, frage ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch.

„Ja, Sir. Das Ocean Sea Crest.“ DerMann nickt eifrig und ist im Begriff auszusteigen.

„Es gibt in diesem Ort kein anderesHotel mit dem gleichen Namen?“, hake ich sicherheitshalber nach.

„Nein, Sir, nur dieses eine. Es istein sehr gutes Hotel. Sie werden einen fantastischen Aufenthalt haben“, beteuerter, blickt mich aber verunsichert durch den Rückspiegel an.

„Das bezweifle ich sehr“, murmleich und steige aus.

Seufzend sehe ich mich gründlicherum.

An dem Gebäude und in dervorgelagerten Grünanlage gibt es nicht eine Stelle, an der keine Lichterkette platziertoder eine Leuchtfigur aufgestellt ist.

Als wäre das nicht schlimm genug,blitzt und blinkt auch noch alles in den kitschigsten Farben.

Angewidert wende ich mich ab. MeineGüte, davon bekommt man ja Augenkrebs.

Mir bleibt keine Wahl, ich mussdas Hotel betreten, zumindest, wenn ich mein Gepäck zurückhaben will.

Das hat der sehr beflisseneFahrer bereits auf einen dieser typischen Rollwagen mit den verchromtenRundbögen-Aufsätzen geladen und verschwindet damit in der Lobby.

Ich blinzle.

Habe ich richtig gesehen? Sinddiese Rundbögen ernsthaft mit Plastiktannengirlanden und glänzenden rotenKugeln dekoriert?

Wo bin ich hier nur hingeraten?

Kopfschüttelnd folge ich dem Mann.

Kaum setze ich einen Fuß in dieEmpfangshalle, zucke ich zurück, als hätte mich jemand gebissen.

Direkt neben der Eingangstürsteht ein völlig überladener Tannenbaum.

Aus versteckten Boxen dudelt dieunvermeidliche Weihnachtsmusik. Okay, die Lautstärke ist dezent, aber für meineOhren trotzdem eine Strafe.

Ich haste zur Rezeption undschicke ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Fahrer mich doch am falschen Hotelabgesetzt hat.

„Guten Tag, Sir. Mein Name istTorry. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Mir fällt die Kinnlade herunterund ich bekomme kein Wort heraus.

Der Rezeptionist ist jung,unglaublich gut gebaut und eine echte Augenweide. Hemd, Krawatte und Weste,alles mit dem Emblem des Hauses versehen, sitzen tadellos und betonen seinegute Figur.

Was mich kurzzeitig in Schockstarreversetzt, ist die typisch amerikanische Santa-Mütze. Er hat sie neckisch schrägauf seinen dichten blonden Haaren drapiert.

„Sir?“ Torrys leise fragendeStimme erinnert mich daran, warum ich hier stehe.

„Ähm … Ja … Mein Nameist Julian Lindner. Prüfen Sie bitte, ob in Ihrem Haus wirklich eineReservierung für mich vorliegt.“

Bestimmt tritt gleich einFernsehmoderator aus seinem Versteck, grinst mich an und fragt: „Verstehen SieSpaß?“

Gibt es diese Sendung eigentlichnoch?

Wenn ja, treiben sich die Leutebestimmt nicht in Kalifornien herum.

Eifrig tippt Torry auf seinerTastatur herum, die vor einem für mich nicht einsehbaren Bildschirm steht.

Während ich warte, sehe ich michweiter um.

Selbst die Rezeption ist nichtvon Lichterketten und Tannengirlanden verschont geblieben.

Die Lobby ist sehr elegant undluxuriös ausgestattet, soweit man es unter der erschlagenden Deko erkennen kann.

Was mich bei dem regen Publikumsverkehrirritiert, ist das bunt gemischte Völkchen. Familien mit Kindern, junge Paare undältere Semester sind vertreten. Was ich allerdings gar nicht sehe, sind gleichgeschlechtlichePaare, geschweige denn allein reisende Männer.

„Ah, Mister Linden, hier habe ichIhre Buchung.“ Torry strahlt mit den blinkenden Lichterketten um die Wette.

Diesmal reagiere ich sofort, nicht,dass der Typ mich noch für einen Trottel hält.

„Lindner. Mein Name ist Lindner“,korrigiere ich.

„Natürlich, Sir.“ Torry nickteifrig. Sein Lächeln wird noch breiter und ich überlege, ob er gerade versucht,mich anzubaggern.

Ich muss zugeben, er ist eineziemliche Versuchung, aber nicht mein Beuteschema. Er ist zu jung und zuzuckrig. Ich bevorzuge die dunklen, geheimnisvollen Typen.

„Ich habe alles vorbereitet. IhreAnzahlung ist verbucht, Sie müssen nur noch die Anmeldung unterschreiben,Mister Linden.“ Dass ich den Mund öffne und den Zeigefinger hebe, übergeht ergeflissentlich. „Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein Upgrade zu geben.“ Torrysvertrauliches Zwinkern bilde ich mir nicht ein. Ganz sicher nicht.

„Wenn Sie hier bitte signierenwürden?“ Er zeigt auf eine Zeile am unteren Rand des Papiers, das er mir zuschiebt.

Suchend blicke ich über denRezeptionstresen.

„Bitte sehr.“ Hilfsbereit reicht Torrymir einen Stift in Form einer Zuckerstange.

Oh Gott. Das ist ein Albtraum! Icherwarte, jeden Moment schweißgebadet im Flieger aufzuwachen.

Die Zuckerstange wirft allerdingseine wichtige Frage auf.

„Sagen Sie, Torry. Sind dieZimmer auch weihnachtlich dekoriert?“

„Aber natürlich, Sir!“ Als hättejemand einen Knopf gedrückt, erscheint sein Strahlemannlächeln.

Welche Pillen Torry wohlschluckt, um in diesem Umfeld so eine blendende Laune zu haben? Vielleichtsollte ich ihn fragen, ob er auch eine für mich hat?

„Wie könnte es auch anders sein“,knurre ich. „Sorgen Sie bitte dafür, dass alles aus meinem Zimmer entferntwird. Ich gehe jetzt an die Bar und genehmige mir einen Drink. Wenn ichzurückkomme, möchte ich, dass es erledigt ist.“

„Die ganze weihnachtliche Deko?“Er sieht mich an, als hätte ich ihn aufgefordert, kleine Kätzchen zu ertränken.

„Bis auf die letzte Tannennadel.“

Ich nehme die Key-Card an mich,die bereits auf dem Tresen liegt. Im Weggehen wird mir bewusst, dass ich michhier noch gar nicht auskenne.

„Wo finde ich die Bar?“

„Zu dieser Tageszeit ist nur die Poolbargeöffnet.“ Er zeigt auf einen Wegweiser an der gegenüberliegenden Wand.

Na super. Noch trage ich einLongsleeve, Jeans und gefütterte Boots. Damit soll ich mich jetzt in denbeheizten Poolbereich setzen?

Statt besser, wird dieser Tagimmer schlimmer.

Eigentlich habe ich mich auf einegut klimatisierte Bar im Inneren des Hotels gefreut.

Egal. Nach diesem ganzen Desasterbrauche ich einen Drink!

Sobald mein Zimmer von jeglichemSchnickschnack befreit ist, kann ich es mir dort gemütlich machen.

Duschen, etwas Bequemes anziehenund mich von dem nervigen Flug erholen. Klingt nach einem sehr guten Plan.


 

Im Sommer gehört der Bereich, denich gerade betrete, wohl zu den Außenanlagen des Hotels.

Um den Gästen jederzeit angenehmeBademöglichkeiten zu bieten, hat man einen Teil der Fläche überdacht und mitversenkbaren Glaswänden versehen.

Überwältigt bleibe ich stehen, ummir das weitläufig angelegte Areal genauer anzusehen.

Es gibt eine Poollandschaft, einExtrabecken für die Wasserrutsche und eine Bar. Großzügige Flächen mit Liegen,die sehr bequem aussehen, dazu Sitzgruppen an denen anscheinend auch kleineSnacks serviert werden.

Jeder Bereich wird durchzahlreiche, passend bepflanzte Rollcontainer aufgelockert.

Mal sind sie mit Gitternausgestattet, an denen die Pflanzen emporranken und dadurch als Sichtschutzfungieren. Andere enthalten üppig wachsende, bunt blühende niedrige Büsche.

Am meisten erstaunen mich die biszum Glasdach reichenden Palmen.

Dabei entdecke ich, dass an denMetallstreben über den Liegeflächen zahlreiche UV-Strahler angebracht sind.Dadurch kann man selbst bei schlechtem Wetter braun werden.

Es ist verdammt voll hier.

Gäste in Badekleidung planschenin den großen Becken oder lümmeln faul auf den Liegen herum.

Die tropische Wärme, die mir beimEintreten bereits den Schweiß aus den Poren getrieben hat, weist mich nachdrücklichauf mein völlig unangebrachtes Outfit hin.

Egal! Einen Drink lang werde ich esschon aushalten.

Die Bar befindet sich linker Handund während ich auf einen der freien Hocker klettere, greife ich bereits nachder Getränkekarte.

„Guten Tag, Sir. Haben Sie schongewählt?“

„Meine linke Pobacke hat den Sitznoch nicht berührt. Wie kann ich da gewählt haben?“, brummle ich unwirsch.

Ich hebe den Blick, um dieübereifrige Bedienung in Augenschein zu nehmen.

Eigentlich sollte man meinen, indiesem Hotel könnte mich nichts mehr schocken. Irrtum!

Der Bartender, der, wie ichzugeben muss, eine sehr verführerische dunkle Stimme besitzt, trägt eineSanta-Weste mit passender Mütze.

Die Weste aus rotem Samt liegteng an seinem verboten gut geformten Körper und reicht leicht über die schmalenHüften. Der breite schwarze Gürtel mit goldener Schnalle betont seine Tailleund damit die V-Form seines Oberkörpers.

Alle Ränder sind mit flauschigemweißen Plüsch besetzt, wobei die Armausschnitte meinen Blick magisch anziehen.

Falsch! Es sind seine muskulösenArme. Die bronzefarbene glatte Haut lässt meine Fingerspitzen unruhig kribbeln.

An seinem rechten Oberarm entdeckeich ein Tattoo. Das Lederband mit einem indianisch anmutenden Amulett wirktdurch die 3D Tätowierung täuschend echt.

Eigentlich bin ich nicht so derTattoo-Liebhaber.

Meinen Körper würde ich für keinGeld der Welt mit einer in Farbe getränkten Nadel bearbeiten lassen. Allein derGedanke, was dabei alles passieren kann, lässt mich schaudern.

Was, wenn der Tätowierer falscheStiche setzt oder die Haut sich entzündet? Bei Google würde man garantiert dieschlimmsten Bilder finden.

„Kein Problem. Wählen Sie inRuhe. Ich bin hier.“

Das wissende Lächeln, mit dem ermich bedenkt, treibt mir die Schamröte ins Gesicht.

„Danke“, nuschele ich und steckemeine Nase schnell in die Karte.

Nach einer Weile habe ich michwieder gefangen und lege sie beiseite.

„Wissen Sie was?“ Entschlossen seheich dem Mann direkt in die Augen.

Okay, ich nehme den Umweg überdas Stück Haut, das durch den Ausschnitt der Weste zu sehen ist.

Zu meiner Verteidigung seigesagt, dass diese Stelle genauso samtig und verlockend aussieht, wie die Hautan seinen Armen.

Der Bartender hebt eine Braue undsignalisiert, dass ich seine ganze Aufmerksamkeit habe.

Meine Bestellung muss warten.

Haben mich seine Haut und dieMuskeln schon kurzfristig abgelenkt, gelingt es diesem markanten Gesicht mitden dunkelbraunen Augen noch effektiver.

Wow! Es hört sich vielleicht blödan, aber dieser Mann ist eine echte Schönheit.

Ich schlucke hart und räusperemich, ehe meine Stimme mir gehorcht.

„Mixen Sie mir einfach etwas. Möglichststark. Aber tun sie mir den Gefallen und garnieren Sie es auf keinen Fall …ich wiederhole … auf keinen Fall mit irgendetwas, das auch nur annäherndnach Weihnachten aussieht, duftet oder schmeckt.“

Ich ziehe die Stirn kraus.

Versucht dieser Kerl gerade, sichein Lachen zu verkneifen? Das wäre ein echter Affront!

Ach egal, was geht mich dieser Typan?

Soll er ruhig lachen.

Ich werde meinen Drink genießenund dann in meinem Zimmer verschwinden.

Die Zeit, die ich hier vertrödle,dürfte dem Personal ja wohl reichen, um allen weihnachtlichen Schnickschnack zuentfernen.

„So, bitte sehr. Einmal StrongSpecial ohne den geringsten Hauch von Weihnachten.“

Der Barmann legt eine kleineServiette auf den Tresen und stellt einen Tumbler, gefüllt mit einerbräunlichen Flüssigkeit darauf ab.

Ohne eine Entgegnung abzuwarten, gehter ein paar Schritte zur Seite und wendet sich einem neuen Gast zu.

„Danke“, rufe ich ihm nach.„Brauchen Sie meine Schlüsselkarte nicht, um den Drink auf meine Rechnung zusetzen?“

„Der geht aufs Haus. Nehmen Sie ihnals Begrüßungsgetränk.“

„Na dann … noch mal danke.“ Ichhebe das Glas und will gerade zum ersten Schluck ansetzen, als hinter mir einKind freudig ausruft: „Da ist Santa!“

Ich gucke mich um undtatsächlich, trotz der sommerlichen Temperaturen steht da ein Mann invollständigem Santa-Kostüm, umringt von kleinen Kindern mit ihren Eltern.

Mein Gott, die lassen hier aberauch gar nichts aus.

Auf diesen erneuten Schock setzeich das Glas an die Lippen und trinke es in einem Zug aus.

Keine gute Idee, wie ich Sekundenspäter spüre.

Es fühlt sich an, als würde dieFlüssigkeit auf ihrem Weg durch meine Kehle alles verätzen.

Tränen schießen mir aus den Augenund ich kann nicht mehr atmen.

„Alles gut?“ Besorgt erklingt diesonore Stimme von jenseits der Theke.

„Ja“, krächze ich und schnappemühsam nach Luft. „Alles bestens!“

Mit einer Hand umklammere ich dasGlas, mit der anderen halte ich mich am Tresen fest, um das Gleichgewicht nichtzu verlieren.

Fuck …! Ich bin doch nochviel zu jung zum Sterben.

Wenn ich schon draufgehen muss,dann bitte nicht in diesem Weihnachtswunderland. Da habe ich echt Besseresverdient.

„Hier, trinken Sie!“ Der Bartenderscheint direkt neben mir zu stehen.

Sehen kann ich nichts.Wahrscheinlich bin ich jetzt blind.

Was der schillerndenWeihnachtsdeko nicht gelungen ist, hat dieser Drink erledigt.

Mir wird das Glas aus der Handgenommen und ein neues hineingedrückt.

„Trinken!“, fordert die Stimme imBefehlston.

Soll ich das wirklich tun? Was,wenn der Typ mir jetzt den Rest geben will?

Nein, das wird er sich nicht trauen!Schon gar nicht vor den Kindern.

Was solls? Ich bekomme zwarwieder Luft, aber dafür setzt ein quälender Hustenreiz ein.

Mutig nehme ich einen Schluck,dann noch einen.

„Ist das Tomatensaft? Ich hasseTomatensaft“, ringe ich mir mühevoll ab.

„Alles andere hätte mich auchgewundert“, brummt der Bartender leise, aber nicht leise genug, um nicht von mirgehört zu werden.

„Sie machen mir ja Spaß“, echauffiereich mich.

Oh, das Kratzen hat fastaufgehört. Wie angenehm. Die Erleichterung motiviert mich dazu, meineSchimpftriade fortzusetzen.

„Erst versuchen Sie, michumzubringen und nun werden Sie auch noch frech.“ Ich setze das Glas ab undwische mir über die Augen.

Gott sei Dank, ich bin nicht erblindet.

Dass ich glasklar erkennen kann,wie eng die Jeans des neben mir stehenden Mannes seine Oberschenkel umspannt,ist Beweis genug dafür.

„Sie haben den extra starkenDrink bestellt, schon vergessen? Ich habe Ihnen das Gewünschte serviert. Siesehen alt genug aus, um eigene Entscheidungen zu treffen.“ Der Bartender verziehtsich wieder hinter die Theke.

„Wollen Sie damit sagen, ich sehealt aus?“, schnaube ich entrüstet. „Toller Service! Gehen Sie davon aus, dassSie kein Trinkgeld bekommen.“

„Von Ihnen würde ich auch keinesannehmen“, entgegnet der Mann kühl und will mich anscheinend ignorieren. Jedenfallsdreht er mir demonstrativ den Rücken zu und poliert Gläser.

Statt mich weiter so furchtbar zubenehmen, sollte ich mich lieber auf mein Zimmer verkrümeln.

Eigentlich bin ich einfriedliebender Mensch. Streitgesprächen gehe ich meist aus dem Weg. Selbst beiProvokationen dauert es lange, ehe ich mich zur Wehr setze.

Dieses Fiasko kann ich mir nur soerklären, dass die musikalische Dauerberieselung, der Schock über das Hotel undder Jetlag mich unberechenbar machen.

Um mich nicht noch weiterschlecht zu benehmen, stehe ich auf, murmle eine Verabschiedung, und gehezurück in die Lobby. Dort habe ich vorhin mehrere Aufzüge gesehen, die mich inmeine Etage bringen können.

„Ah, Mister Linden!“ Torry eiltmit einem breiten Lächeln im Gesicht herbei.

„Lindner“, korrigiere ich ihnautomatisch.

„Natürlich.“ Er nickt eifrig.„Ich wollte Sie gerade suchen. Ihr Zimmer ist fertig und ich habe mir erlaubt,Ihr Gepäck nach oben bringen zu lassen.“

Wie ein Golden Retriever, der aufsein Lob für ein braves Sitz wartet, blickt Torry mich an.

„Ich hoffe, es befindet sichwirklich keine einzige Tannennadel mehr im Zimmer.“

Zweifelnd verziehe ich den Mundund drehe mich auf den Absätzen um, in Richtung Aufzüge. Den übereifrigen Torrylasse ich einfach stehen.

~*~

Einmal tief durchatmen, dannhalte ich die Key-Card vor den Türöffner.

Nach wenigen Schritten, die mich durcheine kleine Diele in ein geräumiges Zimmer bringen, bleibe ich überraschtstehen.

Statt der sonst in Hotelsüblichen Teppichböden in grauenhaften Farben, empfängt mich hier ein hellerHolzfußboden, der dem Ganzen einen heimeligen Touch verleiht.

Das Queen-Size-Bett stehtseitlich zu einer riesigen Fensterfront, vor der zwei Rattansessel mit dickenPolstern arrangiert sind.

Ich durchquere den Raum, öffnedie breite Schiebetür und trete auf den Balkon.

Meerblick! Mein Zimmer hatMeerblick!

Das Wetter meint es heuteungewöhnlich gut. Die Sonne scheint, der Himmel ist durchgehend blau und nurwenige Wolken ziehen langsam dahin. Der leichte Wind trägt den salzigen Geruchdes Ozeans zu mir herauf.

Ja, so kann man es aushalten.

Gegen die tropischen Temperaturendes Poolbereichs ist das hier eine echte Wohltat.

Ich setze mich auf einen derHolzstühle. Sie haben die Höhe von Barhockern und ermöglichen einenuneingeschränkten Blick über das Balkongeländer.

Man sieht weitläufigeRasenflächen, unterbrochen von schmalen Kieswegen, an denen Bänke zum Ausruhen einladen.Rankbögen überdachen jede einzelne. Runde Blumenbeete unterbrechen mit buntenFarbtupfern das ansonsten einheitliche Grün.

Das weitläufige Gelände ist von einemhohen Zaun umgeben. Wohl aus Sicherheitsgründen, da es direkt an der Steilküstezum Pazifik endet.

Einen Moment genieße ich die Ruheund lausche auf das Rauschen des Meeres, ehe ich ins Zimmer zurückkehre.

Vereinzelte Sonnenstrahlen fallenauf die blütenweißen Bezüge des Bettes, bringen sie regelrecht zum Leuchten.Dadurch bilden sie einen wunderbaren Kontrast zu der mit dunklem Holzvertäfelten Kopfwand.

Der Rest des Zimmers ist insanften und teilweise kräftigen Blautönen gehalten, die sich auch in denweiteren Möbelstücken wiederfinden.

Das Ganze vermittelt einenmaritimen Touch, ohne kitschig zu wirken.

Der Innenarchitekt hat bei der Einrichtungdes Hotels einen sehr guten Geschmack bewiesen. Leider kommt der in der Lobbydurch die völlig übertriebene Weihnachtsdeko nicht zur Geltung.

Gespannt öffne ich die Tür zumBad.

Wow! Das ist mal wirklich wow!Weißer Marmor überall.

Eine geräumige, ebenerdigeDusche, zwei Waschbecken, deren braune Schalen in einem robusten Holzschrank versenktsind. Alles wirkt edel und elegant.

Zu jeder anderen Jahreszeit würdeich mich hier sehr wohl fühlen.

Okay, es wäre sogar genial, wennauch das Personal der gehobenen Hotelklasse entsprechen würde. Da hat man anscheinendgespart, und das Geld lieber in die Ausstattung investiert.

So, genug herumgetrödelt.

Ich packe rasch meinen Koffer ausund lege mir frische Wäsche parat.

Eine Dusche habe ich jetzt bitternötig, da mir meine Klamotten unangenehm am Körper kleben.

Anschließend lege ich mich für einekurze Ruhepause ins Bett. Der Timer meines Handys wird mich in einer Stundewecken.

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Published on December 02, 2024 03:35

... manchmal birgt Winteridylle eine zweite Chance


Klappentext:

Fressen Bären vordem Winterschlaf wirklich einen Wanderer?

 

Um allem zuentfliehen, was mit dem verlogenen Fest der Liebe zu tun hat, bucht JulianLindner einen Aufenthalt im kalifornischen Half Moon Bay.

Ein Gay-Hotel mitParty, aber ohne Weihnachtsdekorationen erscheint ihm genau das Richtige, nurleider entpuppt sich die Information seines Kumpels aus Deutschland als alt.

Ein Familienhotel,das vor weihnachtlicher Dekoration nur so strotzt, bringt Julians schlechtesteSeiten zum Vorschein und er ist bereit, wieder abzureisen, als er einungewöhnliches Angebot erhält.

~~~

Sky Cloudwater, derAushilfsdienst an der Poolbar des Hotels macht, trifft auf den mürrischen,ungehobelten Gast aus Deutschland, der unter seiner miserablen Laune vielKummer und Traurigkeit zu verbergen scheint.

Fasziniert von ihmmacht er ein Angebot, das er hoffentlich nicht bereuen wird: Er will Julianüber die Feiertage mit zu seinem Grandpa nehmen, der in verschneiter Idyllefernab von Weihnachtsrummel und lauten Mitmenschen lebt.

Wird sich die Launedes anziehenden Mannes dadurch verbessern, oder ist dies die schlechteste Idee,die Sky jemals hatte? 

Eine Leseprobe findet Ihr Klick

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Published on December 02, 2024 03:25

[Leseprobe] - Lucky in Chains

 

Heute ist mein neunzehnter Geburtstag und ich habe michdarauf gefreut, lange zu schlafen und einfach nur rumzugammeln. Wie es mitsolchen Vorhaben aber meist läuft – sie gehen in die Hose.

Am Himmel zeigen sich gerade die ersten hellen Streifen desheraufziehenden Morgens, als ich mich bereits unruhig im Bett herumwälze.

Verhasste Gefühle lassen mich nicht mehr schlafen. MeineVergangenheit, die unsichere Zukunft, alles dreht sich wild im Kreis, gönnt mirkeine ruhige Minute mehr.

Zur Ablenkung schalte ich den Fernseher ein. Mit einemBecher Kaffee und meiner letzten Scheibe Brot krieche ich wieder unter diewarme Bettdecke.

Die über den Bildschirm flackernden Daily Soaps solleneigentlich für Zerstreuung sorgen, machen mich aber nur wütend. Wie kann mansich als halbwegs intelligenter Mensch regelmäßig solch einen unrealistischenScheiß angucken?

Den ganzen Vormittag zappe ich durch die Sender, finde hinund wieder eine Tierdoku, bei der ich hängen bleibe. Darauf konzentrieren kannich mich allerdings nicht, weil es in meinem Unterbewusstsein weiterhinbrodelt.

Geburtstag!

Alle Welt macht ein wahnsinniges Geschiss darum. Ich habe diesenTag nie gefeiert.

Warum auch? Das einzig Gute bestand bisher darin, derVolljährigkeit ein Stück näher zu kommen.

Allerdings mache ich mir jedes Jahr selbst ein Geschenk. Ichbediene keine Freier. Von diesem Grundsatz weiche ich nicht ab. Niemals!

Am Spätnachmittag habe ich die Schnauze voll.

Vom Grübeln, dem ätzenden Fernsehprogramm, eigentlich vonallem. Zusätzlich rebelliert mein Magen, meldet lautstark, dass er gefälligstmit anständiger Nahrung gefüllt werden will.

Aus meinem Kleiderschrank krame ich weite, schlabberige Klamottenhervor. Ich will nicht mit den aufreizend engen, tiefsitzenden Jeans und kurzenShirts auf die Straße. Das ist Arbeitskleidung und auf Diskussionen mit potenziellenKunden verspüre ich keinen Bock.

Mein strohblondes Haar stopfe ich, so gut es geht, unter einBasecap und ziehe den Schirm tief ins Gesicht. Auf diese Weise will ich meinekobaltblauen Augen verbergen.

Als ich anfing, auf den Strich zu gehen, habe ich schnell begriffen,das schwule Kerle mein auffälliges Aussehen total antörnend finden. Zwar binich nicht mehr so schlaksig und ungelenk wie mit sechzehn, aber immer nochextrem schlank. Selbst mein Gesicht weist bisher keine markanten männlichenZüge auf.

Fünfzehn Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt gibt esein preiswertes Restaurant. Das Essen ist saulecker und dort verkehren nurnormale Leute.

Da ich häufig hier esse, schenkt mir der Besitzer einstrahlendes Lächeln, als ich den Laden betrete.

„Wie immer?“, fragt er.

„Japp, und gib mir ein großes Bier.“

Nach zwei weiteren kühlen Blonden serviert er mir einriesiges Steak mit Pommes und Salat.

So laut mein Magen vorher nach Nahrung gebrüllt hat, als derTeller vor mir steht, ist der Hunger wie weggeblasen. Wenige Bissen genügen undsie liegen mir wie ein Stein im Magen.

Ein dicker Kloß blockiert meine Kehle.

Nur Bier kann dieses Hindernis überwinden und davon gönne ichmir noch ein paar.

~*~

Die Hände tief in den Taschen meiner ausgeblichenen,schlabberigen Jeans vergraben, stromere ich nach dem Essen gedankenverlorendurch die Straßen.

Dämmerung breitet ihr graues Tuch über die Stadt. In diesemViertel interessiert es jedoch niemanden. Hier erwacht das Leben gerade erst.

Eine grell beleuchtete Bar reiht sich an die nächste.Verrufene Kneipen öffnen ihre Tore und verschlingen ein Publikum, dem man imHellen geflissentlich aus dem Weg gehen würde.

Spärlich bekleidete, viel zu stark geschminkte Frauenstolzieren mit wiegenden Hüften durch ihr Revier.

Gutaussehende junge Männer in aufreizend engen Hosen undkurzen Tanktops gehen ebenfalls ihrem eindeutigen Gewerbe nach.

Erst als ich mehrfach angerempelt werde, wird mir klar, woich mich befinde. Meine Füße haben mich in das obligatorische Stricherviertelgetragen.

Missmutig verziehe ich den Mund.

Tja, da haben wir es wieder.

Ich grüble ständig darüber, welcher Komiker mir den Namen Luckyverpasst hat. An glückliche Zeiten erinnere ich mich nicht, und dass ich hiergelandet bin, spricht auch nicht gerade für meinen Namen.

Verdammt! Heute wollte ich ganz bestimmt nicht hierher, abergut, machen wir das Beste daraus.

Vor der Tür meiner Stammkneipe bleibe ich stehen und atmetief durch.

Beim Betreten des Lokals vermeide ich jeglichen Augenkontaktund suche mir, möglichst weit weg von den anderen Gästen, einen Platz an derTheke.

Keine Freier heute!

Das steht so fest, wie das Amen in der Kirche.

Spricht mich jemand an, reagiere ich nicht oder knurre böse.

Potenzielle Kunden habe ich so erfolgreich vertrieben undselbst Stricher, mit denen ich schon mal quatsche, halten sich mittlerweile vonmir fern. Selbst der Wirt wagt nicht mehr, mich in eine unserer üblichenUnterhaltungen zu verwickeln.

Die irritierten Blicke übersehe ich geflissentlich.

Mürrisch starre ich auf das Glas zwischen meinen Händen.Kampftrinken ist das Motto für den heutigen Abend. Kaum ist mein Glas geleert, genügtein Handzeichen, schon steht ein frisch gefülltes vor mir.

Irgendetwas ist heute anders als an meinen vergangenenGeburtstagen.

Früher hat dieser Tag die Wut auf meine Erzeuger geschürt.Den Zorn darüber, dass sie mich so einem beschissenen Leben übergeben haben.Jetzt fluten nur schmerzliche Erinnerungen mein Hirn.

Zum ersten Mal wird mir knallhart bewusst, dass man micheinfach entsorgt hat.

Wie Abfall.

Einen Haufen stinkenden Müll.

Etwas völlig Wertloses und Unnützes.

Es wäre humaner gewesen, mich, das unerwünschte Wesen,einfach abzutreiben. Damit hätte mir die Frau, die mich in diese triste Weltgeworfen hat, eine Menge Scheiße erspart.

Während ich verinnerliche, wie viele verschissene Lebensjahrenoch vor mir liegen, rebelliert mein Magen. Mir wird übel.

Nur der Umstand, dass die Kneipe voller Gäste ist, hält michdavon ab, über die Theke zu kotzen oder in Tränen auszubrechen.

Verdammt, Lucky, reiß dich zusammen. Hör auf, über diesen Scheißnachzudenken, du kannst es eh nicht ändern.

~*~

Kühle Luft weht herein, als sich die Kneipentür öffnet undjemand das Lokal betritt. Der kalte Hauch beschert mir eine Gänsehaut.

Dicht neben mir spüre ich eine Bewegung.

Na prima! Kann dieser Tag wirklich noch beschissener werden?

Ich richte mich kerzengerade auf, hoffe, dass meineKörperhaltung genug Unnahbarkeit und Abwehr ausstrahlt, um den neuen Gast davonabzuhalten, mir auf den Sack zu gehen.

„Gib mir ein Bier.“

Ein Schauer kriecht über meine Haut.

Diese Stimme!

Tief. Samtenes Timbre.

Die Härchen an meinen Unterarmen richten sich auf, als würdemich jemand streicheln.

Verdammt! Wie kann eine Stimme mit einem dermaßen profanenSatz nur so viel unterschwellige Erotik ausstrahlen?

Der rauchige Klang dringt mir in sämtliche Poren, lässt meinBlut schneller fließen. Vibrierend legt er sich in meinen Nacken, rieseltlangsam die Wirbelsäule hinunter.

Ich wehre mich vehement gegen meine Reaktionen. Weigere michstrikt, der drängenden Neugier nachzugeben, den Kopf zu heben und meinenNachbarn zu mustern.

Keine Freier!

Als der Wirt das Gewünschte vor dem Gast abstellt, ertöntdie Stimme erneut.

„Mach dem Zwerg auch eins.“

Zwerg? Hallo! Was soll der Scheiß?

Immerhin messe ich 1,80 Meter und die fallen mitSicherheit nicht unter Zwergengröße.

Ärgerlich presse ich die Lippen aufeinander, um nichtunbedacht einen blöden Spruch loszulassen.

So ein arroganter Arsch. Auf solche Wichser kann ich garnicht. Automatisch schließen sich meine Finger fester um mein Glas, das ichbisher in den Händen gedreht habe.

„Den lass lieber in Ruhe. Lucky ist heute nicht gut drauf“, entgegnetder Wirt.

„Man sollte meinen, jemand mit solch einem Namen wäreständig gut gelaunt.“

Ich spüre, wie der Sprecher sich mir zuwendet. Seine Blickehinterlassen eine brennende Spur auf meiner Haut. Es kostet mich sämtlicheWillenskraft, meinen Kopf nicht in Richtung des Mannes zu drehen.

„Leck mich!“, fauche ich stattdessen.

„Oh, ein rebellischer Zwerg. Komm schon, gib dir einen Ruck.Trink etwas mit mir. Allein schmeckt es mir nicht.“

Verdammt! Die Stimme säuselt, schnurrt, macht mich irre.

Heute ist echt ein beschissener Tag.

Laufend passieren Dinge, die mich aus der Bahn werfen.

Ich wehre mich gegen die Verlockung, fechte einen innerenKampf, aber meine Neugier siegt. Den Kopf heben, stur geradeaus in dieverspiegelte Front hinter der Theke starren, ist eins.

Hätte ich das bloß nicht getan!

Der Anblick, der sich mir bietet, lässt mich wie einen Fischauf dem Trockenen nach Luft schnappen.

Der Mann überragt mich um mindestens zehn Zentimeter.Rotbraunes, glänzendes Haar, ebenso ungebändigt wie meins, beeindruckend breiteSchultern.

Lächelnd wendet er den Kopf und die Blicke unsererSpiegelbilder kreuzen sich.

Dunkle, in diesem Licht fast schwarz erscheinende Augen treffenauf mein Kobaltblau. Atemlos, gebannt starren wir uns einige endlos scheinendeSekunden an, ehe der riesige Kerl millimeterweise näher rückt. Unsere Schulternberühren sich und wir zucken beide wie unter einem Stromschlag zusammen.

In Zeitlupe drehe ich mich um. Dicht stehen wir einandergegenüber. Erneut kreuzen sich unsere Blicke.

Millionen von Ameisen krabbeln über meine Haut. Das Blutrauscht wild durch meine Adern, in den Ohren dröhnt mein aus dem Takt geratenerHerzschlag.

Der Mann ist … ja, anders kann man es nicht ausdrücken …er ist einfach zu schön, um wahr zu sein.

Ein ebenmäßiges Gesicht. Volle Lippen, die zum Küssen einladen.Der leichte Bartschatten bedeckt seine Wangen und das markante Kinn.

Wie in Trance gleitet meine Hand unter die offenstehendeJacke, schiebt sie zur Seite. Meine Finger graben sich in seine Hüfte, ziehenihn näher heran. Nachgiebig folgt sein beeindruckender Körper dieserAufforderung. Kein Blatt passt jetzt mehr zwischen uns.

Aufreizend reibe ich mich an ihm, lege den Kopf in denNacken, betrachte weiter sein Gesicht. Fasziniert sehe ich, wie seine Augennoch eine Nuance dunkler werden.

„Wie heißt du?“, frage ich heiser.

Mein Atem streift dabei seine weich aussehenden Lippen.Bereitwillig öffnen sie sich, saugen tief die Luft ein.

„Dave. Mein Name ist Dave, kleiner Lucky. Und du gehörst absofort mir.“

BAM!

Als wäre neben mir eine Bombe explodiert, so laut erscheintder Knall, mit dem ich in der Realität aufschlage.

Abfällig schnaubend versetze ich dem Kerl einen heftigen Stoß,so dass er zwei Schritte rückwärts taumelt.

„Vergiss es! Ich gehöre nur mir und für einen Zuhälterarbeite ich mit Sicherheit nicht“, knurre ich zwischen zusammengebissenenZähnen hindurch und wende mich meinem Bier zu.

Die anfängliche Faszination ist verflogen, zurück bleibtleichtes Bedauern.

Ich brauche niemanden, der meine sauer verdiente Kohlekonfisziert. Erst recht keinen Scheißkerl, der mir die Fresse poliert, wenn dieKasse nicht hoch genug ist.

„Ich bin ganz sicher kein Zuhälter. Wir sollten uns unterhalten,dabei erfährst du auch, was ich beruflich mache. Was hältst du davon?“

„Hau ab! Lass mich in Ruhe! Ich bediene heute keine Freier.“

Ich nehme mein Glas und verziehe mich an einen Tisch in derhintersten Ecke des Lokals.

Auf dem Weg dort hin, starren mich die Gäste an. Manchebelustigt, andere süffisant grinsend. Zwei Stricher, die ich flüchtig kenne,erheben sich umgehend und streben Richtung Theke.

Genau, sollen die sich mit dem arroganten Spinnerbeschäftigen. Für mich ist das Thema durch.

~*~

Habe ich geglaubt, den Kerl durch meinen Abgang zuverscheuchen, werde ich schnell eines Besseren belehrt.

Kaum zwei Minuten später wabert sein betörender Duft um michherum.

Ehe Dave sich auf dem Stuhl mir gegenüber niederlässt, zupfter mir mit einer blitzschnellen Bewegung das Basecap vom Kopf.

Wutentbrannt hebe ich den Blick, sehe, wie seine dunklenAugen mich intensiv mustern.

„Na, sieh einer an, was da zum Vorschein kommt! Warumverbirgst du deine ungewöhnlichen Reize unter dieser blöden Kappe? Dazu deinefurchtbare Kleidung. So kannst du aber nicht viele Freier anlocken.“

Hitze bringt meine Wangen zum Glühen. Zu meiner Wut überseine Aufdringlichkeit gesellt sich Scham wegen meines abgerissenen Äußeren. Ichsenke den Kopf.

„Das ist Absicht. Ich will heute keine Freier bedienen und nurso kann ich sie mir einigermaßen vom Leib halten. Geh zurück an die Theke.Einer der Jungs bedient dich gerne. Wenn du genug zahlst, kannst du sogar beidehaben. Ihre Klamotten entsprechen wohl eher deinen Ansprüchen“, murmle ich.

„Die interessieren mich nicht. Sag mir lieber, warum du ständigbetonst, dass du heute nicht arbeiten willst?“

„Das geht dich nichts an. Ich will nicht. Basta! Hau endlichab und lass mich in Ruhe.“

Auch wenn ich mehr zur Tischplatte spreche, bin ich froh,meine Stimme wieder im Griff zu haben, um meine Worte energisch und abweisend klingenzu lassen.

Ich muss den Kerl unbedingt loswerden. Seine Fragen wühlen michnur weiter auf, bringen die ganzen blöden Gedanken und Gefühle, die mich schonden ganzen Tag verfolgen, zu sehr an die Oberfläche.

Scheiße, was ist bloß mit mir los? Nervös fahre ich mir mitbeiden Händen durchs Haar.

„Komm schon, Lucky. Erzähl es mir. Du machst mich immerneugieriger.“

Dave beugt sich über den Tisch, greift an mein Kinn und zwingtmich, ihn anzusehen.

Verdammt! Verdammt! Verdammt!

Die über dem Tisch befindliche Lampe leuchtet sein Gesichtaus. Seine Augen haben, wie ich jetzt erkennen kann, die Farbe bittererSchokolade.

Aus ihnen strahlen mir Mitgefühl und ehrliches Interesseentgegen. Ein freundliches Lächeln kräuselt seine Lippen.

Mein Herz setzt ein paar Takte aus, schlägt danach aufgeregtweiter, will mich dazu bringen, ihm zu vertrauen.

Was ist mit meinem Schwur, auf solche Anzeichen nie wiederhereinzufallen? Schließlich habe ich als kleines Kind schon gelernt, dass Freundlichkeitund Verständnis nur so lange vorgespielt werden, bis der andere erreicht hat,was er will.

Dieser Kerl kratzt jedoch mit seinem Verhalten an meinemPanzer, hat bereits tiefe Risse und Löcher verursacht.

Ausgerechnet heute bin ich nicht in der Lage, mich gegen solcheAngriffe zu schützen.

Wo sind die verdammte Wut und der Starrsinn, wenn man siebraucht?

Kunden sorgen sich nicht um einen Stricher.

Warum jetzt dieser Typ?

Ausgerechnet einer, der mir gefährlich unter die Haut geht.

Meine Abwehr bricht zusammen, mein Blick verschwimmt.

Ich blinzle, will die massiv heraufdrängenden Tränen vertreiben.Es gelingt mir nicht ganz, einige Tropfen finden den Weg über meine Wangen.

„Schluss jetzt! Du brauchst Ruhe. Ich zahle, danach fahrenwir zu mir. Dort wirst du mir sagen, was los ist. Vielleicht kann ich dirhelfen.“

Die rauchige Stimme, der fordernde Klang, dieHilfsbereitschaft, alles lässt mich schaudern.

Mein Kopf ist wie leergefegt.

Ohne weiter nachzudenken, erhebe ich mich. Mit müder Gestewische ich die nassen Spuren von meinem Gesicht und folge Dave.

Er begleicht beide Rechnungen beim Wirt. Meinen halbherzigenProtest stoppt er mit einer energischen Handbewegung. Gemeinsam verlassen wirdas Lokal.



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Published on December 02, 2024 03:08

November 11, 2024

Lucky in Chains


 

Klappentext:

Lucky hat einen Grundsatz: Sein Geburtstag ist der einzigeTag im Jahr, an dem er seinen Körper nicht verkauft.

Heute wird er neunzehn und will diese Tradition fortsetzen,aber er hat die Rechnung ohne den mysteriösen Fremden gemacht, der ihn mitseinem Sandelholzduft benebelt und Lucky dazu bringt, ihm nach Hause zu folgen.

Eine erzählte Lebensgeschichte später ändert sich alles.

Aus Frust und Kummer werden Wollust und Leidenschaft, dieihm die heißeste Nacht seines Lebens bescheren.

Alles könnte so gut sein, wenn …

… tja, wenn Lucky nicht an ein Bett gefesselt in einemunbekannten Raum aufwachen würde.


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Taschenbuch folgt noch.


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Published on November 11, 2024 05:01

October 24, 2023

Das Kaiserreich der Gottesträne - Vorwort

 Im nachstehenden YouTube Video bekommt Ihr einen Vorgeschmack auf die demnächst erscheinende High Fantasy Trilogie meiner besseren Hälfte, Nathan Jaeger.



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Published on October 24, 2023 08:12

October 3, 2023

Kätzchenzähmen ist nichts für Weicheier

 


Klappentext:

Tyler Felonsteins Bestimmung führt ihn um die ganze Welt undnirgendwo hält er sich länger als nötig auf. Er sieht, was normalen Menschenverborgen bleibt, und bekämpft als flüchtiger Schatten in der Nacht dieMonster, die die Menschheit auf die eine oder andere Art bedrohen.

Sein neuester Auftrag bringt ihn in die nächtlichen Gassenvon Hamburg und dort hat er gleich mehrere unliebsame Begegnungen.

 

Torben Fuchs ist ein erfolgreicher Comicbuchautor. SeineSuperhelden sind dabei nicht nur Unterhaltung für die Leser, sondern bieten ihmselbst die Möglichkeit, seine Zeit am Zeichentablett mit diesen großen, starkenMännern zu verbringen, die ihn im wahren Leben schlicht übersehen.

Eine merkwürdige Beobachtung in der Gasse neben seinem Haus liefertihm die Idee für eine brandneue Serie.

In seinem Kopf und im Computer entsteht ein neuer Superheld,der dem Fremden aus der Gasse sehr ähnlich ist, aber wieso steht ebendieserTraummann plötzlich in Torbens Bürotür und verlangt, dass er mitkommt?

Eine Leseprobe findet Ihr hier: Klick

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Published on October 03, 2023 03:15

[Leseprobe] Kätzchenzähmen ist nichts für Weicheier

 

Ich hasse die Nacht, hasse das, was sie aus mir macht, aberdanach hat noch nie jemand gefragt.

Wieso nicht?

Wieso interessiert es niemanden, ob ich können will, was manmir auferlegt hat?

Nacht für Nacht laufe ich durch die Straßen irgendeinerStadt, eines Dorfes, einer Metropole, doch nie erreiche ich mein Ziel.

Nie finde ich, was ich wirklich suche.

Die Einzigen, die mir begegnen sind Obdachlose, Polizisten,Gangster …

Nun ja, so ganz stimmt das nicht.

In dieser Nacht schlendere ich ziel- und planlos durch dieStraßen von Hamburg. Es hat einen Grund, wieso Libby mich hierher geschickthat, aber noch kenne ich ihn nicht.

Erst vor zwei Wochen bin ich aus Indien zurückgekehrt.

Ein Seufzen entkommt mir in Erinnerung an das Chaos, das ichdort erlebt habe.

Mit einem heftigen Kopfschütteln versuche ich, die grausamenund brutalen Bilder loszuwerden.

Mein Leben besteht aus Blut, Tod, Tragödien.

Nichts davon habe ich je gewollt oder gar verlangt!

„Du willst mich doch verarschen“, knurre ich und bleibe ineiner schmalen Gasse stehen, ohne mich umzuwenden.

Nur mein Kopf dreht sich nach links und ein verächtlichesSchnauben entkommt mir.

Das tiefe Grollen der Gestalt keine zwei Meter hinter mir lässtmich bösartig grinsen und ich warte auf eine echte Reaktion desjenigen, derversucht hat, sich an mich heranzuschleichen.

Niemand von seiner Art kann das.

Ich bin der Schild, der seinesgleichen abwehren kann.

Soll ich ihn näherkommen lassen?

Mit einem sicherlich furchtbar hochmütigen Gedanken hebe ichdie Sicherheitszone um mich herum auf und warte ab.

Das anhaltende Grollen wird zu einer rauen Stimme. Sehrtief, kaum entzifferbar, aber ich verstehe die Sprache, in der er spricht,verstehe jede Sprache, in der seine Gattung sich artikulieren kann.

„Du wirst heute Nacht sterben“, erklärt er, was mir ein weiteresSchnauben entlockt.

„Ich vermutete ja schon, dass du mich verarschenwillst …“, sage ich und strecke meinen rechten Arm aus.

Er kommt näher und während er sich in Sicherheit wiegt,materialisiert sich das einschneidige Schwert aus purem Licht, das in meinemArm ruht, wenn ich es nicht brauche.

Eine einzige, fließende Bewegung, dann rollt der Kopf meinesMöchtegern-Angreifers in die Schatten zwischen ein paar Kisten, die halbherzigzu den Müllcontainern gestellt wurden.

„Das wird dich nicht schützen“, grollt der Kopf dumpf ausdem Müllhaufen und ich trete näher heran, um ihn mit meinem Stiefelherumzudrehen.

„Würdest du bitte nicht so nuscheln?“, verlange ich höflich,als sich sein Gesicht zu mir wendet.

„Du hältst dich für schlau, Felonstein, aber du solltest hinund wieder hinter dich blicken.“

Im nächsten Moment begreife ich mit einem Fluch, dass ichtatsächlich nicht mit weiteren Angreifern gerechnet habe, und dieser hier nureine Ablenkung war.

Ich schaffe es nicht, meinen Schild wieder aufzubauen, bevorsich glitschige, schwarze Tentakel um meinen Hals schlingen und unerbittlichzudrücken.

Shit! Tyler, tu was!

Ich drehe mich, soweit ich kann, und verteile Hiebe undSchläge mit meinem Schwert. Das Licht schneidet durch die Tentakel und ichklappe nach Luft ringend zusammen.

Eine Falle! Eine gottverdammte Falle mitten in Hamburg!

„Pavois!“, flüstere ich mühsam und spüre, wie meinSchutzschild sich ausdehnt, mir die Feinde vom Leib hält und sie zugleichangreift.

Ich hasse die Nacht.

Ich hasse mein Leben.


 

Puh! Endlich bin ich mit dem Großreinemachen in meinemSchlafzimmer fertig.

Es wurde echt langsam Zeit. Seit Monaten habe ich die frischgewaschenen Klamotten immer nur in die Schrankfächer gestopft, meine Schuhebeim Ausziehen in irgendwelche Ecken getreten und die schmutzige Wäsche hinterhergeworfen.

Als ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich michumgesehen und festgestellt, dass ich ein echter Chaot geworden bin.

Geworden ist gut. Meine Mutter hat mich Zeit meines Lebensals Dreckspatz und Schlampe bezeichnet. Damit lag sie vollkommen richtig, dennich war schon als Kind eine Katastrophe in Bezug auf das Halten von Ordnung.

Damit ist jetzt Schluss!

In ein paar Tagen werde ich vierundzwanzig und es ist an derZeit, erwachsen zu werden.

Natürlich nicht in allen Bereichen, denn als Comic-Zeichnermuss ich die Welt mit anderen Augen betrachten. Ich darf auf keinen Fall meineFantasie ausbremsen, muss meine eigenen Realitäten bewahren, in denen ich alsSuperheld die Menschheit vor bösen Mächten oder Dämonen beschütze.

Okay, Superhelden putzen in ihren Abenteuern nie, aber ich willauch nicht länger in meiner Unordnung leben.

Immerhin verlangen die Bosse meines Verlages, dass ich zweimalim Monat zu einer Besprechung antanze. Vor jedem Termin werde ich hektisch,weil ich waschen oder bügeln muss, damit meine Klamotten halbwegs anständigaussehen.

Obwohl ich total kaputt bin, bin ich stolz auf mich.

Alles liegt sortiert und ordentlich gefaltet in den frisch ausgeputztenFächern. Die Schuhe stehen im dafür vorgesehenen Regal und alles, was ich schonlänger nicht mehr getragen habe, befindet sich in zwei großen stabilen Plastikbeutelnan der Tür.

Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr.

Hm, nach Mitternacht. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass esschon so spät ist.

Egal! Jetzt bringe ich meine Arbeit auch zu Ende.

Wohnungsschlüssel einstecken, die ziemlich schweren Säckeschultern und ab nach unten.

In dem Acht-Familien-Haus, in dem ich wohne, stehen dieMüllcontainer in einer schmalen Nebenstraße an der Hauswand.

Sobald ich die ziemlich dunkle Gasse betrete, höre ichkomische Geräusche.

Es dauert etwas, bis sich meine Augen an die Dunkelheitgewöhnt haben, aber dann sehe ich einen ziemlich großen Mann, der blitzschnelleBewegungen mit seinem rechten Arm vollführt. Man könnte meinen, er kämpft miteinem Schwert.

Tiefes Grollen, wie von einem Bären, dringt zu mir herüber.

Ich stelle meine Last möglichst leise ab, schleiche zu denMüllcontainern und ducke mich dahinter.

Der Mann spricht mit jemandem, obwohl ich außer ihmniemanden sehen kann.

Nach einer schnellen Drehung nähert er sich den Containernund ich ziehe den Kopf ein, damit er mich nicht bemerkt.

Erneut murmelt er vor sich hin, wonach ein triumphierendesGrollen erklingt.

Der Fremde dreht sich um, fuchtelt wieder mit dem Arm.Danach röchelt er, als bekäme er keine Luft, und kippt um wie ein gefällterBaum.

Ohne nachzudenken, schieße ich aus meinem Versteck und eileauf den am Boden Liegenden zu.

Er flüstert etwas, aber in meiner Aufregung verstehe ichkein Wort.

Ich knie neben ihm nieder, rüttle leicht an seiner Schulterund frage: „Geht es Ihnen gut? Was ist passiert? Kann ich Ihnen helfen?“


 

Kann diese Nacht noch schlimmer werden?

Sie kann. Offensichtlich.

Jemand hat mich gesehen und vermutlich auch mitbekommen, wieseltsam ich mich benommen habe.

Weder mein Schwert noch meine Angreifer sind für normaleMenschen sichtbar.

Ich rolle mich am Boden zusammen und blinzle nach oben.

Hm, ein Mann, zu sauber für einen Obdachlosen, zu normalgekleidet für einen Bullen oder einen Gangster …

Ich atme tief durch und springe auf, warte, bis er sichwieder erhoben hat und lasse mein Schwert in einer beiläufigen Bewegung zurückin meinen Arm gleiten.

„Es geht mir gut“, antworte ich und wende mich zum Ausgangder Gasse, an der der milde Lichtkegel einer Straßenlaterne den Bürgersteigbescheint.

Der Typ folgt mir, auch wenn ich ihn viel lieber losgewordenwäre.

„Was ist los mit Ihnen? Wieso sind Sie einfach so zu Bodengegangen nach Ihren … Ninja-Bewegungen?“

Ich bleibe seufzend stehen und wende mich ihm zu.

„Alles ist in Ordnung. Ich bin gestolpert. Danke für IhreSorge, aber ich muss jetzt gehen.“ Ohne auf seine Antwort oder weitere Fragenvon ihm zu warten, schiebe ich meinen Mantel beiseite und die Hände in dieTaschen meines Hoodies, bevor ich die Straße hinab wandere.

Er wird mir hoffentlich nicht folgen und ich habe für heutewirklich die Schnauze voll!

Tja, vielleicht hätte ich die Messlatte für eine Scheißnachtin Hamburg nicht so tief hängen sollen, denn nun beginnt es zu allem Überflussauch noch zu schütten wie aus Kübeln.

Trotz meines halblangen Ledermantels werde ich innerhalb vonSekunden vollkommen durchnässt und wünsche mir im Stillen einen Schutzschildgegen Regen …

Wieso hat noch keiner an so was gedacht?

Hm, vielleicht, weil der Fluch, den irgendeinSonnenscheinchen sicherlich als Gabe ansehen würde, offensichtlich dazu gedachtist, mich für irgendwelche Missetaten in sämtlichen Vorleben zu bestrafen.

Tropfend wie eine Katze, die in der Badewanne gelandet ist,betrete ich das kleine, heruntergekommene Hotel, in dem ich derzeit wohne.

Man könnte echt meinen, Hamburg hätte für mich mehr zubieten als Hinterhalte und Hotels, in denen mehr Leben in als auf den Matratzenzu finden ist …

Egal.

Ich muss jetzt erst mal ultraheiß duschen und wieder warmwerden, anschließend sollte ich meinen Laptop nutzen und das Netz durchsuchen,um herauszufinden, wieso dieser Wicht von einem Besiedler es schaffen konnte,mich so abzulenken!

Ich muss mit Stan reden, nur er kann mir sagen, wie dasüberhaupt möglich war!

Selbst nach der Dusche, mit einem Handtuch um die Hüften undwieder warm, spüre ich die unerbittlichen Griffe der Tentakel um meinen Hals.

Ich strecke den Nacken und drehe den Kopf, um dieVerspannungen loszuwerden.

Nachdem ich mich halbherzig angezogen habe – Sweatpants,T-Shirt, Socken – werfe ich mich mit einem angewiderten Blick auf das Bett undziehe den Laptop an mich heran.

Stan zu mailen, geht schnell. Er wird mich anrufen, wenn erirgendwelche Hinweise findet, denen ich folgen kann.

Immerhin bin ich hier in der Stadt, die man das Tor zur Weltnennt, weil ich von Stan und Libby hergeschickt wurde …


 

Wie ein begossener Pudel, im wahrsten Wortsinn, stehe ichnoch ein paar Minuten in der Gasse und gucke diesem extrem unfreundlichen Typennach.

Ja, er hat sich für meine Sorge bedankt, aber in einem Ton, derdeutlich ausdrückte, dass meine Fragen ihn nerven und ich mich verpissen soll.

Nass wie besagter Hund stapfe ich durch den Hausflur nachoben.

Meine Nachbarin wird morgen wieder anklingeln und meckern,dass ich Pfützen im gesamten Treppenhaus hinterlassen habe.

Die alte Schnepfe findet jede Woche einen Grund, mich fürirgendwelchen Scheiß anzumaulen. Völlig egal, ob ich der Verursacher war. Sielässt mich auch nie zu Wort kommen, gibt nur ihre Tirade von sich, dreht sichum und geht.

Meine Mitmenschen gehen mir mittlerweile immer mehr auf denSack. Sei es beim Einkaufen, Autofahren oder einem Spaziergang im Park.

In den Läden wird man angerempelt, Entschuldigungen sind einFremdwort geworden. Auf den Straßen sind zum Großteil hirnlose Idioten unterwegs,die drängeln oder einem kackfrech die Vorfahrt nehmen.

Noch schlimmer sind allerdings diese alten weißen cisMänner, die meinen, sämtliche Wege in den Parks wurden nur für sie und ihreFahrräder gebaut. Klingeln, damit man weiß, es nähert sich ein Rad, istvollkommen out. Mit wenigen Millimetern Abstand zischen diese Typen an einemvorbei, dass man fast einen Herzinfarkt erleidet. Wenn man etwas dazu sagt,werden sie auch noch rotzig.

Für mich ist die Welt zu einem furchtbaren Ort verkommen.Rücksicht, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind Worte, die nur noch imDuden existieren.

Es sollte also niemanden wundern, wenn ich mich in meinerWohnung einigle und nur im äußersten Notfall nach draußen gehe.

Diese negativen Gedanken sorgen dafür, dass ich mir wütend dienassen Klamotten vom Leib reiße. Im letzten Moment fällt mir ein, dass ich ja ordentlicherwerden will, daher hänge ich alles auf das kleine Trockengestell an derHeizung.

Sobald ich unter der Dusche stehe und das angenehmtemperierte Wasser meine kalte Haut erwärmt, schweifen meine Gedanken wieder zuder merkwürdigen Szene in der Gasse.

In der ganzen Aufregung habe ich die Gefühle, die mich beimZusehen überkamen, gar nicht registriert. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ichum den unfreundlichen Typen herum eine extrem starke Aura von Bedrohung wahrgenommenhabe.

Trotz des heißen Wassers jagt diese Erinnerung eine dickeGänsehaut über meinen gesamten Körper.

Ich trete aus der Dusche und ziehe nach dem Abtrocknenmeinen flauschig-warmen Bademantel an.

Meine Fingerspitzen kribbeln, ich muss zeichnen! Sofort!

Mit wenigen Strichen skizziere ich das Szenario in derGasse.

Ein großer Mann, ganz in schwarz gekleidet, hält einblitzendes, silbernes Schwert in der Hand und kämpft gegen … schemenhafte Monster.

Während ich die Zeichnung betrachte, ergeben dieArmbewegungen des bärbeißigen Kerls endlich einen Sinn.

Ich schließe die Augen, spule die ganze Begebenheit inmeinen Gedanken wie einen Film nochmals ab.

Eindeutig! Er hat gegen jemanden gekämpft, hat mit diesemWesen auch gesprochen, obwohl ich nur angsteinflößendes Grollen und Brummengehört habe.

Meine Finger mit dem Zeichenstift fliegen über das nächste Blatt.

Ich hauche den Monstern Leben ein, lasse sie den Helden vonallen Seiten angreifen. Köpfe rollen, Tentakel fallen zu Boden, sobald sie sichum den Hals den Kämpfers geschlungen haben.

Triumphierend steht er am Ende da, hat alle Ungeheuer vernichtet.Von ihnen bleibt nur eine schwarze, wabernde Pfütze zurück.

Yeah! Ich habe eine neue Graphic Novel im Kopf, die ich beider nächsten Sitzung mit den Verlagsheinis vorstellen werde. Mal sehen, was dieseoft mäkeligen Herrschaften davon halten.

Am liebsten würde ich sofort damit beginnen, die Eröffnungssequenzmit meinem Zeichentablett am PC zu erstellen, aber es ist schon verdammt spätund ich brauche meinen Schlaf.

Außerdem, wenn mich eine Idee gepackt hat, suchen mich meistsehr intensive Träume dazu heim und so entwickeln sich sehr viele Folgen mit demSuperhelden.


 

„Hey Ty, wir sind gelandet und sitzen im Taxi. Sag mirbitte, dass du nicht wieder die hinterletzte Kaschemme als dein Domizil für denAufenthalt in einer wunderschönen Stadt wie dieser ausgesucht hast“, plappertLibby mir in die noch nicht ganz wachen Ohren und ich setze mich abrupt auf, ummir über das Gesicht zu reiben.

„Äh … doch. Sucht euch was anderes, ich komme zu euch,wenn ihr eingerichtet seid“, antworte ich und sehe mich gähnend in meinemwirklich gruseligen Hotelzimmer um.

Die vergilbte Tapete stammt sicherlich noch aus den Zeiten,in denen man im Hotel rauchen durfte …

Egal, ich sollte mich besser auf Libbys endloses Geplapperkonzentrieren, bevor sie mich anbrüllt oder auflegt, bevor sie ein Hotelgefunden hat.

Stan und Libby sind meine besten Freunde, wenn ich so etwashabe. Beide haben gewisse Fähigkeiten und helfen mir, die Typen zu finden, dieich vernichten soll.

Meist finden diese Kreaturen jedoch mich – wie gesternNacht.

„Wir sind im dem Congresszentrum angeschlossenen Hotel,vierzehnter Stock, Zimmer 1428“, erzählt sie mir und ich muffele eineBestätigung.

„Bin in einer Stunde dort.“

Smartphone weg, raus aus dem Bett und nichts wie ins Bad.Dieser winzige Raum sieht erstaunlich sauber und ordentlich aus im Vergleichzum Schlafzimmer.

Duschen, rasieren, Zähne putzen, anziehen, dann verlasse ichmit Schlüsseln und Portemonnaie das Hotel, um mich auf den Weg zu machen.

Hinter dem heruntergekommenen Haus auf dem Parkplatz stehtmein Leihwagen. Ich steige ein, programmiere den Namen des Hotels in meine Navigationsappund fahre los.

Ich muss zugeben, jetzt in der Mittagszeit – ohne Regen undmit hin und wieder durch die Wolkendecke brechenden Sonnenstrahlen – istHamburg wirklich wunderschön.

Eine Schande, dass mich nicht ein Städtetrip, sondern einkomplizierter Auftrag hergeführt hat.

Ich benötige weniger lange, als ich dachte, und fahre in dieTiefgarage unterhalb des Congresszentrums.

Die Fahrt mit dem Aufzug erspare ich mir – enge Metallkästenan vergleichsweise dünnen Stahlseilen gefallen mir nicht.

Außerdem ist das Treppensteigen ein guter Ausgleich fürJogging, mit dem ich mich sonst gern fit halte.

Stan öffnet mir die Tür zu einer Suite und ich sehe mich miteinem verächtlichen Grinsen in dem unglaublich gemütlich und schöneingerichteten Hauptraum um.

Libby grüßt mich von jenseits eines gewaltigenBlumengestecks auf dem Esstisch und ich umrunde ihn, um sie zu begrüßen.

Wie immer sitzt sie im Schneidersitz auf ihrem Stuhl undhackt mit fliegenden Fingern irgendwelche Buchstabenfolgen in ihren Laptop.

„Hey, wie war der Flug?“, erkundige ich mich.

„Sehr gut“, erwidert Stan. „Setz dich, wir wollen gleich denZimmerservice anrufen, also solltest du dir schon mal was aussuchen.“

Er legt mir eine edel aussehende Karte hin und ich schnaubeüberrascht, als ich meine absolute Leibspeise – Cheeseburger mit Fritten –darauf entdecke.

Ich beschließe, den angegebenen Preis zu ignorieren und Stannimmt meine Bestellung auf, bevor er den Zimmerservice anruft.

Libby winkt mich näher.

„Hamburg hat etliche Kameras auf den Straßen, die denVerkehr überwachen. Aber die Gasse, in der du warst, habe ich natürlich nichtauf Film gefunden. Dafür die Hauptstraße, über die du da hineinmarschiertbist.“

Ich sehe über ihre Schulter und blicke auf das Video, dassie abspielt.

Bevor sie etwas sagen kann, sehe ich den Typen, der mich inder Gasse angesprochen hat.

Er schleppt zwei Säcke um die Hausecke und verschwindet.

„Er war zu derselben Zeit in der Gasse wie du, Ty“, sagt sieund klingt besorgt.

Ich nicke und setze mich seufzend neben sie an den Tisch.Mit beiden Händen fahre ich mir durch mein zotteliges Haar und seufze. „Er mussmich gesehen haben. In jedem Fall hat er mitbekommen, dass ich zusammengeklapptund am Boden gelandet bin.“

„Aber nicht, wie du gekämpft hast?“, hakt Stan nach, derseine telefonische Bestellung beendet hat und näher tritt.

„Doch, ich denke, er hat es gesehen. Aber da er weder meineAngreifer noch Salvatia sehen konnte, dürfte er mich einfach für einenverrückten Spinner halten.“

Den Namen meines Schwertes erwähne ich selten, und als iches jetzt tue, wird mein rechter Arm warm und ich massiere ihn gedankenverloren.

„Du hast mit ihm geredet? Hat er dich angefasst?“, will Stanalarmiert wissen.

Ich sehe zu ihm hoch und blinzle, während ich darübernachdenke. „Hm, er hat meine Schulter berührt, als ich am Boden lag. Er knieteneben mir.“

„Merde!“, entfährt es Libby und ich kichere verblödet.

„Seit wann fluchst du auf Französisch?“

„Lenk nicht ab, Ty! Wenn er dich berührt hat, könnte erReste von den Angreifern angefasst haben!“, weist Stan mich zurecht.

Ich weiß, dass er recht hat, aber ich kann es sowieso nichtmehr ändern!

„Mach mich nicht an, Stan“, sage ich genervt. „Der Typ hatnichts gesehen, also wird er nach Hause gegangen sein und alles ist gut.“


 

Nach einer fürchterlichen Nacht reißen mich die imDauerbetrieb schrillende Türklingel und heftiges Wummern gegen meineWohnungstür abrupt aus dem Schlaf.

„Torben! Mach auf, ich weiß, dass du da bist!“, brülltjemand mit panischer Stimme.

Niko! Mein bester Freund und einer der wenigen, der näher anmich herankommt.

„Boah! Was veranstaltest du denn für ein Theater? Ist jemandgestorben?“, frage ich mürrisch, nachdem ich ihn reingelassen habe.

Mit in die Seiten gestemmten Armen guckt er mich aufgebrachtan.

„Ja! Ich dachte, du liegst hier tot rum. Weißt dueigentlich, wie spät es ist?“

Nach einem Blick auf mein linkes Handgelenk verstehe ich,was er meint. Es ist zehn nach zwei und ich war mit ihm um zehn Uhr zumFrühstück verabredet.

„Oh verdammt, tut mir echt leid. Ich war die halbe Nacht wach,weil mich ultramiese Träume immer wieder aufgeschreckt haben.“

„Dann ist es ja gut, dass ich Brötchen mitgebracht habe. Duhast hoffentlich Belag im Haus?“ Wie eine Trophäe schwenkt er einen Stoffbeutelvor meiner Nase hin und her.

„Ja, habe ich. Deck schon mal den Tisch, ich springe schnellunter die Dusche.“

Kaum habe ich die Badezimmertür hinter mir geschlossen,überkommen mich Beklemmungen und Angst.

Ich gucke mich um, ziehe sogar den Duschvorhang zur Seite,aber hier ist niemand.

Der Blick in den Spiegel lässt mich zusammenzucken.

Himmel, ich habe dunkle Ränder unter den Augen und überhauptsehe ich aus, als hätte ich drei Wochen nicht geschlafen.

Nach dem Duschen, Zähneputzen und Rasieren bin ich zumindesthalbwegs vorzeigbar.

Allerdings ist das ängstliche Gefühl immer noch da undbegleitet mich auch ins Schlafzimmer, während ich mich anziehe. Erst als ichwieder im Wohn-Esszimmer stehe, verschwindet es.

Nico war echt fleißig. Der Tisch ist gedeckt, aus den Kaffeebechernsteigt Dampf auf und verbreitet seinen aromatischen Duft.

„Danke, du bist mein Lebensretter“, sage ich albern, um wenigstensden Eindruck zu erwecken, ich wäre wieder okay.

„Jaja, und jetzt hock dich hin. Ich will wissen, warum du soscheiße aussiehst. Was ist passiert?“

Nach den ersten Schlucken aus meiner Tasse erzähle ich Nico,was ich gestern Nacht in der Seitenstraße beobachtet habe.

„Warte, ich zeig es dir.“ Ich springe auf und hole dieZeichnungen aus dem Arbeitszimmer.

Kurz verharre ich, da mich schon wieder diese komischenGefühle überkommen. Anscheinend passiert das, wenn ich allein bin.

Ich ignoriere die körperweite Gänsehaut und gehe wieder zuNico.

Er sieht sich an, was ich zu Papier gebracht habe.

„Hast du diese Dämonen oder was auch immer sie sind,wirklich gesehen?“, fragt er.

„Nein, natürlich nicht. Aber nachdem ich den Kerl gezeichnethatte, schwirrten die Bilder der Angreifer plötzlich durch meinen Kopf.“

„Echt genial! Daraus kannst du wirklich was machen. Aber duhast mir noch nicht gesagt, warum du kaum geschlafen hast.“

Gute Frage. Wenn ich ihm erzähle, wie real diese Monster inmeinen Träumen waren, hält er mich für verrückt.

Ich habe die Viecher gerochen, ihre gutturalen Laute gehörtund sie haben mich umzingelt, mir den Atem geraubt …

Danach bin ich dann jedes Mal schweißgebadet aufgewacht.

Nico sieht mich die ganze Zeit aufmerksam an.

„Ach, Albträume halt. Ich erinnere mich aber nicht anEinzelheiten“, wiegle ich ab.

Er gibt ein „Hm“ von sich und ich sehe ihm an derNasenspitze an, dass er mir nicht glaubt.

Da ich nicht weiter darüber reden will, wechsle ich dasThema.

Nico ist in erster Linie Illustrator von Kinderbüchern füreinen Verlag. Da man davon allein nicht leben kann, arbeitet er nebenbei fürWerbefirmen und entwirft ansprechende Verpackungen für Nahrungsmittel und Getränke.Damit hat er auch sein Studium finanziert.

„Wie ist denn bei dir die Auftragslage? Hast du viel zutun?“ Hoffentlich lässt er sich damit ablenken.

„Ich kann nicht klagen. Eigentlich habe ich gar keine Zeit,so lange bei dir rumzusitzen“, erklärt er und lacht.

„Dann sieh zu, dass du deine Brötchen mampfst und dannverschwindest.“

„Charmant wie immer, Torben. Wundert mich nicht, dass dieKerle nach einem One-Night-Stand weglaufen.“ Breit grinsend sieht er mich an.

„Ach, jetzt werden wir auch noch persönlich“, pampe ich undgrinse fies.

Er weiß, dass ich es nicht böse meine oder beleidigt bin. Soreden wir immer miteinander.

Eine halbe Stunde später verabschiedet er sich wirklich und sobaldich die Wohnungstür geschlossen habe, bekomme ich wieder diese Beklemmungen.

Ich suche alle Räume ab und schließe sämtliche Fenster,sogar die Schlüssel an Schranktüren drehe ich herum.

Es hilft nichts, das miese Gefühl bleibt und sämtlicheHärchen auf meinen Armen stehen zu Berge.

Torben, du hast einen Knall! Geh arbeiten, dann bleibt dirkeine Zeit, über diesen Scheiß nachzudenken.

Ich will nicht hören, was Libby mir am Telefon erzählt, alsich nach zwei ereignislosen Nächten wieder in der Nähe der Gasse unterwegs bin,in der der Besiedler mich in eine Falle hat tappen lassen.

Auch wenn mir so etwas wie Angst oder das Gefühl vonaufsteigender Furcht vollkommen abgehen, weil es schlicht nichts zu fürchtengibt für jemanden, der beinahe in jeder Nacht gegen die fiesesten Dämonenkämpft, bereiten mir die letzten Ereignisse Sorgen.

Nicht einmal meinen eigenen Tod fürchte ich. Mein Platz inder Hölle ist längst reserviert und es wird ein endloser Spaß werden,ausgerechnet mit denen das Nachleben zu verbringen, die ich persönlich in dieKreise der Hölle geschickt habe.

Ich finde, der Vergleich mit einem erfolgreichen Detective,der in den Knast gesperrt wird, in dem die Hälfte der Insassen seinetwegeneinsitzen, passt wirklich gut.

Nun ja, ich sollte vielleicht lieber zuhören, was Libby zusagen hat.

Gestern haben sie und Stan die Gasse über dieVideoüberwachung im Auge behalten. Der Kleine, der seinen Müll mitten in derNacht loswerden wollte, hat sein Haus nur einmal verlassen. Sich dabei ständigumgesehen, ob ihn jemand verfolgt hat.

Im Gegensatz zu mir ist Libby sehr besorgt und Stan hat sichbereits zweimal mit mir gestritten, damit ich ihre Sorge ernster nehme.

Fällt mir im Traum nicht ein!

Ich habe das Video gesehen, in dem er wie ein verschrecktesKätzchen über den Bürgersteig geschlichen ist.

Vielleicht hat er einfach eine Macke oder er mag seineMitmenschen so gern, wie ich meine?

„Libby … Was soll ich deiner Meinung nach machen? Inder Gasse campen und abwarten, ob er wieder auftaucht? Wieso sollte er?“,meckere ich und sehe mich um, ob mich jemand reden hört.

Libby und Stan sind seit gestern in einem Haus schräggegenüber der Gasse und haben bemerkt, dass der mögliche Zeuge meinernächtlichen Tätigkeiten manchmal seine Jalousetten auseinanderschiebt, umrauszusehen.

Insgesamt erscheint Libby dieses Verhaltenbesorgniserregend.

Natürlich, sie hat einen sechsten und siebten Sinn fürsolche Dinge.

Wenn sie vermutet, dass er mit seiner Berührung an meinerSchulter ein Tor in die Hölle aufgestoßen hat, durch das er nun heimgesuchtwird, dann ist das durchaus im Bereich des Möglichen.

„Und was, wenn ein Besiedler bei ihm einzieht?! Du klingelstjetzt bei ihm und fragst, ob er in Ordnung ist!“, schimpft sie mich an und ichschaffe es nur mit Mühe, nicht nach oben zu ihrem Beobachtungsposten zu sehenund ihr einen Vogel zu zeigen.

„Du spinnst doch! Libby, wenn du nachsehen und dichvergewissern willst, dann machst du das. Ich komme, sobald du Hilfe brauchst,aber ich bin für diese Samariternummer nicht gemacht!“, zischele ich.

„Ich weiß“, sagt sie und die zwei Worte klingen mehr wie eintiefes Seufzen.

Stan murrt im Hintergrund, sicherlich hört er zu …

„Stan, du kannst sie begleiten. Wenn ihr was findet, seheich es mir heute Nacht an.“

Noch ist es nicht dunkel, aber es ist bereits nach 18Uhr.
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Published on October 03, 2023 03:05

September 1, 2023

Flirt in Florenz

 


Klappentext:

Jannik Gerards ist mit seinen Motorradfreunden auf großerTour nach Italien, um Strand, Kultur und Menschen zu erleben.

In Florenz auf der Piazza della Signoria treffenseine Freunde und er auf Daniele, einen smarten Halbitaliener, der nicht nurmit seinen Händen, sondern auch mit seiner Zunge sehr flink sein kann.

~*~

Daniele Weißenberg verbringt seine Sommer in Florenz, um alsStraßenkünstler die Touristen in Portraits oder Karikaturen zu zeichnen. Zudemgenießt er das süße Leben an jedem Wochenende mit einem anderen Urlauber.

Im Herbst wechselt er zurück nach Deutschland, um imRistorante seiner Eltern zu kellnern.

Eine Leseprobe findet Ihr hier: Klick

Ebook bei Amazon

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Published on September 01, 2023 09:37

[Leseprobe] Flirt in Florenz

 

Ich liebe meinLeben!

Ganz ehrlich, ichmeine das nicht ironisch.

Die Sonne scheint, diewunderbare Stadt Firenze, in der ich momentan lebe und arbeite, bietet miralles, was ich brauche und will.

Kultur, gutesWetter und Kundschaft.

Ich bin Zeichner,portraitiere Touristen, die auf der Piazza della Signoria umherwandern,weil sie als Etappenziel ihres Sightseeings die Uffizien oder die Statuen ander Piazza auf dem Plan haben.

Nun ja, die meistensind wohl wegen der David-Replik hier. Mit Abstand das beliebteste Ziel derTouristen aus aller Welt.

Etliche meinerKollegen sitzen deshalb tagsüber wie ich auf einem der quadratischen, etwastuhlhohen Betonpoller auf der Piazza und warten unter Sonnenschirmen oderPavillons neben ihren Staffeleien, Klappstühlen und ihrem Handwerkszeug aufMänner, Frauen und Kinder, die wahlweise eine Karikatur oder ein Portrait mitnach Hause nehmen wollen.

Ich weiß nicht mehrgenau, wie viele Kohle- und Kreidezeichnungen ich heute verkauft habe.

Mit routiniertenGriffen und Bewegungen raffe ich die Einrichtung meines Freiluft-Ateliers aufmeinem Handwagen zusammen und mache mich nach Grüßen an meine Kollegen auf denHeimweg.

Ein paar Straßenweiter befindet sich das Ristorante Ponte Vecchio, das mein OnkelGennaro betreibt.

Das gesamte,mehrstöckige Haus gehört ihm und eines der Zimmer im zweiten Stock ist meinZuhause.

Ich ziehe denKarren durch eine Tür im Hinterhof und parke ihn ordentlich in dem kleinenVerschlag unter dem ersten Treppenaufstieg, dann gehe ich nach oben zu meinemnach meinen Wünschen eingerichteten Apartment. Es hat sogar ein eigenes Bad,für dessen Reinigung ich genauso selbst verantwortlich bin wie für meingeräumiges Zimmer. Eine Küchenzeile wollte ich darin nicht, weil ich so oder soimmer zum Essen nach unten gehen kann.

Nach einergründlichen Dusche, mit der ich den Schweiß des Tages von mir wasche, gehe ichins Erdgeschoss, das im Hinterhaus die große Küche und vorn auf zwei Etagen dasLokal beherbergt.

Kaum bin ich durchdie Tür, die auf der Lokalseite die Aufschrift ‚Privato‘ mit eineminternationalen ‚Durchgang verboten‘-Schild trägt, gegangen, schon ruft meine Nonnamich mit überschwänglich-mütterlichem Ton an den Familientisch nahe der Küchein einer Nische. Die Familie sitzt keineswegs vom restlichen Publikum desLokals getrennt, sondern mehr oder weniger auf dem Präsentierteller.

Mich hat das niegestört, dabei konnte ich an bestimmten Abenden nämlich durchaus den einen oderanderen Augenschmaus von Touristen entdecken.

Wie heißt es soschön? Das Auge isst mit, in diesem Fall gern in zweierlei Hinsicht.

Meine Großeltern,mein Onkel und zwei Tanten, die allesamt in Italien geblieben sind, treffensich nahezu täglich hier im Ristorante. Nicht zu vergessen einigeCousins und Cousinen …

Alle Mitgliedermeiner Familie, die sich in Firenze aufhalten, sind abends hier, um gemeinsamzu essen.

Ich umarme meineNonna genauso wie sie mich, dann nehme ich lächelnd Abstand und lasse mich aufmeinem Platz am Tisch nieder.

Einer meiner Neffenrennt mit einem Spiel-Flugzeug aus Schaumstoff an mir vorbei und macht ein sehrfeucht klingendes Brummgeräusch dazu.

Ich kichere.

„Vinnie, ichglaube, dein Flugzeug muss in die Waschstraße. Deine Hände übrigens auch“, sageich amüsiert.

Sofort erklärt mirder Fünfjährige, dass ihm meine Idee mit dem Flugzeug-waschen ausgesprochen gutgefällt und startet durch, um zum privaten Waschraum der Familie zu rennen.

„Wenn du ihm schonso einen Unsinn erzählst, geh gefälligst mit und sorge dafür, dass ich ihnnicht noch mal komplett umziehen muss“, meckert meine Cousine gutmütig undscheucht mich mit wedelnden Handbewegungen hinter Vinnie her. „Los! Los!“

Lachend stehe ichauf und gehe dem Jungen nach.

Ich finde ihn amWaschbecken auf einem kleinen Tritthocker. Das Wasser läuft bereits und dasFlugzeug ist nass, ebenso Vinnies leicht speckige Ärmchen.

„Hey, hey! DasFlugzeug muss baden, du musst nur die Hände waschen, Knirps“, sage ich undnehme ihm das Spielzeug ab.

Wir kriegen es hinund ich liefere meinen Neffen wieder bei seiner Mutter ab.

Vinnie klettertneben ihr auf seinen Stuhl mit Sitzpolster und ich hocke mich auf meineneigenen.

Das Essen istgemütlich, laut und fröhlich, was den Touristen an den anderen Tischen sehr zugefallen scheint.

Ich vermute, wirstellen mit unserem ganz normalen Alltag eine Art Attraktion dar …


 

Oh Mann, ich guckejetzt bestimmt zum zwanzigsten Mal auf die Uhr, da ich den Feierabend herbeisehne.

Hennes, unserPolier, grinst frech und trompetet von der anderen Hausseite: „’Ne halbe Stundenoch, Jannik, dann kannst du deine Karre packen und Organspender spielengehen!“

„Du kannst so einArsch sein!“, brülle ich zurück.

Seit einem schwerenAutounfall vor ein paar Jahren hat der Gute einen echt schrägen Humorentwickelt, nicht nur in Bezug auf seine eigene Person.

Kann man ihm aberauch nicht verdenken.

Lange Zeit standsein Überleben auf Messers Schneide. Aber Hennes ist ein Kämpfer. Allerdingsist er seitdem auf einem Auge blind und sein rechtes Bein ist im Knie sehr steif.

Unser Bauleiter unddie rechte Hand des Chefs, Siegfried Piepenbrink, hat sich sehr dafüreingesetzt, dass Hennes trotz seiner Handicaps in der Firma bleiben konnte.

Morgen früh um achtUhr treffe ich mich mit fünf Freunden auf dem Hof der Dachdeckerfirma Holtkamp.Von dort starten wir mit unseren Motorrädern in Richtung Vada an derMittelmeerküste.

Kilian Denning,einer der Firmeninhaber und Chef meines Freundes Berthold Knopp, von allen nurBertie genannt, hat darauf bestanden, uns mit einem anständigen Frühstück zuverabschieden.

Wir haben dieseTour seit über einem Jahr geplant und freuen uns wie doof, dass es endlich losgeht.

Mit dabei sindneben meiner Wenigkeit und Bertie, noch Gernot Evens, Marc Hartmann und SvenSchäfer, alle drei Arbeitskollegen von mir. Dazu kommt noch Jörg Kerner, seinesZeichens Kripobeamter in Weidenhaus.

Endlich ist esvierzehn Uhr und ich verabschiede mich von den Kollegen unserer aktuellenBaustelle.

„Fahrt bloßvorsichtig, Jannik. Ich will euch alle in drei Wochen wieder heile begrüßenkönnen“, gibt mir Hennes nach einer fetten Umarmung mit auf den Weg.

„Machen wir,versprochen. Aber du weißt selbst, wie viele Idioten auf den Straßen unterwegssind.“

„Leider wahr. Rufan, sobald ihr angekommen seid. Die Clique hat mich dazu verdonnert, im ChatBescheid zu sagen.“

„Alles klar, aberjetzt muss ich los. Die Karre packt sich nicht von allein und ich muss vorhernoch einkaufen. Wir wollen unterwegs ja nicht verhungern.“

Ich setze meinenHelm auf und schwinge mich auf meinen ganzen Stolz. Eine mattschwarze Goldwing,ausgestattet mit allen Schikanen der neuesten Technik.

~*~

Kurz vor acht biegeich in die Hofeinfahrt von Holtkamp Bedachungen und wundere mich über dieunzähligen geparkten Autos.

Sobald ich den Helmabsetze und auf dem Bock deponiere, höre ich, dass hier schon am frühen Morgender Bär steppt.

Adriano Celentanos Azzurro schallt zu mir herüber und vieleKehlen unterstützen den Song mit mehr oder weniger erträglichen Stimmen.

Von wegen – ruhigesFrühstück vor dem Aufbruch.

Sobald ich mich derWiese hinter dem neuen Bürokomplex nähere, sehe ich die halbe Cliqueversammelt, samt der kompletten Familien von Kilian und Wolf.

„Was ist denn hierlos?!“, brülle ich gegen die Gesangsdarbietung an.

„Na, wir lasseneuch doch nicht in Urlaub fahren, ohne uns anständig zu verabschieden“,erwidert Kilian, nachdem er mir die Hand gereicht hat.

Günter Holtkamptaucht neben mir auf und stupst mir den Ellenbogen in die Rippen. „Könnt ihrauf dem Rückweg nicht über Maranello fahren und mir einen Ferrari mitbringen?“,fragt er schelmisch grinsend.

„Aber sicher,Günter, und anschließend lassen wir uns von deiner Frau erschießen“, gebe ichzurück und lache.

„Hallo Jannik,erzählt mein Onkel wieder dummes Zeug?“ Wolf, Kilians Ehemann, reicht mirebenfalls die Hand.

„Ach, nur einScherz am Rande. Aber jetzt gehe ich das Frühstücksbuffet plündern, ehe dieverfressene Bande alles wegfuttert.“

Es ist fast halbzehn, ehe wir endlich aufbrechen können.

Wir winken allennoch mal zu, dann düsen wir los in Richtung Autobahn.

Vor uns liegen fast1.300 Kilometer, ehe wir den Campingplatz in Vada erreichen. Dort wartet einHolzbungalow mit allem erdenklichen Luxus auf uns.

Nach ungefähr achtStunden Fahrt erreichen wir ohne große Staus unser Etappenziel in Andermatt.

Nach einer Übernachtungim Hotel, geht es am nächsten Morgen weiter zur Großglockner Hochalpenstraße.

Die lässt man sichals Motorradfreak natürlich nicht entgehen, wenn man schon mal in der Gegendist.

Durch die tollenAussichtspunkte an der Hochalpenstraße haben wir eine Menge Zeit verloren undtreffen erst gegen sechzehn Uhr auf dem Campingplatz ein.

Nachdem wir uns indem traumhaft schönen Bungalow eingerichtet haben, kümmern sich Jörg und Bertieum das Abendessen. Heute wird gegrillt, dazu gibt es frischen Salat und jedeMenge Bier.

Ich schicke rascheine Nachricht an Hennes, damit er unsere Freunde unterrichten kann, dass wirgut angekommen sind. Für morgen kündige ich ein längeres Telefonat an, um ihmmehr über die aufregende Fahrt über den Großglockner zu berichten.

Anschließend helfeich Bertie bei der Schnippelei für die Riesenportion Salat.

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Published on September 01, 2023 09:36

[Leseprobe] Maskerade mit Folgen

 

Ich. Bin. Verzweifelt.

Anders lässt es sich jedenfalls kaum erklären, dass ichgenau heute genau hier bin.

Mit einem stummen Seufzen sehe ich mich um und zupfe erneutabsichernd an der Augenmaske, die ich zu meinem Kostüm trage.

Wahlweise würde ich auch gern meine nackten, gut trainiertenOberarme verdecken …

So ein Quatsch!

Ich renne doch nicht dreimal in der Woche ins Fitnessstudiound gehe an den anderen vier Tagen schwimmen, um jetzt meinen hart erarbeitetenKörper zu verstecken!

Dennoch frage ich mich zum wiederholten Male, wieso es mirnach dem Gespräch mit meinem besten Freund Peer als gute Idee erscheinenkonnte, heute auszugehen. Hierher!

Ich bin nun Popeye … Nun ja, ein Seemann vermutlicheher.

Weiße Bügelfaltenhose, mit zwei Reihen Knöpfen auf dem Bund,ein hautenges, ärmelloses Shirt mit blau-weißen Querstreifen, dazu ein Halstuchim selben Dunkelblau, das sich auch im Shirt zeigt.

Ebenso blaue Segelschuhe mit weißer Sohle komplettieren meinOutfit, sehe ich vom weißen Matrosenhütchen und der Maske ab.

Laut meinem besten Freund, der heute mit seinem Verlobten zueinem Valentins-Dinner im La dolce Sofiaverabredet ist, sitzt die Hose an mir schlicht perfekt, und bringt besondersmeinen Arsch gut zur Geltung.

Jenen halte ich deshalb vorzugsweise außer Sichtweite unddrücke mich lieber weiterhin an der Wand des Ballsaals herum, in den es mich heuteverschlagen hat.

Ein Gay-Anti-Valentins-Maskenball.

Quasi prädestiniert, um zu einem All you can fuck für die schwule Gesellschaft in und um Weidenhauszu werden …

Seit Monaten habe ich die Veranstaltungswerbung auf diversenPlattformen im Netz und auf Plakaten im Ort gesehen.

Es herrscht Kostümzwang, der Beziehungsstatus muss absolutzwingend Single sein, zudem trägt ausnahmslos jeder hier eine Maske, dielediglich die Augenpartie verdeckt.

Inkognito-Ficken also.

Ich seufze erneut.

Mein Outfit verdeckt immerhin noch mehr als die Hälftemeines trainierten Körpers, was ich von etlichen anderen Anwesenden nichtbehaupten kann.

Viele sind wohl wirklich hier, um sich auf dem bunten Büffetder Eitelkeiten als williges Fickfleisch anzubieten.

Müsste mir eigentlich gefallen, aber bislang konnte ichschlicht niemanden entdecken, der meiner Fantasie genug Spielraum gebotenhätte, um ihn anzusprechen.

Klar will ich ausnutzen, dass mich niemand erkennt, dass ichausnahmsweise einmal machen kann, was ich will, ohne über die Konsequenzennachdenken zu müssen, aber auch dabei habe ich gewisse Ansprüche.

Ein Halbnackter erfüllt sie per se nicht, weil mein Kopfkinodann nicht arbeiten muss.

Ich stehe eben auf Männer, denen ich beim Sex nicht den Mundverbieten muss, weil die gequirlte Scheiße, die sie sonst ablassen, mich totalabtörnen würde.

Stattdessen mag ich Köpfchen und Humor.

Ja, sogar bei One-Night-Stands.

Die Verkleidung kommt mir also wirklich gelegen, schließlichkann ich mich in meinem Job nicht irgendwo verschanzen, sondern stehe täglich vielen,vielen Menschen gegenüber.

Egal, jetzt ist Spaß befohlen, und genau den will ich, wennich ganz-ganz ehrlich zu mir selbst bin, auch wirklich haben.

Gut.

Von der Wand weg an die Balustrade. Runtergucken.

Prima Idee – jeder Arsch, der vorbeigeht, fühlt sich also abjetzt dazu bemüßigt, mir mindestens auf den Hintern zu klatschen oder wahlweisefest reinzugreifen.

Die ersten Kandidaten wehre ich noch ab, dann ziehe ich vor,es zu ignorieren.

Vielleicht entdecke ich ja ein besonders cooles Kostüm undfinde den darin befindlichen Kerl brauchbar?

Was sagt die Wahl einer Verkleidung wohl über denjenigenaus?

Während ich noch darüber grübele, wird mir bewusst, dass siegar nichts aussagt. Schließlich bin ich kein verkappter Seemann!

Während ich über die wogende Masse unter mir blicke,erscheint es mir plötzlich irrsinnig schlau, erst mal etwas zu trinken.

Möglicherweise lässt mein Anspruch sich dadurch verklären?


 

Wer hat mir eigentlich ins Hirn geschissen, mich auf diesenSchwachsinn einzulassen?

Valentinstag – sprich – Tag der Verliebten. Nichts weiter,als eine Erfindung der Konsumgüterindustrie, um den Leuten das Geld aus derTasche zu ziehen.

Ich weigere mich schon mein ganzes Erwachsenenleben lang,diesen Blödsinn mitzumachen. Warum habe ich mich bloß dazu überreden lassen,diese Anti-Veranstaltung zu besuchen?Im Grunde dient sie doch dem gleichen Zweck. Horrende Eintrittspreise, nochteurere Getränke. Da man als Single auftreten muss, gaukeln die Veranstalter denBesuchern doch nichts anderes vor, als könnten sie hier den Mann für ihreeinsamen Herzen finden.

So ein Bullshit!

Auf dieser Party findet man sicher nicht den Partner für einlanges, glückliches Leben. Außer willigem Fickfleisch wird einem nichtsgeboten.

Absolut nicht meine Welt. Ich stehe eher auf Typen, mitdenen ich ein sinnvolles Gespräch führen kann. Intelligenz törnt mich tausendmalmehr an als ein ansehnlicher, halbnackter Körper.

Ben, mein bis vor einer halben Stunde bester Freund, hatmich seit Wochen bearbeitet, ihn zu begleiten. Es wäre zu meinem Besten. Ichmüsste mal wieder raus, tanzen, Spaß haben.

Worin soll dieser Spaß bestehen?

Es einem notgeilen Hohlkopf zu besorgen?

Wenn ich mich in diesem Schuppen umschaue, sehe ich nichts, außernackter Haut und Männern, die albern durch die Gegend hüpfen, alles anbaggernund angrabschen, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

Ich bin froh, mich für das Zorro-Kostüm entschieden zu haben.Außer einem winzigen Stück meiner Brust, ist alles an mir bedeckt. Sogar meineHände stecken in Lederhandschuhen mit langen Stulpen. Nervig ist allerdings derGaucho-Hut. Er ist ziemlich schwer und obwohl ich noch nicht lange hier bin,staut sich die Hitze darunter. Meine Haare dürften inzwischen klatschnass amKopf anliegen, was mich daran hindert, ihn abzunehmen.

Ich rücke die breite Ledermaske zurecht, die meineAugenpartie verdeckt, allerdings auch mein Sichtfeld stark einschränkt.

Mir geht grade alles auf den Sack! Ständig rempelt michjemand an, fremde Hände nutzen das Gedränge, mich an den unmöglichstenKörperstellen zu berühren.

Sobald ich Ben in diesem Trubel wiederfinde, werde ich ihnschlachten. Der Schweinehund hat sich klammheimlich verpisst, kaum dass wir denSaal betreten hatten. So viel zu seinem Versprechen, wir würden uns gemeinsamamüsieren.

Wären die Karten für diese Horrorveranstaltung nicht so teuergewesen, würde ich mich auf dem Absatz umdrehen und verschwinden, aber dazu binich einfach zu geizig. Von daher marschiere ich jetzt in Richtung der meinemStandort am nächsten gelegenen Bar und bestelle mir Wodka-Cola. Immerhin istdas erste Getränk im Eintrittspreis enthalten.

Mit dem Glas in der rechten Hand lehne ich seitlich an derTheke und mustere mit abfälligem Blick das Treiben um mich herum.

„Hast du Lust, mit der Peitsche, die an deinem Gürtelbaumelt, heute zu spielen?“, säuselt mir jemand ins Ohr und greift dabei fest inmeinen Arsch.

Betont langsam wende ich mich ganz um. Neben mir steht einhalbes Hemd, gehüllt in eine Toga, die seinen Intimbereich nur notdürftigbedeckt.

„Wenn du mich noch mal angrabschst, wirst du es schnellererfahren als dir lieb ist!“, raunze ich ihn mit giftigem Blick an.

„Arschloch!“, zischt er und rauscht hoheitsvoll von dannen.

Na, das kann ja heiterwerden. Wütend leere ich mein Glas in tiefen Zügen. Heilige Scheiße! Diefabrizieren hier echt harte Mischungen. Ich sollte mich zurückhalten, sonst binich innerhalb kurzer Zeit abgefüllt und lasse mich zu einer Dummheit hinreißen.
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Published on September 01, 2023 08:39