[Leseprobe] - Lucky in Chains

 

Heute ist mein neunzehnter Geburtstag und ich habe michdarauf gefreut, lange zu schlafen und einfach nur rumzugammeln. Wie es mitsolchen Vorhaben aber meist läuft – sie gehen in die Hose.

Am Himmel zeigen sich gerade die ersten hellen Streifen desheraufziehenden Morgens, als ich mich bereits unruhig im Bett herumwälze.

Verhasste Gefühle lassen mich nicht mehr schlafen. MeineVergangenheit, die unsichere Zukunft, alles dreht sich wild im Kreis, gönnt mirkeine ruhige Minute mehr.

Zur Ablenkung schalte ich den Fernseher ein. Mit einemBecher Kaffee und meiner letzten Scheibe Brot krieche ich wieder unter diewarme Bettdecke.

Die über den Bildschirm flackernden Daily Soaps solleneigentlich für Zerstreuung sorgen, machen mich aber nur wütend. Wie kann mansich als halbwegs intelligenter Mensch regelmäßig solch einen unrealistischenScheiß angucken?

Den ganzen Vormittag zappe ich durch die Sender, finde hinund wieder eine Tierdoku, bei der ich hängen bleibe. Darauf konzentrieren kannich mich allerdings nicht, weil es in meinem Unterbewusstsein weiterhinbrodelt.

Geburtstag!

Alle Welt macht ein wahnsinniges Geschiss darum. Ich habe diesenTag nie gefeiert.

Warum auch? Das einzig Gute bestand bisher darin, derVolljährigkeit ein Stück näher zu kommen.

Allerdings mache ich mir jedes Jahr selbst ein Geschenk. Ichbediene keine Freier. Von diesem Grundsatz weiche ich nicht ab. Niemals!

Am Spätnachmittag habe ich die Schnauze voll.

Vom Grübeln, dem ätzenden Fernsehprogramm, eigentlich vonallem. Zusätzlich rebelliert mein Magen, meldet lautstark, dass er gefälligstmit anständiger Nahrung gefüllt werden will.

Aus meinem Kleiderschrank krame ich weite, schlabberige Klamottenhervor. Ich will nicht mit den aufreizend engen, tiefsitzenden Jeans und kurzenShirts auf die Straße. Das ist Arbeitskleidung und auf Diskussionen mit potenziellenKunden verspüre ich keinen Bock.

Mein strohblondes Haar stopfe ich, so gut es geht, unter einBasecap und ziehe den Schirm tief ins Gesicht. Auf diese Weise will ich meinekobaltblauen Augen verbergen.

Als ich anfing, auf den Strich zu gehen, habe ich schnell begriffen,das schwule Kerle mein auffälliges Aussehen total antörnend finden. Zwar binich nicht mehr so schlaksig und ungelenk wie mit sechzehn, aber immer nochextrem schlank. Selbst mein Gesicht weist bisher keine markanten männlichenZüge auf.

Fünfzehn Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt gibt esein preiswertes Restaurant. Das Essen ist saulecker und dort verkehren nurnormale Leute.

Da ich häufig hier esse, schenkt mir der Besitzer einstrahlendes Lächeln, als ich den Laden betrete.

„Wie immer?“, fragt er.

„Japp, und gib mir ein großes Bier.“

Nach zwei weiteren kühlen Blonden serviert er mir einriesiges Steak mit Pommes und Salat.

So laut mein Magen vorher nach Nahrung gebrüllt hat, als derTeller vor mir steht, ist der Hunger wie weggeblasen. Wenige Bissen genügen undsie liegen mir wie ein Stein im Magen.

Ein dicker Kloß blockiert meine Kehle.

Nur Bier kann dieses Hindernis überwinden und davon gönne ichmir noch ein paar.

~*~

Die Hände tief in den Taschen meiner ausgeblichenen,schlabberigen Jeans vergraben, stromere ich nach dem Essen gedankenverlorendurch die Straßen.

Dämmerung breitet ihr graues Tuch über die Stadt. In diesemViertel interessiert es jedoch niemanden. Hier erwacht das Leben gerade erst.

Eine grell beleuchtete Bar reiht sich an die nächste.Verrufene Kneipen öffnen ihre Tore und verschlingen ein Publikum, dem man imHellen geflissentlich aus dem Weg gehen würde.

Spärlich bekleidete, viel zu stark geschminkte Frauenstolzieren mit wiegenden Hüften durch ihr Revier.

Gutaussehende junge Männer in aufreizend engen Hosen undkurzen Tanktops gehen ebenfalls ihrem eindeutigen Gewerbe nach.

Erst als ich mehrfach angerempelt werde, wird mir klar, woich mich befinde. Meine Füße haben mich in das obligatorische Stricherviertelgetragen.

Missmutig verziehe ich den Mund.

Tja, da haben wir es wieder.

Ich grüble ständig darüber, welcher Komiker mir den Namen Luckyverpasst hat. An glückliche Zeiten erinnere ich mich nicht, und dass ich hiergelandet bin, spricht auch nicht gerade für meinen Namen.

Verdammt! Heute wollte ich ganz bestimmt nicht hierher, abergut, machen wir das Beste daraus.

Vor der Tür meiner Stammkneipe bleibe ich stehen und atmetief durch.

Beim Betreten des Lokals vermeide ich jeglichen Augenkontaktund suche mir, möglichst weit weg von den anderen Gästen, einen Platz an derTheke.

Keine Freier heute!

Das steht so fest, wie das Amen in der Kirche.

Spricht mich jemand an, reagiere ich nicht oder knurre böse.

Potenzielle Kunden habe ich so erfolgreich vertrieben undselbst Stricher, mit denen ich schon mal quatsche, halten sich mittlerweile vonmir fern. Selbst der Wirt wagt nicht mehr, mich in eine unserer üblichenUnterhaltungen zu verwickeln.

Die irritierten Blicke übersehe ich geflissentlich.

Mürrisch starre ich auf das Glas zwischen meinen Händen.Kampftrinken ist das Motto für den heutigen Abend. Kaum ist mein Glas geleert, genügtein Handzeichen, schon steht ein frisch gefülltes vor mir.

Irgendetwas ist heute anders als an meinen vergangenenGeburtstagen.

Früher hat dieser Tag die Wut auf meine Erzeuger geschürt.Den Zorn darüber, dass sie mich so einem beschissenen Leben übergeben haben.Jetzt fluten nur schmerzliche Erinnerungen mein Hirn.

Zum ersten Mal wird mir knallhart bewusst, dass man micheinfach entsorgt hat.

Wie Abfall.

Einen Haufen stinkenden Müll.

Etwas völlig Wertloses und Unnützes.

Es wäre humaner gewesen, mich, das unerwünschte Wesen,einfach abzutreiben. Damit hätte mir die Frau, die mich in diese triste Weltgeworfen hat, eine Menge Scheiße erspart.

Während ich verinnerliche, wie viele verschissene Lebensjahrenoch vor mir liegen, rebelliert mein Magen. Mir wird übel.

Nur der Umstand, dass die Kneipe voller Gäste ist, hält michdavon ab, über die Theke zu kotzen oder in Tränen auszubrechen.

Verdammt, Lucky, reiß dich zusammen. Hör auf, über diesen Scheißnachzudenken, du kannst es eh nicht ändern.

~*~

Kühle Luft weht herein, als sich die Kneipentür öffnet undjemand das Lokal betritt. Der kalte Hauch beschert mir eine Gänsehaut.

Dicht neben mir spüre ich eine Bewegung.

Na prima! Kann dieser Tag wirklich noch beschissener werden?

Ich richte mich kerzengerade auf, hoffe, dass meineKörperhaltung genug Unnahbarkeit und Abwehr ausstrahlt, um den neuen Gast davonabzuhalten, mir auf den Sack zu gehen.

„Gib mir ein Bier.“

Ein Schauer kriecht über meine Haut.

Diese Stimme!

Tief. Samtenes Timbre.

Die Härchen an meinen Unterarmen richten sich auf, als würdemich jemand streicheln.

Verdammt! Wie kann eine Stimme mit einem dermaßen profanenSatz nur so viel unterschwellige Erotik ausstrahlen?

Der rauchige Klang dringt mir in sämtliche Poren, lässt meinBlut schneller fließen. Vibrierend legt er sich in meinen Nacken, rieseltlangsam die Wirbelsäule hinunter.

Ich wehre mich vehement gegen meine Reaktionen. Weigere michstrikt, der drängenden Neugier nachzugeben, den Kopf zu heben und meinenNachbarn zu mustern.

Keine Freier!

Als der Wirt das Gewünschte vor dem Gast abstellt, ertöntdie Stimme erneut.

„Mach dem Zwerg auch eins.“

Zwerg? Hallo! Was soll der Scheiß?

Immerhin messe ich 1,80 Meter und die fallen mitSicherheit nicht unter Zwergengröße.

Ärgerlich presse ich die Lippen aufeinander, um nichtunbedacht einen blöden Spruch loszulassen.

So ein arroganter Arsch. Auf solche Wichser kann ich garnicht. Automatisch schließen sich meine Finger fester um mein Glas, das ichbisher in den Händen gedreht habe.

„Den lass lieber in Ruhe. Lucky ist heute nicht gut drauf“, entgegnetder Wirt.

„Man sollte meinen, jemand mit solch einem Namen wäreständig gut gelaunt.“

Ich spüre, wie der Sprecher sich mir zuwendet. Seine Blickehinterlassen eine brennende Spur auf meiner Haut. Es kostet mich sämtlicheWillenskraft, meinen Kopf nicht in Richtung des Mannes zu drehen.

„Leck mich!“, fauche ich stattdessen.

„Oh, ein rebellischer Zwerg. Komm schon, gib dir einen Ruck.Trink etwas mit mir. Allein schmeckt es mir nicht.“

Verdammt! Die Stimme säuselt, schnurrt, macht mich irre.

Heute ist echt ein beschissener Tag.

Laufend passieren Dinge, die mich aus der Bahn werfen.

Ich wehre mich gegen die Verlockung, fechte einen innerenKampf, aber meine Neugier siegt. Den Kopf heben, stur geradeaus in dieverspiegelte Front hinter der Theke starren, ist eins.

Hätte ich das bloß nicht getan!

Der Anblick, der sich mir bietet, lässt mich wie einen Fischauf dem Trockenen nach Luft schnappen.

Der Mann überragt mich um mindestens zehn Zentimeter.Rotbraunes, glänzendes Haar, ebenso ungebändigt wie meins, beeindruckend breiteSchultern.

Lächelnd wendet er den Kopf und die Blicke unsererSpiegelbilder kreuzen sich.

Dunkle, in diesem Licht fast schwarz erscheinende Augen treffenauf mein Kobaltblau. Atemlos, gebannt starren wir uns einige endlos scheinendeSekunden an, ehe der riesige Kerl millimeterweise näher rückt. Unsere Schulternberühren sich und wir zucken beide wie unter einem Stromschlag zusammen.

In Zeitlupe drehe ich mich um. Dicht stehen wir einandergegenüber. Erneut kreuzen sich unsere Blicke.

Millionen von Ameisen krabbeln über meine Haut. Das Blutrauscht wild durch meine Adern, in den Ohren dröhnt mein aus dem Takt geratenerHerzschlag.

Der Mann ist … ja, anders kann man es nicht ausdrücken …er ist einfach zu schön, um wahr zu sein.

Ein ebenmäßiges Gesicht. Volle Lippen, die zum Küssen einladen.Der leichte Bartschatten bedeckt seine Wangen und das markante Kinn.

Wie in Trance gleitet meine Hand unter die offenstehendeJacke, schiebt sie zur Seite. Meine Finger graben sich in seine Hüfte, ziehenihn näher heran. Nachgiebig folgt sein beeindruckender Körper dieserAufforderung. Kein Blatt passt jetzt mehr zwischen uns.

Aufreizend reibe ich mich an ihm, lege den Kopf in denNacken, betrachte weiter sein Gesicht. Fasziniert sehe ich, wie seine Augennoch eine Nuance dunkler werden.

„Wie heißt du?“, frage ich heiser.

Mein Atem streift dabei seine weich aussehenden Lippen.Bereitwillig öffnen sie sich, saugen tief die Luft ein.

„Dave. Mein Name ist Dave, kleiner Lucky. Und du gehörst absofort mir.“

BAM!

Als wäre neben mir eine Bombe explodiert, so laut erscheintder Knall, mit dem ich in der Realität aufschlage.

Abfällig schnaubend versetze ich dem Kerl einen heftigen Stoß,so dass er zwei Schritte rückwärts taumelt.

„Vergiss es! Ich gehöre nur mir und für einen Zuhälterarbeite ich mit Sicherheit nicht“, knurre ich zwischen zusammengebissenenZähnen hindurch und wende mich meinem Bier zu.

Die anfängliche Faszination ist verflogen, zurück bleibtleichtes Bedauern.

Ich brauche niemanden, der meine sauer verdiente Kohlekonfisziert. Erst recht keinen Scheißkerl, der mir die Fresse poliert, wenn dieKasse nicht hoch genug ist.

„Ich bin ganz sicher kein Zuhälter. Wir sollten uns unterhalten,dabei erfährst du auch, was ich beruflich mache. Was hältst du davon?“

„Hau ab! Lass mich in Ruhe! Ich bediene heute keine Freier.“

Ich nehme mein Glas und verziehe mich an einen Tisch in derhintersten Ecke des Lokals.

Auf dem Weg dort hin, starren mich die Gäste an. Manchebelustigt, andere süffisant grinsend. Zwei Stricher, die ich flüchtig kenne,erheben sich umgehend und streben Richtung Theke.

Genau, sollen die sich mit dem arroganten Spinnerbeschäftigen. Für mich ist das Thema durch.

~*~

Habe ich geglaubt, den Kerl durch meinen Abgang zuverscheuchen, werde ich schnell eines Besseren belehrt.

Kaum zwei Minuten später wabert sein betörender Duft um michherum.

Ehe Dave sich auf dem Stuhl mir gegenüber niederlässt, zupfter mir mit einer blitzschnellen Bewegung das Basecap vom Kopf.

Wutentbrannt hebe ich den Blick, sehe, wie seine dunklenAugen mich intensiv mustern.

„Na, sieh einer an, was da zum Vorschein kommt! Warumverbirgst du deine ungewöhnlichen Reize unter dieser blöden Kappe? Dazu deinefurchtbare Kleidung. So kannst du aber nicht viele Freier anlocken.“

Hitze bringt meine Wangen zum Glühen. Zu meiner Wut überseine Aufdringlichkeit gesellt sich Scham wegen meines abgerissenen Äußeren. Ichsenke den Kopf.

„Das ist Absicht. Ich will heute keine Freier bedienen und nurso kann ich sie mir einigermaßen vom Leib halten. Geh zurück an die Theke.Einer der Jungs bedient dich gerne. Wenn du genug zahlst, kannst du sogar beidehaben. Ihre Klamotten entsprechen wohl eher deinen Ansprüchen“, murmle ich.

„Die interessieren mich nicht. Sag mir lieber, warum du ständigbetonst, dass du heute nicht arbeiten willst?“

„Das geht dich nichts an. Ich will nicht. Basta! Hau endlichab und lass mich in Ruhe.“

Auch wenn ich mehr zur Tischplatte spreche, bin ich froh,meine Stimme wieder im Griff zu haben, um meine Worte energisch und abweisend klingenzu lassen.

Ich muss den Kerl unbedingt loswerden. Seine Fragen wühlen michnur weiter auf, bringen die ganzen blöden Gedanken und Gefühle, die mich schonden ganzen Tag verfolgen, zu sehr an die Oberfläche.

Scheiße, was ist bloß mit mir los? Nervös fahre ich mir mitbeiden Händen durchs Haar.

„Komm schon, Lucky. Erzähl es mir. Du machst mich immerneugieriger.“

Dave beugt sich über den Tisch, greift an mein Kinn und zwingtmich, ihn anzusehen.

Verdammt! Verdammt! Verdammt!

Die über dem Tisch befindliche Lampe leuchtet sein Gesichtaus. Seine Augen haben, wie ich jetzt erkennen kann, die Farbe bittererSchokolade.

Aus ihnen strahlen mir Mitgefühl und ehrliches Interesseentgegen. Ein freundliches Lächeln kräuselt seine Lippen.

Mein Herz setzt ein paar Takte aus, schlägt danach aufgeregtweiter, will mich dazu bringen, ihm zu vertrauen.

Was ist mit meinem Schwur, auf solche Anzeichen nie wiederhereinzufallen? Schließlich habe ich als kleines Kind schon gelernt, dass Freundlichkeitund Verständnis nur so lange vorgespielt werden, bis der andere erreicht hat,was er will.

Dieser Kerl kratzt jedoch mit seinem Verhalten an meinemPanzer, hat bereits tiefe Risse und Löcher verursacht.

Ausgerechnet heute bin ich nicht in der Lage, mich gegen solcheAngriffe zu schützen.

Wo sind die verdammte Wut und der Starrsinn, wenn man siebraucht?

Kunden sorgen sich nicht um einen Stricher.

Warum jetzt dieser Typ?

Ausgerechnet einer, der mir gefährlich unter die Haut geht.

Meine Abwehr bricht zusammen, mein Blick verschwimmt.

Ich blinzle, will die massiv heraufdrängenden Tränen vertreiben.Es gelingt mir nicht ganz, einige Tropfen finden den Weg über meine Wangen.

„Schluss jetzt! Du brauchst Ruhe. Ich zahle, danach fahrenwir zu mir. Dort wirst du mir sagen, was los ist. Vielleicht kann ich dirhelfen.“

Die rauchige Stimme, der fordernde Klang, dieHilfsbereitschaft, alles lässt mich schaudern.

Mein Kopf ist wie leergefegt.

Ohne weiter nachzudenken, erhebe ich mich. Mit müder Gestewische ich die nassen Spuren von meinem Gesicht und folge Dave.

Er begleicht beide Rechnungen beim Wirt. Meinen halbherzigenProtest stoppt er mit einer energischen Handbewegung. Gemeinsam verlassen wirdas Lokal.



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Published on December 02, 2024 03:08
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